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Warum Missionare hinter kostenlosen Online-Lizenzen stecken

Wer viel mit Texten und Grafiken zu tun hat, freut sich über kostenlose Schriftarten. Zum Beispiel über jene, die unter der „Open Font License“ stehen. Was viele nicht wissen: hinter der Freeware-Font-Lizenz steht eine christliche Organisation.
Von Jörn Schumacher
Schriftarten

Foto: Marco / Zak | CC BY-ND 2.0 Generic

Die „Open Font License“ hat einen christlichen Hintergrund (Symbolbild)

Angefangen hat alles mit dem Wunsch, die Bibel in möglichst viele Sprachen dieser Erde zu übersetzen. Zahlreiche Missionare bemühen sich seit Jahrzehnten, viele unbekannte Sprachen von eher marginalisierten Völkern zu erforschen, um anschließend biblische Texte in deren Sprache zu drucken. So wurde aus manchem Missionar nebenbei ein Linguist. Tatsächlich steuert die christliche Bibel-Übersetzungsorganisation Wycliff mit ihrer Arbeit enorm zur linguistischen Erforschung von Minderheiten-Sprachen bei.

1936 spaltete sich von der christlichen Organisation Wycliff ein Teil ab, der sich auf die Erforschung unbekannter Sprachen spezialisierte, um die Alphabetisierung ihrer Sprecher zu fördern. Daraus entstand das „Summer Institute of Linguistics“ (SIL). Als Gründer gilt der amerikanische Linguist und Missionar William Cameron Townsend (1896–1982), der unter anderem als Missionar in Guatemala tätig war. Er erlernte etwa die Sprache der Cakchiquel, eines indigenen Volks in Guatemala, und übersetzte für sie die Bibel.

Heute ist SIL eine der größten Einrichtungen der linguistischen Feldforschung. Die Organisation hat nach eigenen Angaben über 7.000 Mitglieder in 60 Ländern. Sie trug wesentlich zur Erforschung von über 1.000 Sprachen bei, die von Minderheiten gesprochen werden oder wurden – falls die betreffende Sprache bereits ausgestorben ist. Das SIL hat zudem beratenden Status bei der UNESCO und bei den Vereinten Nationen.

Seit 1951 pflegt SIL eine Datenbank, in der die Sprachen der Welt einheitlich klassifiziert und katalogisiert werden. Dieses Sammelwerk namens „Ethnologue“ ist mittlerweile auch im Internet verfügbar, wenn auch kostenpflichtig.

Entwicklung der freien Software „Graphite“

Mit dem Erscheinen der 15. Auflage von „Ethnologue“ 2005 wurde der SIL-Code an die internationale Norm zur Kennungen für Namen von Sprachen angeglichen. Die ISO-Norm zur eindeutigen Angabe von Sprachen mit der Bezeichnung ISO 639 wird unter anderem in der Linguistik, in der Lexikographie und in Bibliotheken verwendet. Auch das Internet-Lexikon Wikipedia sowie die dahinterstehende Wikimedia Foundation nehmen nur Anträge für neue Sprachversionen ihrer Projekte entgegen, wenn diese Sprachversionen einen gültigen ISO-639-Code haben.

Die Teilnorm ISO 639-3 enthält dabei Kennungen mit drei Buchstaben. Sie wurde 2007 herausgegeben und beinhaltet sowohl lebendige als auch bereits ausgestorbene Sprachen. Verwaltet wird sie von SIL International, die mit dem „Ethnologue“ bereits zuvor lebendige Sprachen erfasste.

SIL entwickelte zudem die freie Software „Graphite“, mit der Zeichen von Minderheitensprachen erstellt werden können, so dass sie mit dem Unicode kompatibel sind und in gängigen Software-Systemen verarbeitet werden können. Diese „Smartfont“-Formate basieren auf dem TrueType-Format und können beispielsweise in einer Textverarbeitungssoftware oder in Web-Browsern verwendet werden. SIL hat die Software unter den Bedingungen der GNU-Lizenz und der Common Public Lizenz frei verfügbar gemacht.

SIL stellt zudem viele kostenlose Programme und Font-Pakete zur Verfügung, etwa für arabische oder asiatische Sprachfamilien. Andere Programme helfen bei der Erstellung von Schriften für Mac und Windows oder stellen Hilfswerkzeuge für Linguisten dar. Die kostenlose Software FLEx (FieldWorks Language Explorer) etwa ermöglicht es Linguisten, ein Lexikon einer neuen Sprache zu erstellen. Das Programm „Paratext“ hilft bei der Übersetzung des Bibeltextes aus dem griechischen und hebräischen Original in die Zielsprache. Die „Bloom Library“ wiederum stellt über 10.000 kostenlose Bücher in verschiedenen Sprachen zur Verfügung, damit die Sprecher dieser Sprachen besser lesen und schreiben lernen können.

Tausende Fonts kostenlos im Internet

Ein weiteres, vielbeachtetes Projekt, das SIL International angestoßen hat, ist die Open Font License. Sie ermöglicht die freie Lizenzierung von Schriftarten. Diese „Open-Source-Fonts“ sind nicht nur kostenlos im Internet erhältlich, sondern erlauben die kommerzielle Nutzung und meistens auch deren Bearbeitung durch Dritte.

Dazu gehören etwa Schriftarten wie „EB Garamond“, „Gentium“, „Linux Libertine“, „Charis SIL“ oder „Doulos SIL“. SIL hat auch einige Fonts selbst erstellt, die meisten wurden für Minderheitensprachen entwickelt: Auf der Webseite fonts.google.com hat der Software-Konzern Google über 1.000 Open-Source-Fonts gesammelt, von wo man sie kostenlos herunterladen kann. Herausgegeben wird die freie Font-Lizenz dabei von SIL International.

Die „Open Font License“ stellt also jedem kostenlose Schriftarten zur Verfügung, so dass diese legal verwendet, kopiert und sogar abgeändert werden kann. Allerdings darf dabei ein abgeändertes Werk ohne Zustimmung des Autors nicht mit dem gleichen Namen versehen werden. Außerdem darf der lizenzierte Font nicht verkauft werden.

Kaum jemandem ist dabei allerdings der christliche Hintergrund dieser viel benutzten Lizenz bewusst, die ihren Anfang damit nahm, dass Missionare die Sprachen von Minderheiten erforschten und anschließend die Bibel übersetzen, um das Evangelium zu verbreiten.

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