Kommentar

Tilo Jung und Wim Wenders: Glaubensfrage Gaza 

Die Berlinale hat ihren ersten Skandal. Jurypräsident Wim Wenders hat eine Frage zum Leid in Gaza nicht so beantwortet, wie manche es sich wünschten. Man darf mutmaßen: Sie wollten ihn auch falsch verstehen.
Von Anna Lutz
Die Internationale Jury 2026: (v. l. n. r.) Shivendra Singh Dungarpur, Min Bahadur Bham, Bae Doona, Ewa Puszczyńska, Wim Wenders, HIKARI, Reinaldo Marcus Green

Es ist zur vielleicht wichtigsten Glaubensfrage dieser Tage geworden: „Wie hältst du es mit Gaza und Israel?“ Nicht nur in Meinungsspalten wird darüber gestritten. Und natürlich auch auf der Berlinale. Nicht umsonst gilt das Filmfestival als ausgesprochen politisch. Wer sich davon überzeugen möchte, der werfe einen Blick auf die Gewinnerfilme der vergangenen Jahre: 2024 etwa gewann mit „Dahomey“ ein Film über die Rückführung gestohlener afrikanischer Kunstschätze nach Benin. Im Vorjahresgewinner „Alcarràs“ ging es um den Konflikt zwischen Landwirtschaft und nachhaltiger Energie, in diesem Fall der Errichtung eines Solarparks. 2020 gewann mit „Es gibt kein Böses“, eine Auseinandersetzung mit der Todesstrafe im Iran. 

Die Berlinale ist nur politisch denkbar. Es gibt ihr auch ein Stück Daseinsberechtigung zwischen den galmouröseren Events wie „Sundance“ oder „Cannes“. Derzeit steht aber Jurypräsident Wim Wenders in der Kritik, weil er das Festival eben dieses Attributs berauben wolle. Im Mittelpunkt der Debatte steht – und auch das ist symptomatisch geworden für diese Filmfestspiele – der Israel-Gaza-Konflikt. 

„Genozid in Gaza“

Was war passiert? Auf einer Pressekonferenz richtete der Journalist Tilo Jung eine Frage an Wenders, die etwas verkürzt so lautete: „Die Berlinale als Festival hat bekanntermaßen Solidaritität mit den Menschen im Iran und in der Ukraine gezeigt, aber niemals mit Palästina“, holte Jung aus. Da die Bundesregierung einen „Genozid in Gaza“ unterstützt habe und zugleich Förderer der Berlinale sei, wolle er wissen, ob Wenders als Jurymitglied „diese selektive Behandlung der Menschenrechte“ gutheiße. 

Zunächst: Fragen dürfen auch weniger suggestiv gestellt werden. Aber wer Jung kennt, etwa auch aus der Bundespressekonferenz in Berlin, der weiß, dass die Provokation hier zum Programm gehört. Geschenkt. Wichtiger ist, wie Wenders antwortete. Nach langer Vorrede einer anderen Jurykollegin sagte er: „Wir müssen uns aus der Politik raushalten, denn wenn wir Filme machen, die ausdrücklich politisch sind, dann betreten wir das Feld der Politik, aber wir sind das Gegengewicht der Politik. Wir sind das Gegenteil der Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die der Politiker.“ Zuvor hatte Jurykollegin Ewa Puszczyńska erklärt, in Filmen gehe es um Empathie und darum, Menschen zu verstehen. 

Debatte statt Empörung

Zugegeben, wer Wenders hier missverstehen will, der kann das problemlos tun. So wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die einen geplanten Besuch bei der Berlinale nach Wenders Aussagen aus ihrem Kalender strich. Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein solle, sei schockierend, argumentierte sie. Und weist damit auf ein Symptom unserer Zeit hin: Wer missverstanden werden kann, der wird es auch. Denn natürlich ist es sehr leicht, sich zu empören, aber sehr schwer, zu diskutieren. Oder gar Gesagtes im Kontext zu betrachten. 

Sicher, Wenders, dessen Werk übrigens auch vom christlichen Glauben geprägt ist, wollte sich nicht zu Gaza an sich äußern. Wen wundert‘s, nach dem handfesten Antisemitismusskandal, den die Berlinale 2024 hatte und dessen Schatten sogar im vergangenen Jahr noch über dem Festival lag. Dennoch wäre es verkürzt, seine Worte als Plädoyer für unpolitische Kunst zu verstehen. Das würde nicht zur Berlinale passen und auch nicht zu Wenders selbst. 

Denn natürlich sind dessen Dokumentar- und Autorenfilme immer auch als Gesellschaftskommentar zu verstehen. Sein wohl bekanntestes Werk „Der Himmel über Berlin“ ebenso wie etwa seine Papst-Dokumentation „Ein Mann seines Wortes“. Und doch sind sie nicht in dem Sinne politisch, dass sie den Zuschauer aufrufen, eine bestimmte Haltung einzunehmen, die der Autor als richtig erachtet. Wie Puszczyńska sagte: Sie wecken Empathie. Aber die Filmemacher werden nicht selbst zu Politikern. 

Gegen politischen Aktivismus

Ein gutes Beispiel dafür, wie das geht, gab der Auftaktfilm der diesjährigen Berlinale „No Good Men“, der in Afghanistan spielt und zeigt, wie eine Frau sich durch eine patriarchal geprägte Gesellschaft kämpft. Am Ende steht das Jahr 2021 und die Machtergreifung der Taliban und man will am liebsten weinen, wenn man die Massen am Kabuler Flughafen sieht, die vor dem Terror fliehen wollen. Der Zuschauer ist dem Film voraus und das macht die Tragik aus: Man weiß schon, dass es vielen nicht gelingen und Afghanistan zu einem Terrorstaat werden wird, besonders für Frauen. 

Das ist zutiefst politisch, aber es ist auch zutiefst künstlerisch, denn Regisseurin Shahrbanoo Sadat ruft nicht zu politischen Maßnahmen auf. Wohl aber weckt sie Empathie, zeigt das Leid der Menschen dort und sorgt dafür, dass es nicht vergessen wird. Es wird sich zeigen, welchem Film Wenders und seine Jury in diesem Jahr den goldenen Bären verleihen. Dass es ein Film ohne politische Aussagekraft sein wird, ist eigentlich nicht zu erwarten. Die Berlinale zeigt selten Unterhaltungskino. 

Und allein das macht deutlich: Auch Wenders will keinen unpolitischen Film. Aber eben auch keinen politischen Aktivismus in Filmform. So hätte er es vielleicht besser ausgedrückt. Denn das ist richtig so und so hätte man ihn auch verstehen können, wenn man gewollt hätte. Stattdessen war ein etwas unglückliches wörtliches und aus dem Kontext der Pressekonferenz gerissenes Zitat nun wieder einmal Grund genug für Empörung. Denn Empörung ist zum deutschen Volkssport geworden. Gerade in Zeiten des Gazakrieges.  

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