Zwischen Algorithmus und Abschied

Der Tod ist unausweichlich, der Umgang mit ihm verändert sich: Auch Sterben und Trauer werden zunehmend digital. Auf der Messe „Leben und Tod“ warnten Experten jedoch vor problematischen Entwicklungen.
Von Johannes Blöcher-Weil
Bei der Messe in Freiburg wurde auch die Digitalisierung des Todes thematisiert

Die Digitalisierung erfasst schon lange Lebensbereiche, die eigentlich als zutiefst menschlich, unantastbar und privat gelten: Krankheit, Trauer und Sterben. Auf der Messe „Leben und Tod“ in Freiburg wurde intensiv darüber diskutiert, wie stark sich der Umgang mit dem Lebensende durch Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Angebote verändert hat – und verändern darf.

Während Tech-Optimisten in Algorithmen neue Chancen für Trost, Entlastung und Begleitung sehen, mahnten Ethiker und Theologen in Freiburg zur Besonnenheit. Im Fokus vieler Seminare und Vorträge stand die Frage, was KI in der Seelsorge und in der Begleitung Sterbender leisten kann und wo sie an ihre Grenzen stößt.

Zur Vorsicht rief der Medizinethiker Giovanni Maio auf, in dem er vor zu viel Enthusiasmus im Umgang und auch Naivität bei der Nutzung Künstlicher Intelligenz warnte. Er sei nicht sinnvoll, alle Probleme der KI zu überlassen. Vielmehr müsste immer der Mensch in den Mittelpunkt gestellt werden. Nur so könnten echte Lösungen für die individuellen Probleme der Trauernden und Sterbenden gefunden werden: „Dabei kann die KI helfen. Aber sie ist kein Allheilmittel.“

Welt in Datenform gibt nur einen Ausschnitt wieder

Wer die Welt vollständig in Daten abbilde, nehme immer nur einen Ausschnitt wahr. Die KI könne zwar viele Probleme berechnen, klammere aber dabei die Sinnfrage und die menschliche Intuition aus. Das Verstehen von Sterben und Tod bleibe dem Menschen vorbehalten. Kritisch empfindet es Maio auch, wenn Mediziner damit beginnen, der KI blind zu vertrauen und sich nicht mehr auf ihr eigenes Einfühlungsvermögen verließen.

Die Ausstellung auf der Messe zeigte, wie vielfältig mittlerweile die Bestattungskultur ist (Foto: PRO/Dr. Johannes Blöcher-Weil) Foto: PRO/Dr. Johannes Blöcher-Weil
Die Ausstellung auf der Messe zeigte, wie vielfältig mittlerweile die Bestattungskultur ist

Der Wiener Theologe Jonas Simmerlein beleuchtete Chancen und Risiken einer „religiösen KI“ am Lebensende. Tatsächlich zeigten Studien, dass Menschen in diesen Situationen weniger Angst hatten, sich Chatbots zu öffnen oder einem Roboter zu beichten. Dieser habe den Vorteil, dass er rund um die Uhr verfügbar sei, während Therapie- und Seelsorgeplätze häufig fehlten.

Simmerlein war einer der wenigen Referenten in Freiburg, die darauf hinwiesen, dass die christliche Theologie auf einem Gott gründe, der Mensch geworden sei und menschliches Leiden physisch erlebt hat. Weil echte Seelsorge auch „gemeinsames Verwelken“ bedeute, sei es wertvoll, diese kostbare Zeit mit einem echten Menschen zu teilen und die eigene Endlichkeit gemeinsam auszuhalten.

Suizidassistenz ist zum lukrativen Geschäft geworden

Viele Tech-Utopisten würden genau davor fliehen und träumten von der digitalen Unsterblichkeit. Während manche Hinterbliebene sich damit trösten könnten, mit einer Imitation des verstorbenen Großvaters zu sprechen, warnen Experten vor neuen Formen der Verdrängung und tiefgreifenden Eingriffen in eine gesunde Trauerkultur.

Klare Worte in der Debatte zum Lebensende fand auch Susanne Kränzle. Die Vorsitzende des Deutschen Hospizverbandes erteilte allen Aufweichungen zur Suizidassistenz eine klare Absage: „Es gibt keine würdelosen Sterbesituationen. Wir gehen mit unseren Patienten achtsam um.“ Sie warnte davor, dass Sterbehilfe-Organisationen das „selbstbestimmte, würdevolle Sterben“ für sich vereinnahmen würden.

Seit das Bundesverfassungsgericht 2020 den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches für nichtig erklärt hat, der die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung untersagte, sei die Suizidassistenz zum lukrativen Geschäft geworden. Viele würden sogar mit Rabattangeboten auch schon die Angehörigen der Sterbenden locken.

Emotionen in einer geschützten Umgebung loswerden

Kränzle vermisst in allen Debatten rund um das Thema den Ansatz, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist. Sie zeigte sich besorgt, dass Suizid zu etwas Normalem wird: „Das Leben und das Lebensende sind nicht verfügbar. Ich fürchte mich davor, dass die Grenzen immer weiter verschoben werden. Wir müssen sagen, dass uns das besorgt und es immer Alternativen gibt.“

Ganz andere Aspekte beleuchteten ein Soziologe und ein Gamer. Der Soziologe Stefan Selke warnte, dass die Effizienz der KI wie ein Fetisch sei. Wenn das Leben der Menschen nur noch über Datensätze und Bilder im Internet mit Hilfe der KI dargestellt und definiert werde, verändere sich die Erinnerungskultur. Selke kritisierte, dass Menschen dann nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als kopierte Existenzen vorkämen. Der Gamer Ingo Redenius ermutigte, auch Computerspiele kreativ zu nutzen, um Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer zu begleiten und den Tod in einer geschützten Umgebung zu enttabuisieren. In virtuellen Räumen fänden Betroffene eine geschützte Umgebung für ihre Emotionen und die eigene Sprachlosigkeit.

Auf der Messe gab es nicht nur Beratungsangebote und Vorträge zu Themen, wie Nahtoderfahrungen, Rituale in der Trauerarbeit oder Schwellen in der Sterbebegleitung, sondern auch Lesungen, Live-Musik und interaktive Angebote zum Thema Tod, Trauer und Sterbebegleitung. Die zwei Tage Messe und die vielen Vorträge haben gezeigt, dass die Digitalisierung und der Einsatz Künstlicher Intelligenz auch in diesem Bereich nicht mehr aufzuhalten sind: ob bei Trauerreden, die mithilfe von KI verfasst werden, QR-Codes auf Grabsteinen, auf denen Fotos, Videos, Lieblingslieder, Lebensgeschichten und Kondolenzbücher hinterlegt werden können oder eben Roboter mit denen man beichten und beten kann und die in Asien immer mehr auf dem Vormarsch sind.

Künstliche Intelligenz kann auch auf dem letzten Weg hilfreich sein und Lasten abnehmen. Aber sie sollte nie das letzte Wort haben. Die Stunden am Sterbebett, das Miterleben von Schmerz und das Mitfühlen beim Abschied brauchen echtes Mitgefühl und Empathie. Es ist der Anfang eines Prozesses, in dem sich Kirchen, Theologen und gesellschaftliche Akteure positionieren müssen und sollten.

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