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Wolffsohn: „Das ganze Staatensystem ist falsch konstruiert“

Der Historiker Michael Wolffsohn sieht im Abschied vom Nationalstaat den Weg hin zu einer friedlichen Welt. Sein neues Buch „Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf“ hat der Autor am Mittwochabend in Berlin präsentiert. Nicht die Grenzen zählten, sondern der Mensch an sich.
Von PRO
Michael Wolffsohn möchte weg vom Staatenmodell, hin zu föderativen Systemen

Foto: pro/Schubert

Michael Wolffsohn möchte weg vom Staatenmodell, hin zu föderativen Systemen
Es gebe eine „Weltunordnung“ und die Welt sei aus den Fugen geraten, zeichnet der Historiker das aktuelle Szenario. Wolffsohns Grundfrage seines neuen Werks lautet: „Warum sind diese Konflikte entstanden, und gibt es Muster?“ Muster und Gemeinsamkeiten dieser Konflikte gebe es. Wolffsohn sagte während seiner Buchpräsentation im Jüdischen Museum in Berlin: „Das Konstruktionsprinzip der meisten Staaten ist falsch gedacht, und was falsch gedacht ist, kann nicht richtig gemacht werden.“ Der Historiker plädiert in seiner Schrift für ein radikales Umdenken, weg vom traditionellen Staatenmodell hin zu föderativen Systemen.

„Krieg unmittelbar vor der Haustür“

Der Grünen-Bundestagsabgeordneter Omid Noripour moderierte den Abend und wollte von Wolffsohn wissen, warum die Welt gerade jetzt „aus den Fugen geraten“ sei. Auf die Geschichte hinweisend meinte der iranischstämmige Politiker, dass dies doch schon länger der Fall sei. Der Historiker entgegnete: „Der Kriegszustand war außerhalb Europas allgegenwärtig. […] Wir haben einen europa-zentrischen Blick.“ Nach dem Fall der Berliner Mauer habe die Illusion vorgeherrscht, dass der Friede bleiben würde. Doch im Juni 1991 gingen die Kriege auf dem Balkan erneut los. Mit den aktuellen Geschehnissen in der Ukraine stehe der Krieg „unmittelbar vor unserer Haustür“, sagte Wolffsohn. Im Buch zählt der aus einer deutsch-jüdischen Familie stammende, in Tel Aviv geborene Historiker Staaten auf, deren Stabilität gefährdet ist oder die drohen, zu zerfallen wie etwa Syrien, Irak, Afghanistan, China, Russland oder die Zentralafrikanische Republik. Moderator Noripour meinte: „Das Buch ist voller Provokationen.“ Laut dem Autor gehe das Grundproblem aus der Diskrepanz zwischen Demografie und Geografie, also Bevölkerungsstruktur und den Grenzen, hervor, die nicht deckungsgleich seien. Sie führte immer wieder zu Guerilla-Kriegen und Terror.

„Politische Befriedigung bringt Befriedung und das bringt Frieden“

China erstrecke sich etwa über Tibet und das autonome Gebiet Xinjiang, in dem die Uiguren lebten. China schicke seine Bürger in diese Gebiete, um diese zu kontrollieren. Wolffsohn schlägt vor, dass China eine föderative Bundesrepublik werden könne. Der Historiker nimmt die möglichen Folgen daraus vorweg: „Politische Befriedigung bringt Befriedigung und das bringt Frieden.“ Denn der Staat, der seinen Mitgliedern keine Selbstbestimmung erlaube, falle früher oder später zusammen. Wolffsohn plädiert für die „Selbstbestimmung für den Menschen, nicht für den Raum“, sonst fühlten sich Minderheiten eingeengt. Wolffsohn sagte, er spreche selten von Nationen oder Völkern, sondern ziehe den Begriff Kommunikationsgemeinschaften vor: „Ein Wir-Gefühl ist feststellbar“, es entstehe aus einer Vielzahl gewachsener Rahmenbedingungen. „Ein deutsches Volk gibt es heute auch nicht mehr“, sagte Wolffsohn, ohne dies zu bewerten, „weil es eine starke Migration gegeben hat“.

Eine Strategie für den Frieden

Ob Wolffsohn für militärische Interventionen sei, fragte Noripour den Historiker. In Bezug auf Afghanistan sagte er: „Es war richtig, die Terroristen zu vertreiben.“ Dort hätte man eine Bundesrepublik Afghanistan gründen können. Als die Deutschen in das Land eingezogen seien, hätten sie jedoch „kein Konzept“ gehabt. Für Wolffsohn gilt: Das Blutvergießen in einem Staat unter bestimmten Voraussetzungen beenden – ja. Für Interventionen gelte jedoch: „Das reicht nicht, man muss eine Strategie haben.“ Im Falle des Irak verstehe der Historiker nicht, warum das immense Wissen in den Regionalstudien, etwa aus den USA, nicht beim Auf- beziehungsweise Umbau des Irak geholfen habe. Die „freie Welt“ müsse aus den „festgefahrenen Denkstrukturen“ heraus. „Das ganze Staatensystem ist falsch konstruiert“, sagte Wolffsohn. Er rät in Bezug auf Staaten, in denen Konflikte toben: „Föderalisiert Mali oder die Zentralafrikanische Republik, denn die dort lebenden Ethnien reichen über die Landesgrenzen hinaus.“ (pro)
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Eine Antwort

  1. Eine hervorragende Darstellung; ich teile seine Meinung; Völker beauchen ein Territorium, wo sie so leben können, wie sie es gewohnt sind. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum man den Kurden und Palästinensern kein Territorium überläßt, auf dem sie leben können. Dauerstreit und Terror führen nur zu Leid und Elend.
    Die Welt dahingehend neu zu sortieren finde ich richtig.

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