Seitdem der Film „Die Odyssee“ von einem der vielleicht besten Regisseure unserer Zeit, Christopher Nolan, am 16. Juli 2026 in die Kinos kam, bricht er einen Rekord nach dem anderen. Weltweit spielte er bereits weit über 900 Millionen Dollar ein – bei Produktionskosten von 250 Millionen Dollar. Er landet damit schon bald in der Liste der erfolgreichsten Filme überhaupt (auch PRO lobte das Werk, wie Sie in unserer Filmkritik lesen können).
Als der britische Regisseur vor Kurzem in der „Late Show“ mit Stephen Colbert zu Gast war, hatte der (gläubige) amerikanische Talkmaster plötzlich einen naheliegenden Einfall, den er seinem Gast sofort unterbreitete: „Wie wäre es denn, wenn Sie eine Geschichte der Bibel verfilmten? Simson und Delila zum Beispiel?“ Nolan antwortete nur: „Lasst uns erst einmal abwarten, wie dieser Film ankommt.“
Ein Film mit einer Geschichte, die über 3.000 Jahre alt und trotzdem so erfolgreich ist – das schafft sonst nur die Bibel. Die Handlung der „Odyssee“ spielt nach dem Ende des zehnjährigen Trojanischen Kriegs, also etwa um das Jahr 1.200 v. Chr. Damit fällt die Geschichte in eine auch aus Sicht der Bibel äußerst spannende Zeit. Es ist der Übergang von der Bronze- in die Eisenzeit.
Als die „Odyssee“ nach Jahrhunderten der mündlichen Überlieferung aufgeschrieben wurde – um 700 v. Chr. vermeintlich vom Dichter Homer –, war die mykenische Kultur längst untergegangen. Die Fachwelt spricht vom „spätbronzezeitlichen Kollaps“.
Daher ist die „Odyssee“ nach Meinung von Altphilologen und Historikern von einer tiefen Nostalgie geprägt. Die Figuren blicken melancholisch auf das verlorene „Goldene Zeitalter“ der Bronzezeit zurück – ein Zeitalter der gigantischen Paläste, Schätze und unfehlbaren Helden. Sie selbst müssen sich in einer raueren, zersplitterten Welt der Eisenzeit behaupten.
Tatsächlich ist das Alte Testament – wie die Odyssee eine der wichtigsten Güter der abendländischen Kultur – vermutlich etwa zur selben Zeit entstanden. Doch während die eine Geschichte nostalgisch zurück auf ein untergegangenes Reich blickt, ist der Blick der Bibel auf einen Neuanfang und die Zukunft gerichtet. Nämlich die des Landes Israel.
Die Weltreiche gingen unter, Israel erhob sich
Eberhard Zangger ist überzeugt, dass es in der „Odyssee“ gar nicht primär um eine Reise durch den Raum geht, sondern um Erinnerung, Verlust und den Untergang einer Welt am Ende der Bronzezeit. Der deutsche Archäologe ist Experte für die bronzezeitliche Geschichte des östlichen Mittelmeerraums.
Große Königreiche verschwanden, Paläste wurden verlassen oder zerstört, internationale Handelsnetze brachen zusammen. Zangger argumentiert in einem Artikel für „The Ancient Near East Today“, dass die berühmte List des Helden – das Trojanische Pferd – nicht nur den Krieg beendete, sondern auch zur Zerstörung der bronzezeitlichen Welt selbst beitrug. Regisseur Nolan deutet dies im Film an – den Sieg über Troja sieht der daraus hervorgehende Held Odysseus nämlich durchaus ambivalent.
Im Original bittet Odysseus den blinden Sänger Demodokos, vom Fall Trojas zu singen, und wird daraufhin von Tränen überwältigt. Den Untergang der Zivilisation, um die er trauert, hat er selbst mitverursacht. „Melancholie durchzieht das Epos“, ist Zangger überzeugt. Die alte Ordnung ist tot, und die Welt ist nicht mehr dieselbe.
Interessanterweise beginnt sich ausgerechnet in diesen Untergang hinein die biblische Geschichte zu entfalten. Ausgerechnet als die großen Reiche der Bronzezeit untergehen, erhebt sich das neue, wenn auch kleine Reich Israel. Und mit ihm beginnt die packende Geschichte um das Zusammenspiel eines Volkes und seines Gottes, die nach Ansicht von Juden und Christen bis heute andauert.
Die Archäologin und Historikerin für die biblische Welt Lauren K. McCormick schrieb: „Wenn Zangger Recht hat, stehen Homer und die Hebräische Bibel auf entgegengesetzten Seiten derselben historischen Kluft: Die eine blickt sehnsüchtig auf eine verlorene bronzezeitliche Zivilisation zurück, die andere stellt die neuen Völker und Königreiche vor, die hoffnungsvoll aus ihren Ruinen hervorgingen.“
Bronzezeit-Ende bedeutete den Aufstieg des Volkes Gottes
In seinem Buch „1177 v. Chr.“ zeigt der amerikanische Altertumswissenschaftler Eric H. Cline die Ursachen für den Zusammenbruch im Ostmittelmeerraum am Ende der Bronzezeit auf. Er beschreibt darin anschaulich das Leben der Menschen in den damaligen „G8“: Mykener, Minoer, Hethiter, Zyprer, Kanaaniter, Ägypter, Assyrer und Babylonier. Völker, die einem Bibel-Leser bekannt vorkommen könnten.
In seinem anschließenden Buch „Nach 1177 v. Chr.“ zeigt Cline, dass sich Kanaan zum größten Teil unter ägyptischer Herrschaft befand und die Ägypter wiederum mit dem Auftauchen der „Seevölker“ ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. die Kontrolle über die Levante verloren. In jener Zeit nahm auch der Niederschlag im Äthiopischen Hochland ab, weswegen die Wassermenge des Nils sank.
Die Folge waren Dürren, Nahrungsmittelknappheit und politische Machtkämpfe. Es gab allerdings nicht die eine Ursache für den großen Untergang jener Zeit, stellt Cline fest. Es war vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Klimawandel, Dürre, Hungersnöte, Erdbeben, Invasionen und Seuchen.
Die Israeliten waren zu dieser Zeit einmalig mit ihrem Monotheismus. Die Zahl der Siedlungen explodierte dort im frühen 11. Jahrhundert, schreibt der Historiker. „Das politisch-militärische Vakuum, das der Rückzug der Ägypter hinterließ, und die Zerstörung der verschiedenen kanaanäischen Städte müssen bedeutet haben, dass die Israeliten nun Gebiete erreichen konnten, die sie aus eigener Kraft nie hätten besetzen können.“
Wenn man einmal die „wundersam wirkende Hand Gottes“ aus dem Spiel lasse, müsse man sich fragen, wie sonst die Israeliten die „eindrucksvollen kanaanitischen Städte“ hätten einnehmen können. „Unter normalen Umständen konnten sie das wohl nicht, jedenfalls nicht aus eigener Kraft.“ Die Israeliten übernahmen den Großteil des ehemaligen altägyptischen Reiches in Kanaan, erklärt Cline, „nach Auseinandersetzungen mit den Philistern seit der Zeit des Israelitenkönigs Saul, aber auch noch unter David und dessen Sohn Salomo“.
Auch in Odysseus’ Heimat Ithaka war ein Machtvakuum entstanden, und Nolan stellt dies in seinem Film gut dar. Der König ist seit zwanzig Jahren abwesend, und sein Hofstaat wird von einer stetig wachsenden Zahl ehrgeiziger Freier belagert, die Penelope zur Heirat zwingen und die königliche Herrschaft an sich reißen wollen. Sohn Telemachos indes kann den Thron nicht besteigen, solange der Tod seines Vaters nicht eindeutig geklärt ist.
David gegen Goliath – Bronzezeit gegen Eisenzeit
Von einem anderen König – sowohl zeitlich als auch räumlich gar nicht so weit entfernt von der „Odyssee“ – handelt die Fernsehserie „Das Haus David“, die seit einem Jahr beim Streamingdienst „Prime Video“ zu sehen ist.
Besonders in der neuen, zweiten Staffel wird der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit thematisiert. In der zweiten Folge etwa entdecken die Philister den Vorteil von Eisenschwertern gegenüber den althergebrachten Bronzeschwertern. Der Hirtenjunge David hatte den Riesen der Philister, Goliath, laut Bibel mit dessen eigenem Schwert niedergestreckt. In „Haus David“ ist dieses Schwert das einzige weit und breit aus Eisen, und der Schmiedemeister der Philister versucht verzweifelt, diese Qualität aus dem Eisen herauszuholen, um viele weitere zu schmieden und Israel endgültig zu schlagen.
Tatsächlich betont die Bibel erstaunlich prägnant, dass die Waffen des Goliath (noch) aus Bronze bestanden (bei Luther mit „ehern“ übersetzt): „Und er hatte einen bronzenen Helm auf seinem Kopf und war mit einem Schuppenpanzer bekleidet. Das Gewicht des Panzers betrug 5.000 Schekel Bronze. Und er hatte bronzene Schienen an seinen Beinen und ein bronzenes Kurzschwert auf seiner Schulter.“ (1. Samuel 17). Nur die Spitze seines Speers war bereits eine moderne Neuanfertigung: „Die Spitze seines Speeres (wog) sechshundert Schekel Eisen“, heißt es da, fast so als wolle der Autor dem Leser auch wirklich ganz deutlich den historischen Übergang von der einen in die andere Epoche vor Augen führen.
Anders als „Das Haus David“ legt Nolans Film „Die Odyssee“ keinen besonderen Fokus auf diesen zeitgeschichtlich so bedeutenden – metallurgischen – Übergang.
Allerdings thematisiert der Kinofilm reale historische Bedrohungen des spätbronzezeitlichen Kollapses, wie etwa das drohende Heranrücken der „Seevölker“ – die lange gemeinhin als einer der Gründe für den Untergang der bronzezeitlichen Reiche herangezogen wurden. Im Film warnt etwa der spartanische König Menelaos vor diesen Völkern. Inzwischen sehen Historiker in diesen angeblichen „Seevölkern“ allerdings eine Propaganda der Bronzezeit, eine Ausrede für den Untergang.
Viele starben für einen
Selbstverständlich sind die Geschichten der „Odyssee“ fiktionale Episoden, die über Generationen hinweg am Lagerfeuer für Spannung sorgten – vom einäugigen Kyklopen über die Zauberin Kirke bis zum Seeungeheuer Skylla. Nichtsdestotrotz sind sie in einen historischen Kontext eingebettet, der sich zumindest teilweise zuordnen lässt. Außerdem fußen viele der Sagen auf wahren Begebenheiten. So vermuten Historiker etwa, dass die Geschichte vom Kyklopen zustande kam, weil in Höhlen die Schädel von Elefanten gefunden worden waren. Und die weisen anstatt zwei Augenhöhlen eben eine große in der Mitte auf – die Geschichte vom einäugigen Riesen war geboren.
Natürlich kann man – wie bei fast jedem großen Epos – auch beliebig nach inhaltlichen Parallelen zur Bibel suchen. Da wird dann etwa der Gesang der Sirenen zum Sinnbild für die erotische Verlockung, der Odysseus widersteht und so zu einem christlichen Vorbild wird.
Manche haben sogar Odysseus mit Jesus verglichen. Der Besuch des griechischen Helden in der Unterwelt spricht in der Tat Fragen der christlichen Apologetik an. Andere haben Odysseus’ Irrfahrt auf dem Schiff mit denen von Paulus verglichen oder die lange Irrfahrt der Gefährten mit dem Umherirren des Volkes Israel in der Wüste. Der Jesuit und Historiker Hugo Rahner (1900–1968) hat sich eigens in seinem Buch über „Griechische Mythen in christlicher Deutung“ ausführlich mit derlei Parallelen befasst.
Doch am Ende sind beide Texte eben grundverschieden. Es beginnt bei den Göttern, die launisch, parteiisch und oft selbst von Rache und Leidenschaft getrieben sind, während der eine Gott der Bibel damals revolutionär neu war, der dann auch noch das Wohl eines jeden Menschen im Sinn hat. Und während Rache in der „Odyssee“ zentrales Element ist, erhebt das Neue Testament die Feindesliebe und das Vergeben zum höchsten Gebot.
Bei genauerer Betrachtung ist die Odyssee im Grunde sogar so etwas wie das Gegenteil des Evangeliums. Während bei Christus gilt: einer starb für viele, sind es in der „Odyssee“ viele, sogar sehr viele (schätzungsweise 600 bis 720 Gefährten), die Odysseus in den Tod schickt, um am Ende als Einziger am Leben zu bleiben und (deswegen?) als Held gefeiert wird.