Der Hesse Carsten Waldeck hat mit seinem Bruder und Vater die Firma „Shift“ gegründet. Das Unternehmen baut sogenannte modulare Smartphones, bei denen der Nutzer Bauteile selbst austauschen kann.

Der Hesse Carsten Waldeck hat mit seinem Bruder und Vater die Firma „Shift“ gegründet. Das Unternehmen baut sogenannte modulare Smartphones, bei denen der Nutzer Bauteile selbst austauschen kann.

Der bescheidene Überflieger

Der Unternehmer Carsten Waldeck produziert Smartphones. Gleichzeitig warnt er seine Kunden davor, ihre Zeit nicht mit Handys zu verschwenden. Und wo andere Firmen auf schnellen Verschleiß setzen, will der Gründer von „Shift“, dass seine Käufer ihre Geräte möglichst lange behalten. Was steckt dahinter?

Seine Firma macht jährlich mehrere Millionen Euro Umsatz. Doch sein eigenes Gehalt sei „eher bescheiden“, erzählt Carsten Waldeck. Er überweise sich den Lohn eines normalen Mitarbeiters. „Wir wollen faire Gehälter zahlen, wir wollen nicht unterbezahlen – außer bei der Geschäftsführung vielleicht, also bei mir, meinem Bruder und meinem Vater“, sagt Waldeck mit einem Augenzwinkern.

Der Hesse aus dem beschaulichen Falkenberg mit nicht einmal 800 Einwohnern will den konventionellen Smartphone-Markt Schritt für Schritt umkrempeln. Der Großteil der 20 Mitarbeiter in Deutschland ist am Hauptsitz in Nordhessen tätig. Seine Firma „Shift“ baut modulare Smartphones. Das bedeutet, dass der Besitzer jedes Handybauteil einzeln austauschen kann: die Front- oder Rückkamera, das Display, den Akku, er kann zusätzliche Speicherkarten ergänzen und so fort. Nichts ist verschweißt wie bei vielen neuen Smartphones. Mit Hilfe von Anleitungsvideos der Firma schraubt der Kunde sein Gerät einfach auf, setzt ein neues Bauteil ein und kann somit sein Handy weiter nutzen. Er muss das Smartphone nicht entsorgen. Die Geschäftsführer investieren ihre Einnahmen nicht nur in die Entwicklung und Produktion, sondern auch in Projekte, die Nachhaltigkeit fördern sollen. Für 444 Euro bekommt man das aktuelle Economy-Modell „SHIFT5me“, 555 Euro kostet das Highend-Smartphone „SHIFT6m“.

Der Entrepreneur tritt leger auf. In einem graumelierten T-Shirt, lässigen anthrazitfarbenen Cargo-Hosen und mit einer Schiebermütze auf dem Kopf läuft Waldeck Ende Februar über den Parkplatz der Messe Karlsruhe. Waldeck hat hier auf einem Kongress für christliche Führungskräfte mit seinem Start-Up „Shift“ einen Infostand. Zuvor stellte er auf der weltgrößten Mobilfunkmesse „Mobile World Congress“ in Barcelona sein Unternehmen vor.

Der Firmenname „Shift“ steht für Veränderung: „Wir sind Menschen, die die Zukunft gestalten.“ Die Macher verzichten bei ihrer Produktion auf das umstrittene Erz Koltan, um das im Kongo ein gewaltvoller Konflikt zwischen bewaffneten Milizen entbrannt ist, der immer wieder Todesopfer fordert.

Die Köpfe hinter Shift: (v.l.) Deborah Waldeck, Carsten Waldeck, Produktdesigner Daniel Rauh

Die Köpfe hinter Shift: (v.l.) Deborah Waldeck, Carsten Waldeck, Produktdesigner Daniel Rauh

Will jemand sein „Shiftphone“ trotz der Möglichkeit, Teile auszutauschen, loswerden, nimmt die Firma es zurück und recycelt die Bauteile: Dafür gibt es 22 Euro Pfand. So könne jeder einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Schöpfung zu bewahren, erklärt der Unternehmer. Man nimmt es Waldeck ab, dass ihm das ein Herzensanliegen ist. Unternehmen mit ähnlichen Konzepten sieht er nicht als Konkurrenz, sondern als „Mitstreiter für eine gute Sache“.

„Shift“ produziert, wie auch große Smartphone-Firmen, in China. Allerdings möchte die Firma ihren Arbeitern gute Bedingungen bieten – und arbeitet deswegen mit der Nichtregierungsorganisation „TAOS“ zusammen, die vor Ort faire Abläufe prüft. In Hangzhou, südwestlich von Shanghai, hat das deutsche Unternehmen eine kleine „Technologie-Manufaktur“ gebaut. Dort beschäftigt es zehn Mitarbeiter, die doppelt so hoch bezahlt werden wie der ortsübliche Branchenlohn, erklärt Waldeck. Seine Mitarbeiter in China seien krankenversichert, dürften nicht mehr als neun Stunden pro Tag arbeiten. Sonntags ruht die Produktion, die Umwelt solle nicht unter der Herstellung der Handys leiden. Das alles steht in dem „Shift Fair Production Manifesto“, das jeder Partner unterschreiben muss, der mit den Gründern zusammenarbeitet.

Die Produktion des ersten Geräts stand kurz vor Beginn schon vor dem Aus. Ein Partner wollte Vorgaben nicht einhalten, Waldeck hätte Kompromisse eingehen müssen. Unter anderem wäre der Akku nicht austauschbar gewesen. „Ich stand vor der Frage: Wird das Gerät nicht so, wie ich es versprochen habe?“ Das wollte er nicht. „Die Kunden haben es wie angekündigt gekauft. Es darf immer besser werden, aber es darf keine Abstriche geben. In Richtung Nachhaltigkeit schon gar nicht.“ Waldeck will „treu sein“ – in den kleinen und großen Dingen. „Da habe ich richtig gebetet.“ Nur durch besondere Begebenheiten und Begegnungen sowie die Zusammenarbeit mit „TAOS“ geriet Waldeck doch noch an einen Hersteller, der das Handy so realisierte, wie es sich der Unternehmer vorgestellt hatte.

„Dass es uns überhaupt gibt, ist ein Wunder“, sagt der 48-Jährige über die Gründung seiner Firma „Shift“. Für ihn stand und steht stets im Fokus, dass er sich mit der Firma von keinen In-vestoren abhängig macht. Das ist ihm dank Crowdfunding geglückt. „Shift“ ist dadurch frei von externem Einfluss. „Shift“ sei letztlich „Gottes Firma. Sie gehört ihm. Er ist unser echter Geschäftsführer. Wir sind nur die Verwalter.“

Große Meetings nicht ohne gemeinsames Gebet

1991 verbrachte Waldeck mehrere Monate in der Bibelschule „Capernwray Hall“ der Fackelträger-Bewegung im nordöstlichen England. Diese Zeit prägte Waldeck und seinen Glauben. Und dieser beeinflusst, wie der Unternehmer seine Firma leitet. Geschäftsentscheidungen bespricht er im Gebet mit Jesus. Alle Verantwortlichen im leitenden Bereich haben eine Gottesbeziehung, sagt der Gründer. Bei Hauptmeetings beten sie gemeinsam. „Auch mit den Leuten, die keine Christen sind. Die finden das nicht schlimm. Sie wachsen da so rein.“

Waldeck ist ein Allrounder: Er liebt das Fliegen, ist Mitglied in einem Fliegerverein. Es war sein Kindheitstraum, Pilot zu werden. Vor Kurzem hat er seinen Flugschein gemacht und einen alten Zweisitzer-Motorflugdrachen gekauft. Bald möchte er seine Frau Deborah in der Maschine mitnehmen. Für die Begleitung über den Wolken fehlt ihm aktuell noch die Ultraleicht-Fluglizenz.

Darüber hinaus haben die Waldecks begonnen, sich in ihrer Gemeinde in der Jugendarbeit einzubringen. Zudem gibt es eine kleine „Shift“-Band, die in der Gemeinde spielt, berichtet Waldeck. Und auch im Konferenzraum des Unternehmens stehen mehrere Instrumente. Manchmal jammen die Kollegen zusammen. „Aktuell leider selten“, bedauert der Unternehmer. Er selbst beherrscht einige Instrumente. „Ich spiele das, was gebraucht wird. Am liebsten Schlagzeug, aber meistens spiele ich Gitarre.“

Zur Arbeit läuft er oder fährt mit seinem E-Roller, den er selbst entwickelt hat. Technik und Wissenschaft faszinieren Waldeck. Den Informatiker Alan Kay, Pionier in mehreren Bereichen der Informatik, etwa bei der Gestaltung grafischer Oberflächen, bezeichnet Waldeck als „einen der größten Erfinder unserer Zeit“. An ihm beeindruckt den Gründer besonders ein Punkt: „Er hatte den Mut, vor einer großen Mannschaft von Wissenschaftlern, die keine Christen sind, zu äußern, dass die krassesten Ideen, die er bekommen hat, Geschenke von Gott sind.“ Auch seine Ideen sieht Waldeck als von Gott gegeben an.

Schon als Kind konnte Waldeck sich vorstellen, „etwas in Richtung Erfinder“ zu werden. Mit dem Tüfteln begann er früh. Sein Ideenreichtum brachte Waldeck vor ein paar Jahren einen besonderen Erfolg ein: Sein modularer Kamerakran „iCran“ wurde zum erfolgreichsten Crowdfunding-Projekt Deutschlands mit einer Finanzierung von mehr als 100.000 Euro. Er studierte Informationstechnik, Design und Philosophie. Während seiner Diplomarbeit zum Thema „iWorld“ wurde der amerikanische Technikkonzern Apple auf ihn aufmerksam. Das Unternehmen stellte dem damals Ende Zwanzigjährigen Entwicklerwerkzeuge für seine Abschlussarbeit zur Verfügung.

Heute liegt es dem Firmengründer am Herzen, guten Support und Service zu leisten und Versprechen zu halten. Ehrlichkeit soll herrschen: „Als kleines Familienunternehmen ohne Inves-toren haben wir ein klares Ziel: So viel Gutes zu tun, wie wir können, und dabei so wenig Schaden wie möglich anzurichten.“ Und vielleicht gerade deswegen warnt die Firma auf ihren Geräten: „Smartphones können Zeitfresser sein. Für dich gibt es heute kein größeres Geschenk als die nächsten 24 Stunden. Nutze sie weise. Menschen sind wichtiger als Maschinen.“

Von: Martina Blatt

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 2/2019 des Christlichen Medienmagazins pro erschienen. Pro erscheint sechs Mal im Jahr. Bestellen Sie das Magazin kostenlos hier.

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