Haben Sie schon mal von der VEF gehört? Nein? Das ist nicht verwunderlich: Denn die Vereinigung Evangelischer Freikirchen repräsentiert in Deutschland eine zahlenmäßig nur kleine Minderheit von gerade einmal gut 271.000 protestantischen Christen (Kinder, die in der Regel keine Mitglieder sind, nicht mitgezählt).
15 sehr unterschiedlich geprägte Gemeindebünde sind in der VEF vertreten. Neben den „großen“ Freikirchen wie Baptisten, Freien Evangelischen Gemeinden, der Evangelisch-methodistischen Kirche und dem dynamisch wachsenden Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden ist dort auch etwa die kleine Anskar-Kirche mit bundesweit nur sieben Gemeinden vertreten oder die traditionsreiche Heilsarmee mit 861 Mitgliedern.
Die VEF und ihre Gemeinden sind keine machtvolle Organisation, sie sind keine tönende oder gar schrille Stimme in öffentlichen Debatten. Aber sie sind eine relevante Stimme, eine wertvolle Kraft: für unsere Gesellschaft. Und für das Miteinander aller christlichen Kirchen in Deutschland.
„Gemeinsam sind wir stark“
Deutlich wurde dies, als die VEF jetzt in Berlin ihr 100-jähriges Jubiläum feierte. „Gemeinsam sind wir stark“ – das ist nicht nur ein Mutmachspruch, den VEF-Präsident Marc Brenner auch geistlich aus dem biblischen Buch Prediger (4, 9–12) herleitete. Wie unverzichtbar gerade heute ein konstruktives, wechselseitig respektierendes, wertschätzendes und kooperatives Miteinander großer und kleiner Kirchen in Deutschland ist, das stellten vor allem die prominenten Vertreter der großen Kirchen heraus.
Kirsten Fehrs, Bischöfin der Nordkirche und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), machte deutlich, dass 100 Jahre VEF ein wirklich bemerkenswertes Jubiläum seien: Da Christen in den Freikirchen auch noch in der Weimarer Republik sowohl gesellschaftlich als auch kirchenpolitisch noch ausgebremst wurden, hätten sie sich zusammengetan. Das Prinzip „Einheit in Vielfalt“ habe man früh verstanden. Und so konnten die bereits 1926 gegründete VEF und ihre Freikirchen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur wichtige Impulse zur Begründung der heutigen Diakonie Deutschlands geben, sondern auch für die beginnende Ökumene.
Klare Kante gegen politische Vereinnahmung
Ausdrücklich dankte Bischöfin Fehrs Pastor Konstantin von Abendroth: In diesem Frühjahr hatte sich der VEF-Politikbeauftragte in Berlin klar gegen Versuche der AfD Sachsen-Anhalt positioniert, Freikirchen und die großen Kirchen politisch gegeneinander auszuspielen (PRO berichtete). Er hatte alle Versuche verurteilt, die über Jahrzehnte gewachsene ökumenische Verbundenheit zu torpedieren, deren Ziel die von Jesus Christus gewünschte Einheit der Christen sei. Religionsfreiheit bedeute auch Freiheit von politischer Einflussnahme.
Dankbarkeit und Wertschätzung in dieser Frage brachten auch andere Festredner zum Ausdruck. Der katholische Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg formulierte für seine Kirche sogar ein Schuldeingeständnis gegenüber den Freikirchen, deren Bedeutung als Brüder und Schwestern man lange nicht anerkannt habe. In 100 Jahren habe diese Bewegung vorgelebt, dass auch kleine und kleiner werdende Glaubensgemeinschaften lebendigen Glauben leben und zukunftsfähig sind – gerade heute sei dies wichtig auch für die großen Kirchen.
Die Gruß- und Dankworte der Festredner und die zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung, das waren keine Höflichkeiten zum Jubiläum. Es waren ausgestreckte Hände. Die 100-Jahr-Feier der Vereinigung Christlicher Freikirchen in Berlin war nicht nur ein sehr gelungenes Fest. Sie war ein starkes Signal für mehr Einheit unter den Christen in Deutschland, für mehr und vertiefte Zusammenarbeit der Kirchen.
Dieser Abend markiert vielleicht einen neuen Aufbruch. Trotz aller bestehenden Unterschiedlichkeiten in Glaubenstraditionen, Frömmigkeitsstilen und manchen theologischen Bewertungsfragen: Selten ist in den vergangenen Jahren die Sehnsucht unter unseren Kirchen die Einheit in Jesus Christus zu stärken, von so verschiedenen Kirchenvertretern gleichzeitig zum Ausdruck gebracht worden.