Auch auf dem Filmfestival Berlinale gibt es sie, diese lockerleichten Komödien, die sich gut anschauen lassen, im besten Fall noch eine höhere Botschaft transportieren und nach denen man beschwingt das Kino verlässt. „A Prayer for the Dying“ gehört nicht dazu. Gleich zu Beginn der Festspiele packt Regisseurin Dara Van Dusen Horrorelemente zusammen mit einer finsteren und leider realitätsnahen Geschichte über Leid, Krankheit und Tod. Da hilft dann auch alles Beten nichts mehr, der Plot endet übel.
Wir schreiben das Jahr 1870. In einem kleinen Ort mit dem wohlklingenden Namen „Friendship“ lebt Pastor und Sheriff Jacob Hansen (Johnny Flynn). Beide Ämter hat er in Personalunion inne, sonntags predigt er und ansonsten überwacht er die Geschehnisse im Ort. Er selbst lebt mit Frau und Baby am Rand des Dörfchens, ihr Leben könnte nicht idyllischer sein. Mit dem klapprigen Fahrrad radelt er über die Felder zur Arbeit, wenn er nach Hause kommt, wartet der Rest der Familie auf ihn, es wird viel gelacht, etwa wenn die Kleine aus Versehen unter dem Esstisch einschläft.
Ein Pastor, der mit seinen Dämonen kämpft
Doch gleich zu Beginn dieses Films aus Norwegen, Schweden, Griechenland und UK wird auch klar: Jacob kämpft trotz seines schönen Lebens mit ganz eigenen Dämonen. Fünf Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs kannte man den Begriff posttraumatische Belastungsstörung wohl noch nicht und doch suchen genau diese Jacob immer wieder heim. Er hat Visionen von Soldaten, die sich durch in rotes Licht getauchte Wälder schlagen, hört Stimmen, die ihm Angst machen. Doch er hat sich trotz allem im Griff, ist, so scheint es, ein guter Hirte für Friendship. So gut, dass er sogar einen Mann am Rande des Ortes duldet, der wie eine Art Sektenführer mit Dutzenden Frauen im Wald lebt. Wenn die eigenartige Gruppe in die Stadt kommt, um Essen zu kaufen, singen die Frauen beseelt religiöse Lieder und wirken auch sonst nicht nur ein bisschen geistesabwesend.
Der Film nimmt rasch an Fahrt auf: Im Wald wird die Leiche eines ehemaligen Soldaten gefunden, sowie eine der Frauen aufgegriffen, die zu der Sekte gehören. Sie ist verwirrt, schnell stellt sich heraus, dass nicht nur sie krank, sondern der Überträger wohl der tote Soldat ist. Die Diagnose des Arztes (John C. Reilly) verheißt nichts Gutes: Dyphterie.
Gegen die Krankheit wird heute geimpft, doch Ende des 19. Jahrhunderts verlief sie oft qualvoll und tödlich. Sie war unter anderem als „Kinderpest“ bekannt, sorgte für ein Zuschwellen des Halses und Ersticken. Und nicht nur die Gefahr einer Epidemie droht. Zugleich bewegt sich ein Waldbrand auf Friendship zu. Jacob muss überlegen: Wann ist der Zeitpunkt, den Ort zu evakuieren? Und wann der, eine Quarantäne zu verhängen? Die Lösungen für die verschiedenen Gefahren könnten gegensätzlicher nicht sein.
Gottesdienst in Zeiten der Pandemie
Der Doktor des Ortes und der Pastor entscheiden sich gemeinsam dafür, keine Panik verursachen zu wollen, die Krankheit zu verschweigen und wegen des Feuers Ruhe zu bewahren. Das geht so weit, dass sie die Einwohner sonntags sogar zum Gottesdienst versammeln – und das bei erheblicher Ansteckungsgefahr.
Die Predigt über das stille Vertrauen in Gott ist dann aber offensichtlich doch die falsche Botschaft: Denn tatsächlich bricht die Epidemie aus, immer mehr Dorfbewohner stecken sich an, auch Jacobs Tochter. Es ist bedrückend, wie schnell die fröhliche Atmosphäre der Angst vor Ansteckung weicht und nicht wenige Kinobesucher werden sich an die Coronapandemie erinnern. Schließlich riegelt Jacob das Dorf ab, doch die Infektion bahnt sich schon ihren Weg durch die Bevölkerung.
„Du kannst nicht alle retten“, sagt der Arzt an einer Stelle zu Jacob und der Zuschauer versteht: Retten ist auch deshalb sein Ziel, weil es ihm im Krieg nicht gelungen ist. Doch wie soll einer, der getrieben ist von seinem Trauma, rationale Entscheidungen treffen? Richtig: Gar nicht. Deshalb schickt er scheinbar gesunde Dorfbewohner fort und riskiert damit, dass die Krankheit sich auch über die Grenzen des Ortes ausbreitet.
Bitte um Gottes Gnade
Am Ende ist es ausgerechnet der fundamentalistische Sektenführer, der verweigert den Ort zu verlassen, und mit Jacob zusammen im Wald auf die Knie sinkt, um Gott für seine Liebe zu danken und ihm ihre Seelen anzubefehlen.
„A Prayer for the Dying“ läuft auf der Berlinale außerhalb des Wettbewerbs. Dieser Film ist verstörend, nicht nur, weil darin Kinder sterben und die Leiden durch die Krankheit recht schonungslos gezeigt werden. Die Kamerafahrten erinnern an das Horrorfilmgenre, zeigen oft erst spät das Grauen, lassen erst den Sound wirken. Immer wieder wird der Film unvermittelt von den Visionen Jacobs zerrissen. Mal steht er im Fenster seiner Kirche in einem brennenden Wald, mal sieht er ein totes Pferd, dessen Eingeweide aus dem Kadaver quellen, gerne auch unterlegt durch eine laut quietschende Tonspur.
Ein schönes Kinoerlebnis ist dieser Film nicht. Aber ein Erlebnis. Wer darauf hofft, dass die christliche Botschaft hier am Ende doch noch Hoffnung vermittelt, der wird enttäuscht. „A Prayer for the Dying“ ist Hiob ohne Happy End. Der Film zeigt eindrücklich, wie ein Geistlicher versucht, Gutes zu tun, ja vielleicht sogar, Gottes Willen zu erfüllen, und letztlich an sich selbst und den Umständen scheitert. Ein Horror, der gesehen werden darf, weil er Menschen auch in Wirklichkeit geschieht – wenn auch in den meisten Fällen weniger dramatisch. Für Zartbesaitete aber ist das nichts.