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Willow-Creek-Wörschipp

Ein Willow Creek Kongress ohne eine tolle Band wäre wie eine Hochzeit ohne Braut. Doch führt mich die virtuos-geniale Musik in die Anbetung? Eine Kolumne von Jürgen Mette
Von Jürgen Mette
Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Foto: privat | pro

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Ich sitze in der fünften Reihe im Vorstands- und VIP- Bereich des Willow Creek Leitungskongresses in Dortmund und versuche nun seit fünf Minuten, ein Foto von der sogenannten Lobpreis-Band zu machen, aber der Typ vor mir kriegt die ausgestreckten Arme partout nicht mehr runter. Nicht, dass er rumfuchteln würde wie die Fans von Helene Fischer, gar nicht. Er steht majestätisch erhaben, in sich ruhend, leicht im Takt wiegend, die Welt um sich herum samt seinem Hintermann vergessend, anbetend und lobpreisend vor seinem Gott. Wie taktlos wäre da die Bitte „Hände runter!“

Wör-Schipp ist immer dann, wenn auf die ohnehin schon von fetten Beats und gänsehautverdächtigen Gesangseinlagen getragenen Musik noch ‘ne Schippe draufgelegt wird, wenn die fulminante Rockmusik der exzellent besetzten deutsch/amerikanischen Kongressband in den Anbetungsmodus wechselt. Kraftvoll und demütig zugleich, mal peitschend, mal getragen, erregend dichter mehrstimmiger Gesang, drahtig verziert mit elektrischem Saitenspiel, angetrieben von ohrenbetäubend stimulierenden Schlagzeugsalven treibt mich zur Verzückung. Mal englische Texte aus der Muttersprache des Worship, mal Paul-Gerhardt- und Gerhard-Tersteegen-Lyrik aus dem Vaterland des Chorals. Ich bin sowas von enthusiasmiert.

Selbst im tiefsten Schwäbischen wörschippt es

Früher habe ich es noch lauter ertragen, aber inzwischen lässt der Tinitus, diese schneidige Kreissäge in meinem Gehörgang, die musizierte Anbetung zur akustischen Tortur werden. Und mit dem Gehörschutz, den ich beim Brennholzschneiden trage, vor dem Lobpreisaltar zu stehen, das ist mir dann doch zu dämlich.

Ich traf eben noch Thomas Enns hinter der Bühne, einen der deutschen Anbetungsperformer. Ich habe ihm für das erfrischend belebende Ohrenvergnügen gedankt. Das ist Willow, das ist Perfektion und Exzellenz, das sind Talente. Ein Willow Creek Kongress ohne diese Band wäre wie eine Hochzeit ohne Braut.

Nur: warum nennt man das Anbetung? Das war mir schon 1988 ein Rätsel, als ich zum ersten Mal in der Muttergemeinde dieses Kongresses in South Barrington war, einer Vorstadt von Chicago. Seit dem „wörschippt“ es allerorten, selbst im tiefsten schwäbischen oder sächsischen Pietismus wird rockig gelobpreist. Das ist phantastische Musik mit (meistens) tollen Texten, Kirchenmusik auf virtuos höchstem Niveau, inspirierend und motivierend. Aber führt mich das in die Anbetung, in die Erkenntnis, in die Buße? Eher nicht. Meditation hat etwas mit Stille und Versenkung zu tun, mit Abstand vom Lauten, mit Distanz vom Grellen. Sei stille dem HERRN und hoffe auf ihn. Aber vielleicht geht es nur mir so. Ich freue mich für jeden, der das ganz anders erlebt.

Das Foto von der Kongress-Band ist mir dann doch noch gelungen, weil die Schwerkraft doch stärker war als der Wille zum „Lift-up-your hands!“ Zum Glück. Tolle Erfindung des Schöpfers: Die Musik und die Schwerkraft.

Das meint nachdenklich in der Stille des Morgens einer, der durch Bill Hybels und seine Gemeinde und durch die Kongresse reich beschenkt wurde.

Von: Jürgen Mette

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