Nachrichten für Kinder aufzubereiten, ist gar nicht so leicht: Redaktionen wie die von „logo“ müssen komplizierte Dinge so erklären, dass Kinder sie verstehen und auch seelisch nicht überfordern. Klar, dass man dabei vereinfachen, abmildern oder auch mal weglassen muss.
Doch was „logo“ am 19. März über die Kirche berichtete, ließ einen dann doch staunen. Der Beitrag ist dermaßen verkürzend, einseitig und in Teilen grob falsch, dass sich die verantwortliche Redaktion Anfragen an ihre historische und religiöse Kompetenz gefallen lassen muss.
Anlass des Beitrags sind die jüngst veröffentlichten Mitgliederzahlen der Kirchen (PRO berichtete).
„Die Menschen, die regelmäßig in einen Gottesdienst gehen und einer Kirche angehören, werden immer weniger. Früher war das anders“, heißt es in der Anmoderation. Früher, da seien fast alle Menschen in der Kirche gewesen, „und wir schauen mal in diese Zeit zurück und darauf, was sich verändert hat“.
Gleich die erste Szene vermittelt, welche finsteren Zeiten das gewesen sein müssen, als noch so gut wie alle Menschen im Land in der Kirche waren: „Ab ins Mittelalter“, heißt es aus dem Off, und gleich hier steckt im Skript des Beitrags ein kapitaler Fehler. War es wirklich noch Mittelalter (genauer: „vor etwa 800 Jahren“), als noch fast alle Menschen in der Kirche waren?
Reise ins Mittelalter und Höllenangst – aber warum?
Nein, natürlich nicht. Es war auch nicht die „Neuzeit“, wie von „logo“ angedeutet, in der sich das änderte. Weder die Aufklärung noch die Industrialisierung, nicht einmal zwei Weltkriege haben etwas daran geändert, dass es kaum kirchenlose Menschen im heutigen Deutschland gab.
Es mag überraschen, aber noch 1970 waren in Westdeutschland stolze 93,6 Prozent der Westdeutschen evangelisch, katholisch oder evangelisch-freikirchlich. Selbst in der damaligen DDR gehörten 1964 noch 67,5 Prozent einer christlichen Kirche an. Übrigens ein Rückgang von fast einem Drittel (93,4 Prozent) gegenüber 1946. Spoiler: Dass vier Jahrzehnte atheistischer Staatsdoktrin zum Schwund des Christentums im Osten geführt haben, kommt im Beitrag nicht vor.
Dafür aber eine Kirche – wir sind wieder im Mittelalter –, die den Menschen Angst machte, „dass Gott sie in die Hölle schicken würde, wenn sie sich nicht an die religiösen Regeln hielten“. Das ist zwar richtig, aber eben auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn vor 800 Jahren durchdrang die Kirche jeden Lebensbereich: Politik, Wirtschaft, Bildung, Glaube. Aus der Kirche auszutreten, war nicht einmal möglich.
Kindgerecht ist das nicht
Wenn das so einfach zu erklären ist, warum nennen die Autoren des Beitrags dann ausschließlich die am wenigsten kindgerechte Erklärung dafür, warum Menschen in der Kirche waren, nämlich ewige Höllenqualen für alle Ungehorsamen?
Wer dachte, danach würde es seichter weitergehen, irrt. Von der Höllenangst geht es gleich zum nächsten Schreckensthema: dem Ablasshandel – den die Kirche anbot, um sich von der Hölle freizukaufen, was der Kirche „super viel Geld“ eingebracht habe.
Das spielte zwar vor 800 Jahren noch kaum eine Rolle. Einen wirklich systematisierten Ablasshandel gab es nämlich erst im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, als nämlich – Protestanten ahnen es – Martin Luther und andere gegen die korrupte und theologisch verirrte Kirche aufstanden. Sie predigten unverdiente Gnade statt Höllenangst, Freiheit statt gesetzlicher Sklaverei, Gerechtigkeit statt Ausbeutung. Die jungen „logo“-Zuschauer erfahren davon: nichts. Warum bloß?
Reformation? Welche Reformation?
Die Erklärung liegt auf der Hand: Weil die Reformation nicht in das Bild einer geldgeilen Kirche passt, die die Menschen mit Macht und Angstmacherei als Geiseln hält. Stattdessen habe der Ablasshandel angehalten, „bis eine neue Zeit anbrach: die Neuzeit“. Gelehrte hätten begonnen, die Kirche zu hinterfragen, um Dinge in der Welt zu erklären: „Zum Beispiel schwere Unwetter und Krankheiten. Bis dahin hatte man sowas meist für Gottes Willen gehalten. Nun gab es nach und nach wissenschaftliche Erklärungen.“
Will meinen: Vor der Neuzeit gab es keine Wissenschaft, weil die Kirche jedes kritische Denken kleinhielt. Diese sehr eigenwillige Geschichtsinterpretation findet man eher in Hollywood-Filmen als in Geschichtsbüchern. Natürlich bekämpfte die Kirche immer wieder Wissenschaftler, die ihre Überzeugungen allzusehr hinterfragten, wovon Galileo Galilei ein Lied singen konnte. Und natürlich gab es immer auch religiöse Deutungen – die aber neben wissenschaftlichen Forschungen existierten. Schon die hochmittelalterliche Scholastik dachte Glaube und Wissenschaft zusammen.
Wenn es im Beitrag weiter heißt, die Kirche habe „mit der Zeit weniger Einfluss auf das Denken der Menschen“ gehabt, stimmt das natürlich. Und auch das ist korrekt: „Irgendwann waren sie auch nicht mehr verpflichtet, eine Kirche anzugehören.“
Die wichtigsten Gründe fehlen
Denn etwa ab 1800 wurde die de-facto-Pflicht, einer Kirche anzugehören, immer weiter gelockert. Spätestens ab den 1870er Jahren konnte man aus der Kirche austreten. Doch, siehe oben, noch ein Jahrhundert später waren so gut wie alle Menschen Kirchenmitglieder. Trotz „Neuzeit“. Trotz „Wissenschaft“. Trotz fast einem halben Jahrtausend, in dem es eine protestantische Kirche gab, die einen gnädigen Gott predigte, den man sich nicht durch religiöse Riten oder Geld erkaufen konnte (auch wenn dies freilich im Beitrag nicht vorkommt).
Nach diesem waghalsigen Ritt durch die Kirchengeschichte springen die Autoren vom Ende des 19. Jahrhunderts ins Jahr 2026. Mit anderen Worten: Bis zum Schluss hat der Beitrag noch kein Wort über den Zeitraum gesagt, in dem es überhaupt einen Rückgang der Kirchenmitglieder gab. Denn der trat erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg ein.
Noch 1970 waren in Westdeutschland 93,6 Prozent der Westdeutschen evangelische, katholische oder evangelisch-freikirchliche Kirchenmitglieder.
Heute bräuchten viele die Kirche nicht mehr oder sie sei ihnen nicht modern genug, heißt es bei „logo“ über die heutigen Zahlen. Das ist natürlich richtig und dies gehört auch in einen solchen Beitrag. Was das mit der Höllenangst im 13. Jahrhundert zu tun hat, bleibt jedoch im Dunklen. Diese Deutung wäre in etwa so geistreich, wie wenn man einen Rückgang der Eheschließungen damit begründete, dass es im Mittelalter Zwangsehen gab.
Zwei der wichtigsten Gründe verschweigt der Beitrag: Dass einfach weniger Menschen Christen sind. Und dass mehr Menschen sterben, als geboren werden. Für die Kirche heißt das, dass mehr Menschen beerdigt als getauft werden. Das Geburtendefizit lag alleine 2024 bei 300.000 – über alle Bevölkerungsteile hinweg.
Einen der wichtigsten Gründe für einen echten Austritt nennen die „logo“-Autoren ganz am Ende. Und das ist der heikelste, wenn er Kindern vermittelt werden muss:
„Und dann haben Kirchenleute in den letzten Jahrzehnten richtig schlimme Fehler gemacht. Zum Teil schreckliche Verbrechen an Kindern begangen.“
Journalistische Sorgfalt geht anders
Gut, dass „logo“ die himmelsschreienden Missbrauchsfälle sensibel, aber dennoch klar benennt. Ob es geschickt war, diese Verbrechen an Kindern ohne weitere Einordnung zu nennen, darf bezweifelt werden. Daran ändert auch die Abmoderation nichts: „Mehr zu diesen Verbrechen könnt ihr auf logo.de nachlesen.“
Bei aller Wertschätzung für die „logo“-Kindernachrichten, aber das war ein fulminanter Fehlgriff. Dass kurz zuvor ein durchweg positiver Beitrag über das islamische Fastenbrechen lief, macht die Sache nicht besser. Beim Zuschauer kann der Eindruck entstehen: Beim Christentum ist sich „logo“ für keine Schmutzelei zu schade, der Islam wird hingegen mit Samthandschuhen angefasst.
Kinder aus kirchenfernen Familien müssen die Kirche nach diesem Beitrag für eine blutrünstige wissenschaftsfeindliche Verbrecherorganisation halten. Der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Paragraf 19 des Medienstaatsvertrages ist sie jedenfalls nicht gerecht geworden. Kein Wunder, wenn es Programmbeschwerden hageln würde. Mindestens eine hat es bereits gegeben:
Ich habe heute zum ersten mal im Leben eine förmliche Programmbeschwerde beim @ZDF Fernsehrat eingereicht. Die Kindernachrichtensendung Logo hatte in einer mehrere Programmrichtlinien verletzenden Form einen einseitigen Hetzbericht über die Geschichte der christlichen Kirchen… pic.twitter.com/sggSuZoqM7
— Thorsten Alsleben 🇩🇪🇮🇱🇺🇦 (@BerlinReporter) March 19, 2026
Die katholische Deutsche Bischofskonferenz fand denn auch deutliche Worte. Der Beitrag werde „dem angekündigten Thema in keinster Weise gerecht“, keine der historischen Ableitungen sei „tragfähig oder richtig“, sagte ein Sprecher gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur „Idea“.
Von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war natürlich noch größerer Widerstand zu erwarten. Schließlich wurde die Reformation, die theologische Protestbewegung gegen Höllenangst und Kirchenzwang, komplett ausgeblendet. Doch weit gefehlt. Gegenüber PRO erklärte die EKD in maximal nichtssagender Diplomatie: „Wir stehen mit den Sendern kontinuierlich in einem kritischen Austausch.“
Die EKD hat mit ihrer Präses Anna-Nicole Heinrich einen Sitz im 60-köpfigen ZDF-Fernsehrat. Es ist zu hoffen, dass sie sich dafür einsetzt, dass solche Schnitzer, ob gewollt oder nicht, nicht mehr passieren. Das haben nicht nur die Gebührenzahler verdient, sondern vor allem die Kinder, die darauf vertrauen, dass „logo“ fair und korrekt berichtet.