Ute Lewitzka ist die erste Professorin für Suizidprävention in Deutschland. Im Interview mit PRO spricht sie darüber, warum Menschen sich das Leben nehmen, wie das zu verhindern ist und was Medien und Politik dazu beitragen können.
Von Anna Lutz
Foto: Oskar Schlechter
Ute Lewitzka ist seit November 2024 Inhaberin der deutschlandweit ersten Professur für Suizidologie und Suizidprävention an der Goethe-Universität Frankfurt
PRO: Frau Lewitzka, wie wird man eigentlich Expertin für Suizidologie?
Ute Lewitzka: Zur Suizidforschung kam ich durch meine Doktorarbeit. Bis heute mag ich die Arbeit mit suizidalen Menschen und vor allem, sie durch diese schwerste Zeit zu begleiten und zu erleben, dass sie am Ende sagen: Bloß gut, dass ich noch lebe.
Das Überleben ist ein Aspekt, der in der derzeitigen Debatte über Suizid und Sterbehilfe recht kurz kommt, oder?
Ja, ich finde schon, dass dieser Aspekt in der Debatte zu kurz kommt. Der Wunsch nach Kontrolle über das eigene Lebensende ist menschlich gut verständlich. Ich wäre nur vorsichtig bei der Vorstellung, Sterben lasse sich vollständig planen oder beherrschen. Aus der Palliativmedizin wissen wir, dass auch ohne Suizidassistenz ein würdevolles Sterben möglich ist, wenn Menschen medizinisch, pflegerisch und menschlich gut begleitet werden.
Zur Person
Seit dem 1. November 2024 ist Ute Lewitzka, Jahrgang 1972, Inhaberin der deutschlandweit ersten Professur für Suizidologie und Suizidprävention an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie forscht unter anderem zu den Ursachen suizidalen Verhaltens und entwickelt Präventionsprogramme. Ehrenamtlich ist sie unter anderem Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
Im Jahr 2025 haben sich rund 10.000 Menschen in Deutschland das Leben genommen. Eine seit Jahren recht stabile Zahl. Warum haben sie keinen Sinn mehr im Leben gesehen?
Ich korrigiere: Vom Jahr 2021 zu 2022 sind die Suizidzahlen um fast zehn Prozent gestiegen. Das hat uns ganz schön erschrocken. Der Trend hat sich nicht so stark fortgesetzt, zeigt aber weiterhin nach oben. Das hat auch mit der breiten Debatte über Sterbehilfe zu tun, denn auch Suizidassistenzen fallen in die Suizidzahlen und wir wissen, dass diese Fälle zunehmen. Der Rest der Zunahme ergibt sich auch aus dem Zustand der Gesellschaft: Krisen, Krieg und Katastrophen. Immer dann, wenn es einer Gesellschaft nicht gut geht oder wenn sehr viele soziale Ungewissheiten oder Belastungen da sind, macht das etwas mit den Menschen. Der zentrale Risikofaktor bleiben psychische Erkrankungen. Nach Studien liegt bei 60 bis 70 Prozent der Menschen zum Zeitpunkt des Suizids eine psychische Erkrankung vor; manche Untersuchungen gehen sogar von bis zu 90 Prozent aus. Und wir wissen aus der Forschung, dass auf große Ereignisse wie Naturkatastrophen, Pandemien oder Wirtschaftskrisen oft mit zeitlicher Verzögerung ein Anstieg der Suizidrate folgt. Innerhalb der Katastrophe gehen die Zahlen eher runter, das haben wir in der Coronazeit auch gesehen. Die Leute rücken zusammen, halten gemeinsam durch. Aber wenn sie danach realisieren, was und wen sie verloren haben und was kaputtgegangen ist, dann kann das einen deutlichen Einfluss haben.
Was bedeutet das mit Blick auf die kommenden Jahre?
Ich gehe davon aus, dass die Suizidraten weiter ansteigen werden.
Zwei Drittel derer, die sich das Leben nehmen, sind Männer. Warum spielt Suizid für Frauen eine geringere Rolle?
Tatsächlich gibt es mehr junge Frauen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen. Männer wählen tendenziell häufiger die sogenannten letalen Methoden, die also wahrscheinlicher zum Tode führen. Frauen wählen eher die weicheren und überleben den Versuch dann. Außerdem sind viele Männer immer noch schlechter darin, sich in Krisen Hilfe zu suchen. Und Männer weisen häufiger Persönlichkeitseigenschaften auf, die das Suizidrisiko erhöhen, etwa draufgängerisches oder aggressives Verhalten. Alkoholismus spielt auch eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit Suizidalität und das findet man häufiger bei Männern als bei Frauen.
Welchen Einfluss hat ein Glaube an Gott auf suizidale Tendenzen?
Das Gemeinschaftsgefüge religiöser Gruppen, soziale Bindungen, schützt vor Suizid. Es gibt neuere Studien darüber, dass homogene Populationen, etwa wenn alle dieselbe Religion haben, besser geschützt sind als sehr plurale Populationen. Der Effekt, dass Religionen schützen, ist stärker zu sehen in westlich geprägten Kulturen als in anderen. Aber natürlich ist das keine Einbahnstraße: Wenn Religion dazu führt, dass ein Mensch mit einer manifesten psychischen Erkrankung keine Hilfe in Anspruch nimmt, weil er denkt, Gott wird es schon fügen, dann hebt sich das natürlich auf.
Was genau schützt, der Glaube oder die Gemeinschaft?
Die Gemeinschaft und eine feste Struktur, wobei ich davon ausgehe, dass ein Glaube auch entlasten kann und Stabilität stärkt.
Die höchsten Suizidraten gibt es im Alter zwischen 50 und 60. In der Pubertät aber ist Suizid die häufigste Todesursache.
Die Rate geht grundsätzlich mit zunehmendem Alter steil nach oben. Am höchsten ist sie bei alten bis hochalten Männern. Bei alten Menschen ist etwa Einsamkeit ein Risikofaktor für Suizid. Dazu kommen aber auch psychische Erkrankungen. Depressionen zum Beispiel werden bei älteren Männern oft nicht erkannt. Bei den 50- bis 60-Jährigen spielt auch der Wechsel von Lebensphasen eine Rolle bei der Suizidalität. Frühpensionierung etwa oder Veränderungen im Berufsleben, weniger Erziehungsarbeit, die Frage nach dem Sinn. Außerdem ist es die Phase, in der häufiger körperliche Erkrankungen auftreten, Krebs etwa oder Herzerkrankungen. Jugendliche haben statistisch gesehen sehr wenige Suizide, aber es gibt auch kaum andere Todesursachen. Viele Jugendliche erleben im Rahmen der Pubertät Krisen. Außerdem treten 75 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor dem 25. Lebensjahr das erste Mal auf. Jugendliche kommen jedoch oft nur unzureichend in Behandlung, weil ihre Schwierigkeiten schnell als vorübergehende Phase eingeordnet werden. Die Versorgungslage im Jugendbereich war schon vor der Corona-Pandemie schlecht und hat sich seither deutlich verschlechtert. Wichtig ist in dem Kontext aber auch: Es ist nie nur ein Grund – viele Faktoren sind an der Entstehung suizidalen Verhaltens beteiligt.
Foto: vbaleha, fotoliaAbgeordnete des Bundestages wollen schon bald erneut über ein Gesetz zur Suizidbeihilfe debattieren
Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder kritisch zu sogenannten Sterbehilfeorganisationen geäußert. Wieso lehnen Sie deren Arbeit ab?
Ich respektiere die Möglichkeit der Suizidassistenz. Ich respektiere auch das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 2020, das den Zugang dazu in Deutschland garantiert.
Das Bundesverfassungsgericht urteilte damals, dass jedem Menschen Hilfe beim Sterben zusteht, und kippte damit ein regulierendes Gesetz, das die Arbeit von Sterbehilfevereinen praktisch verboten hat…
Genau. Ich bin dennoch dagegen, diese Art des Sterbens als Geschäftsmodell zu fördern. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Es sollte doch möglich sein, dass Menschen hier gut alt werden und gut sterben können ohne Suizid. Dazu bräuchte es aber überall gute hospizliche und palliative Strukturen, die wiederum viel Geld kosten.
„Ich bin überzeugt, dass auch ein natürliches Sterben würdevoll und gut begleitet möglich ist.“
Die Zahl, derjenigen, die durch die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben Suizidassistenz in Anspruch nehmen, steigt – und zwar deutlich. Zwischen 2023 und 2025 hat sie sich verdoppelt.
Das hat auch mit der Mediendarstellung des Themas zu tun. Denken Sie an den Tod der Kessler-Zwillinge.
Das Künstlerduo, das sich im November 2025 gemeinsam mit Beihilfe Dritter das Leben nahm …
Die Berichterstattung darüber war hochproblematisch. Zwar haben viele Medien inzwischen verstanden, dass das Thema Suizidalität in der Darstellung äußerste Sensibilität erfordert. Offenbar ist jedoch noch nicht hinreichend angekommen, dass dies gleichermaßen für die Suizidassistenz gilt.
Im Bereich der Medien spricht man von einem Werther-Effekt, man geht basierend auf dem Buch von Goethe davon aus, dass Menschen, wenn sie Berichte über Suizide hören, zur Nachahmung neigen. Sie sagen: Wir müssen mehr darüber sprechen. Wie passt das zusammen?
Es gibt nicht nur Werther, sondern auch den Papageno-Effekt. Die Forschung zeigt klar: Wenn ich über Suizidalität und vor allen Dingen suizidale Krisen berichte, mit der Perspektive, was diesen Menschen geholfen hat, sie durchzustehen, dann hat das einen Schutzeffekt. Medien können also aufklären, Wissen vermitteln, Geschichten darüber erzählen, wie Menschen es geschafft haben, eine schwere Krise zu meistern.
Sie weisen immer wieder darauf hin, dass das stärkste Mittel zur Reduktion von Suiziden die Methodenrestriktion ist. Also etwa: Zugang zu todbringenden Medikamenten einzuschränken. Vor diesem Hintergrund ist die Gesetzgebung der vergangenen Jahre doch dramatisch: Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben festgestellt und zwingt den Staat damit quasi, Suizid zu ermöglichen, oder?
Ich würde nicht sagen, dass das Gericht den Staat „zwingt“, Suizid zu ermöglichen. Aber es hat einen rechtlichen Rahmen geschaffen, der aus suizidpräventiver Sicht hochproblematisch ist. Denn wir wissen, dass Methodenrestriktion eines der wirksamsten Mittel der Suizidprävention ist. Wenn zugleich eine suizidale Methode breiter zugänglich wird, noch dazu ohne hinreichende Regulierung, dann ist das ein deutlicher Widerspruch.
Hintergrund zur Gesetzgebung
Im Februar 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz für verfassungswidrig, das unter anderem die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung verbot. Betroffen waren von diesem Verbot vor allem die sogenannten Sterhebhilfevereine, die Menschen bei einem geplanten Suizid behilflich sind. In der Erklärung des Gerichts hieß es damals, das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasse ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Das schließe die Freiheit ein, „sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen“. Um die Suizidbeihilfe verfassungskonform zu regulieren, arbeitet der Bundestag an einem neuen Gesetz, das noch vor der Sommerpause beschlossen werden soll. 2023 scheiterte die Gesetzgebung, weil zwei von überfraktionellen Gruppen eingebrachte Vorschläge nicht die notwendige Mehrheit erzielten. Dieses Mal soll es nur einen einzigen Entwurf geben.
Bis zum Sommer wollen Parlamentarier im Bundestag ein neues Gesetz zur Suizidassistenz auf den Weg bringen. Was soll drin stehen?
Es gibt auch Kritik an einer gesetzlichen Regulierung der Suizidassistenz, weil sie dazu beitragen könnte, diese Praxis weiter zu normalisieren. Diese Sorge ist nicht unbegründet. Gleichwohl geht es mir nicht darum, Menschen das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen oder ihnen einen bestimmten Weg am Lebensende vorzuschreiben. Entscheidend ist vielmehr, die gesellschaftlichen Folgen einer solchen Entwicklung in den Blick zu nehmen — zumal sich in anderen Ländern bereits beobachten lässt, wie sich entsprechende Praktiken schrittweise normalisieren. Damit wächst auch die Gefahr, dass sich der Staat seiner Verantwortung entzieht, die Voraussetzungen für ein gutes Altern, gute Pflege und eine verlässliche Begleitung am Lebensende zu schaffen. Ich bin überzeugt, dass auch ein natürliches Sterben würdevoll und gut begleitet möglich ist. Im Einzelfall mag der Wunsch nach Suizidassistenz nachvollziehbar sein. Problematisch wird es jedoch, wenn sich zunehmend die Vorstellung verfestigt, nur dieser Weg sei würdevoll, obwohl häufig ganz andere Motive eine Rolle spielen — etwa die Angst, anderen zur Last zu fallen, oder das Empfinden, nicht mehr in die gesellschaftlichen Vorstellungen von Autonomie und Leistungsfähigkeit zu passen.
Was wünschen Sie sich also?
Zu einer Regulierung gehört für mich unbedingt eine Beratung und zwar ergebnisoffen, neutral und nach dem Vier-Augen-Prinzip. Es kann nicht sein, dass ein Arzt alleine alles macht, von Beratung über Durchführung bis hin zur Ausstellung der Todesbescheinigung. Das ist absurd und das geschieht im Moment.
Wie müsste die Arbeit der Sterbehilfeorganisationen reguliert werden?
Es muss ein Monitoring geben: Zahlen, Orte, Gründe, Motive, all das muss offengelegt werden. Es muss ein Register geben und eine Art Meldepflicht. Derzeit wird gar nicht geprüft, was Sterbehilfeorganisationen oder einzelne Sterbehelfer tun.
So, wie es aussieht, wird es im Bundestag einen fraktionsübergreifenden Vorschlag geben und zwar einen gemeinsamen von den Gruppen, die beim letzten Gesetzgebungsversuch verschiedene Entwürfe präsentiert haben. Von denen bekam keiner eine ausreichende Mehrheit. Ist ein gemeinsamer Entwurf eine gute Idee?
Es ist vermutlich die einzige Chance, die die Parlamentarier haben. Es bedeutet aber auch, dass am Ende ein Entwurf vorliegen wird, der eher liberal ist. Weil annehmbar nur damit eine Mehrheit erreicht werden kann.
Was wünschen Sie sich konkret für die Suizidprävention?
Eine einheitliche Rufnummer für Menschen in suizidalen Krisen. Wo gut ausgebildete Menschen sitzen, die in der Lage sind, jemanden dazu zu bringen, nicht von einem Hochhaus zu springen oder ähnliches. Es braucht eine bundesweite Datenbank mit Hilfsangeboten, damit Menschen in die richtigen Hilfsangebote kommen. Es braucht einen Ausbau der Palliativ- und Hospizarbeit, aber auch der Trauerbegleitung. Bessere psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung insbesondere für Hochrisikogruppen.
Frau Lewitzka, vielen Dank für das Gespräch!
Hilfe bei Suizidgedanken
Denken Sie darüber nach, sich das Leben zu nehmen? Holen Sie sich Hilfe, zum Beispiel bei der Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.
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