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Von Ost-Quote bis Medienbildung

Die Otto-Brenner-Stiftung untersucht in einem Diskussionspapier wie Medien zu den Unterschieden zwischen Ost und West beigetragen haben. Empfehlungen für die Zukunft reichen von der Ost-Quote in Sendern bis hin zur Medienbildung.
Von PRO
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Brandenburger Tor beim Festival of Lights Foto: Christian Lue
30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Unterschiede zwichen Ost und West immer noch erkennbar

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Landesteilen. Im Osten sind die Löhne durchschnittlich niedriger als in den westdeutschen Bundesländern, die Arbeitslosigkeit ist hingegen etwas höher, weniger große Firmen sind hier angesiedelt; und hier sind mehr Menschen dem Staat und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegenüber kritisch eingestellt. Doch warum ist das immer noch so? Wie könnte man das ändern? Diesen Fragen widmet sich Lutz Mükke, Journalist, Publizist und ehemaliger Direktor am Europäischen Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig in einem Diskussionspapier der Otto-Brenner-Stiftung. Sein Fokus liegt dabei auf der Rolle der westdeutschen Massenmedien und der Frage, wie deren Berichterstattung nach der Wende möglicherweise die heutige Situation festgeschrieben hat. Für seine Befunde stützt er sich auf vorhandene Studien und interviewt mehrere Experten.

Mükkes Handlungsempfehlung für die Zukunft lautet: Mehr Partizipation statt Ausgrenzung für den Osten. Beispielsweise sollten ARD und ZDF die Sichtbarkeit Ostdeutscher in der Führungsriege und in zentralen Nachrichtensendungen wie „Tagesschau“ und „heute“ deutlich erhöhen. Dafür kann Mükke sich auch eine Quotenregelung für Ostdeutsche vorstellen. Das Bundesforschungsministerium sollte einen Fonds gründen, um die Rolle von Medienpolitik und Propaganda im Vereinigungsprozess zu erforschen. Die Mittel könnten dann bevorzugt an ostdeutsche Forschungseinrichtungen ausgegeben werden.

Landesregierungen der Neuen Bundesländer sollten mehr Finanzmittel bekommen, meint Mükke. Mit diesen sollten ostdeutsche Organisationen demokratiefördernde Veranstaltungsreihen in mittlernen und kleineren Gemeinden ausrichten. Sie könnten so gesellschaftliche Gespräche über Journalismus und Massenmedien anregen. Im Westen sollten Medienunternehmen und Verlegerverbände ihre Archive für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Berichterstattung nach der Wiedervereinigung öffnen. Zudem fordert Mükke, dass Parteien Konzepte dafür entwickeln, wie sie mit den Konsequenzen dieser großen Verwerfungen umgehen wollen. So könnten ernsthaft Lehren aus den aktuellen Zuständen gezogen werden.

Eine Forderung schickt Mükke auch an die überregionale – westdeutsche – Qualitätspresse: Die sollte sich „öffentlich mit der Frage auseinandersetzen, weshalb sie im Osten seit 30 Jahren kaum Absatz findet“.

Befunde aus der Wissenschaft

Für die Frage der Repräsentation und der Teilhabe der Ostdeutschen in der neuen Bundesrepublik, diskutiert Mükke den Abschlussbericht der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ des Innenministeriums. Aus dieser Studie gehe ein Zusammenhang zwischen der geringen Zahl der Ostdeutschen in Medien und Politik und deren passiver Haltung gegenüber der Politik hervor. Beispielsweise hätten seit 1989 zwischen zwei und drei Millionen der besser ausgebildeten Ostdeutschen die Neuen Bundesländer verlassen. Ein Großteil des wirtschaftlichen und sozialen Potentials sei somit freigeworden. Dieses hätte dann der Westen übernommen.

Mükke führt ferner eine Studie der Universität Leipzig und des Mitteldeutschen Rundfunks an: „Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung“. Diese komme zu einem ähnlichen Ergebnis und merke außerdem kritisch an, dass oft eine Frauenquote gefordert werde, aber niemand über eine Ostdeutschenquote für Führungskräfte rede. Zum Beispiel habe 2016 der Anteil der Ostdeutschen in ihren eigenen Bundesländern bei den obersten Richtern nur 5,9 Prozent betragen. 9 Prozent bei den Geschäftsführern der Zeitungsverlage und 25 Prozent der Bereichsleiter sowie Chefredakteure in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hätten einen ostdeutschen Hintergrund gehabt. Auch bundesweit seien ostdeutsche Führungskräfte stark unterrepräsentiert.

Mehr Vielfalt in den Medien

Laut Bundesinnenministerium habe sich nach 30 Jahren im Osten das Gefühl festgesetzt, minderwertige, gar „Bürger zweiter Klasse“ zu sein. Jahrelang hätten die westlich dominierten Massenmedien den Osten und seine Bevölkerung stereotypisiert. Der Vertrauensverlust in demokratische Institutionen im Osten hänge daher auch mit den Medien zusammen. Von Mükke zum Thema Medien-Wende befragt, erläutert Heiko Hilker, Direktor des Dresdner Instituts für Medien, Bildung und Beratung: Um Vielfalt in einer Demokratie zu sichern, müssten die Massenmedien Meinungsverschiedenheiten und Hintergründe wieder komplexer aufarbeiten. Auf die Vielfalt in der Berichterstattung solle man sich wieder zurückbesinnen.

Dennoch ergänzt Mükke, dass sich über die vergangenen Jahre immer mehr Ostdeutsche zu Wort meldeten. Sie würden sich intensiv und bisweilen auch scharfzüngig in den Diskurs über die Massenmedien und ihr Verhältnis zu Ostdeutschland einbringen. So mache sich beispielsweise der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff (CDU) dafür stark, mehr Ostdeutsche in der Spitze des NDR oder RBB einzusetzen. Dies sei ihm scheinbar so wichtig gewesen, dass er sich im vergangenen Jahr mit allen Konsequenzen gegen die Gebührenerhöhung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestellt habe, folgert Mükke.

Von: Jonathan Schradi

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Eine Antwort

  1. Quote ist demokratie- und menschenfeindlich.
    Denn mit einer Quote wird nicht der einzelne Mensch gesehen, sondern zuerst seine Gruppenzugehörigkeit.

    Es wird nie “genug” Quoten geben.
    Denn es gibt unendliche Möglichkeiten “diskriminierte” Gruppen zu definieren: Hautfarbe, Herkunft (In-/Ausland, Ost-/Nord-/Süd-/West-Deutschland), Geschlecht, Religion, Alter, Ehestand, Kinderzahl, Einkommensklasse, Behinderung, Sprache/Dialekt, persönliche Vorlieben, politische Einstellung, sexuelle Orientierung, Krankheitsgeschichte, körperliche Belastbarkeit, usw. usw. usw.

    Will man wirklich die Gesellschaft in so viele anspruchsberechtigte Teilmengen zergliedern, dass der Staat in jeden persönlichen Lebensvollzug hineinregieren kann?
    Wo Person war, soll Gruppe werden.
    Der totgeglaubte Geist der Ständegesellschaft spukt wieder, ausgerechnet in der vermeintlichen Jetzt-Zeit.

    So wird unsere Gesellschaft immer zerrissener.
    So entstehen neue Ungerechtigkeiten im Wahn, “Gerechtigkeit” zu schaffen.
    So wird unter dem Namen “Toleranz” die Intoleranz praktiziert.
    Wollen wir das wirklich?
    – Eine Gesellschaft, wo nur deine Gruppe zählt und deine Herkunft entscheidet?

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