Mit forschen Schritten betritt Radi Stevanovic die Station des Pflegeheims. Unter dem Arm hat er seine schwarze Kladde. Stevanovic begrüßt jeden Patienten im Aufenthaltsraum einzeln und schenkt ihm ein Lächeln. Mit dem einen oder anderen flachst er: „Wir kennen uns ja. Hübsche Leute kennen sich“, sagt er zur 99-jährigen Isolde*. Ob sie sich wenige Minuten später noch an den Theologen erinnern kann, weiß er nicht. Gertrud leidet an Demenz, wie alle Menschen auf dieser Station. Stevanovic betreut als Seelsorger drei Einrichtungen des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands (DGD) in Mittelhessen – und das mit „Leib und Seele“. Heute feiert er am Standort in Bischoffen einen Demenzgottesdienst.
Die Studien der Alzheimer-Gesellschaft zeigen, dass die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren massiv zunehmen wird. Waren es 2023 1,8 Millionen Menschen, rechnet der Verband vor allem durch die steigende Lebenserwartung mit bis zu 2,7 Millionen Betroffenen im Jahr 2050. Das fordert nicht nur die Betreuungseinrichtungen heraus, sondern auch Kirche und Gesellschaft.
Diese Beobachtung teilt auch Judith Eibach. Sie ist am DGD-Standort Bischoffen für die soziale Betreuung zuständig. „In meinem Umfeld begegnen mir immer mehr Menschen, die in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis mit der Krankheit konfrontiert sind.“ Der Platz in einer Einrichtung sei für viele Angehörige oft das Eingeständnis dafür, zusätzliche Hilfe zu benötigen.
Die Bewohner sitzen an diesem Vormittag an den Tischen, an denen sie gerade noch gefrühstückt haben. Von ihren Betreuerinnen werden sie geduzt. Das soll Vertrauen schaffen. Die Pflegerinnen versuchen auch, diejenigen zu aktivieren, die oft nur apathisch und still dasitzen. Bis kurz vor dem Gottesdienst haben sie noch gemeinsam ihr Gedächtnis trainiert. Dann wird ein Kreuz auf den Tisch gestellt und die Gesangbücher werden verteilt. Viele der Patienten brauchen es nicht wirklich, denn sie können die Texte auswendig. Das Langzeitgedächtnis baut erst im späteren Verlauf der Erkrankung ab, weit zurückliegende Erinnerungen können dabei erhalten bleiben. Stevanovic bemüht sich, in dem 30-minütigen Gottesdienst an Bekanntes aus der Vergangenheit anzuknüpfen. Heute geht es um einen Bibelvers, in dem Gott Jesaja verspricht, dass er die Menschen nicht vergessen wird.
Der hilfreiche Knoten im Taschentuch
Eine der Frauen fängt immer wieder an, dazwischenzureden. Sie wird von ihrer Nachbarin lautstark zur Ruhe ermahnt. Wenig später steht sie auf und verlässt den Raum. Stevanovic lässt sich davon nicht irritieren. Er wendet sich den Bewohnern zu und fragt sie, welche Dinge man im Alltag immer wieder vergessen kann. Die Antworten der Bewohner sprudeln. Stevanovic benutzt einfache Bilder und erinnert an den Knoten im Taschentuch. Damit habe seine Mutter ihn früher daran erinnert, was er einkaufen sollte. Als die Bewohner den Choral „Großer Gott, wir loben dich“ anstimmen, öffnet auch Helmut* wieder die Augen. Bis vor Kurzem schien er eingeschlafen zu sein. Doch dann erklingt wieder seine sonore Bass-Stimme und er singt lautstark mit. Er hat eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst noch erzählt, was für eine „heimtückische Krankheit“ das mit der Demenz ist.
Viele Rituale sollen den Betroffenen ein Stück ihrer Erinnerung zurückgeben. „Viele wirken entspannter und haben eine offene Mimik, wenn sie vertraute Worte aus der Bibel hören, die sie noch von früher kennen“, betont Eibach. Was bei den Menschen hängenbleibe, könne niemand sicher sagen.
Ein Abschied auf Raten
Bei einer Demenz verkalkt das Gehirn zunehmend: „Es ist ein Abschied auf Raten, den Betroffene und Angehörige nur schwer aushalten können“, verdeutlicht Eibach. Am Anfang stehen leichte Gedächtnis- oder Sprachstörungen. Später sind die Menschen orientierungslos und im Endstadium können sie nicht mehr selbst essen und sprechen: „Wir wollen den Angehörigen die Last nehmen. Menschen ins Pflegeheim zu geben, ist nie leicht und für viele ein Eingeständnis, mit der Situation überfordert zu sein.“ Oft sorge die Krankheit dafür, dass sich Angehörige aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. „Manche möchten sich nicht dafür rechtfertigen, dass ihr Angehöriger im Café das Stück Kuchen mit der Hand isst, statt zur Gabel zu greifen“, verdeutlicht Eibach das an einem Beispiel. Je weiter die Demenz fortschreite, desto größer würden diese Herausforderungen.
Auch in den christlichen Gemeinden komme das Thema kaum vor. Wer betroffen sei, schaue sich den Gottesdienst lieber deutlich entspannter zuhause im Livestream an, statt den Sonntag vor Ort in der Gemeinde mit all seinen Herausforderungen zu meistern. Hier wünschen sich Stevanovic und Eibach, dass die Gemeinden sich ohne Scheu auf Angehörige und an Demenz Erkrankte einlassen. Gemeinden könnten Angebote für Demenzerkrankte entwickeln: etwa demenzsensible Angebote am Vormittag oder einen Kaffeenachmittag, für Betroffene und Angehörige, um gemeinsam alte Lieder zu singen. Indes wächst die Fachliteratur. In diesem Jahr hat die Stiftung Marburger Medien zum ersten Mal eine Bibel für Demenzkranke veröffentlicht. Das Buch besteht vor allem aus Texten des Lukasevangeliums. Bunte Bilder begleiten die in einfacher Sprache auf das Wesentliche gekürzten Bibeltexte. Deren Ziel sei es, den Betroffenen mit vertrauten Geschichten Hoffnung und Zuversicht zuzusprechen und ihnen Trost zu spenden.
„Würde im Hier und Jetzt verleihen“
„Das sind Menschen, die eine Würde haben und intensiv in der Gegenwart leben“, betont der Geschäftsführer der Stiftung Marburger Medien, Karsten Hüttmann, bei der Buchpräsentation. In der ersten Auflage wurden 30.000 Bibeln gedruckt. Ein Klassiker für die Arbeit mit Betroffenen und ihren Angehörigen ist aber auch das Vorlesebuch „Wenn Erinnerungen aufleuchten“. Für Eibach ist es immer eine Gratwanderung, welches Material sie verwendet.
„Viele Betroffene wünschen sich Bilder für Erwachsene und kein Kindermaterial.“ Auch eine Neuauflage der Basisbibel in modernem Gewand sei für viele von ihnen keine „klassische Bibel“. Für Stevanovic sind bei der Gestaltung des Gottesdienstes wiederkehrende Aspekte das A und O: „Es ist erstaunlich, was die Menschen weit über Psalm 23 hinaus auswendig zitieren können.“ Mancher Satz des Gottesdienstes wirke für den Moment und die Menschen fühlten sich unglaublich wohl, ergänzt Eibach. „In diesen Wohlfühlmomenten sind die Patienten wach und zugewandt. Es hat den Anschein, als feierten sie den Moment.“
Für das katholische Bistum Trier hat Oliver Besch einen Kurs entwickelt, um solche Gottesdienste zu gestalten. Im Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“ wirbt er dafür, Formate zu schaffen, die die Menschen trotz schwindender Erinnerungen trösten. Dem Diakon kamen dabei seine Erfahrungen als Lehrer für Pflege zugute.
„Dringend notwendiges Angebot“
Er hat in der Fachliteratur recherchiert, welche Regeln er daraus für demenzsensible Gottesdienste ableiten kann. Mittlerweile hat er den ersten Kurs ausgebildet, dessen Teilnehmer Gottesdienste für diese Zielgruppe anbieten möchten. Viele hätten auf ein solches „dringend notwendiges“ Angebot gewartet. Im Frühjahr 2027 sollen die nächsten Schulungen beginnen.
Auch der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Mit Wissenschaftlern aus Kanada und Großbritannien hat er gerade erforscht, wie die Gesellschaft Räume für Menschen mit Demenz öffnen und der Umgang mit dem Thema mehr öffentliche Beachtung finden kann. Gronemeyer wirbt dafür, Menschen zu unterstützen, in ihren Kommunen mitzureden, damit sie mit ihren Anliegen wahrgenommen werden. Es brauche gemeinschaftliche Orte. Als Beispiel nennt er den Demenz-Chor „Unvergesslich“, in dem Betroffene, Angehörige und Bürger gemeinsam singen. Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler erforschen, wie die Gesellschaft Perspektiven in einer älter werdenden Bevölkerung entwickeln kann.
Das deckt sich mit dem, was sich Eibach am Ende des Gesprächs wünscht: „Kommunen und christliche Gemeinden sollten gemeinsam Räume schaffen und Formate anbieten, damit wir Grenzen in Köpfen und Normen abbauen können.“ Der Gottesdienst, in dem Stevanovic von der lebendigen christlichen Hoffnung erzählt, endet mit dem Segen. Ganz zum Schluss muss Stevanovic bekennen, dass er auch noch etwas vergessen hat: das Vaterunser. Das wird natürlich nachgeholt. Hätte er sich doch mal einen Knoten in sein Taschentuch gemacht.
- Name geändert
Bibeln für Demenzkranke:
Der R.-Brockhaus-Verlag und die Deutsche Bibelgesellschaft haben am 22. September das Buch „Wenn Erinnerungen aufleuchten“ vorgestellt. Das biblische Vorlesebuch richtet sich an Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Darin sind 52 Vorlese-Einheiten mit Bibeltexten, Illustrationen, Liedern und Gebeten für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres enthalten. Das Buch wurde auch mit Hilfe einer Spendenkampagne finanziert:
Damit Demenzkranke biblische Inhalte erleben können, hat auch die Stiftung Marburger Medien im Juni eine Bibel für diese Zielgruppe herausgebracht. Ziel sei es, den Menschen Glaube, Hoffnung und Zuversicht zuzusprechen. Die „Demenzbibel“ ist eine Teilbibel, die hauptsächlich aus Texten des Lukasevangeliums besteht. Bunte Bilder begleiten die in einfacher Sprache gekürzten Bibeltexte. Die Bibel soll Erkrankten sowie Pflegern und Angehörigen etwas Sinnvolles in die Hand geben. Umgesetzt werden konnte das Projekt dank der Veronika-Stiftung und dem EKD-Medienfonds. In der ersten Auflage wurden 30.000 Bibeln gedruckt.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 5/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.