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Uneinigkeit über deutschen „Bible Belt“

In den USA haben Evangelikale starken Einfluss auf die Politik. Dies gilt vor allem für den sogenannten „Bible Belt“ im Süden und Osten des Landes. In der Frage, ob es eine vergleichbare Region in Deutschland gibt, gingen bei einem Web-Talk der Friedrich-Naumann-Stiftung die Meinungen auseinander.
Von PRO
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Die Anerkennung der Autorität der Bibel, missionarischer Eifer, Drängen auf persönliche Bekehrung und die Ausrichtung der Lebensführung auf Jesus sind laut dem Religionssoziologen Detlef Pollack Wesensmerkmale evangelikaler Gruppen

Foto: congerdesign/pixabay

Die Anerkennung der Autorität der Bibel, missionarischer Eifer, Drängen auf persönliche Bekehrung und die Ausrichtung der Lebensführung auf Jesus sind laut dem Religionssoziologen Detlef Pollack Wesensmerkmale evangelikaler Gruppen

Der Begriff „Bible Belt“ bezeichnet eine Gegend im Südosten den USA, in der evangelikaler Protestantismus als wesentlicher Bestandteil der Kultur verstanden wird. Evangelikale Kirchen haben in den USA Einfluss auf die Willensbildung, vor allem innerhalb der politisch konservativ ausgerichteten Bevölkerung. Die Korrelation zwischen Wahlergebnissen der Republikanischen Partei und evangelikaler Gruppen deutet darauf hin. Die Online-Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung ging der Frage nach, ob angesichts pietistischer Bewegungen in Württemberg und im Erzgebirge auch in Deutschland von einem „Bible Belt“ gesprochen werden kann, der politische Debatten prägt.

Die Religionswissenschaftlerin Katharina Neef ist in der Frage unentschieden. Ihren Angaben nach gibt es protestantisch geprägte Regionen in Deutschland, in denen statistisch signifikant höhere Werte von Kirchenbeteiligung, Kirchlichkeit und der Häufigkeit von Kirchgang und dem Empfang der Sakramente gemessen werden als in anderen Teilen Deutschlands. „Es gibt Regionen, in denen die Religiosität höher ist.“

Dies gelte für Württemberg und das südliche Sachsen. Im Erzgebirge und der Oberlausitz bestehe eine stärkere Haltung zu konservativen Positionen. Neef nannte als Beispiele den „Marsch für das Leben“, der in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge seit 2010 regelmäßig stattfinde. Der „Schweigemarsch für das Leben“, wie er in Annaberg-Buchholz genannt wird, möchte auf abgetriebene Kinder aufmerksam machen. Neef sprach von einem „Hang zum Wertkonservativen“ in der Region, der auch in der Markersbacher Erklärung erkennbar sei. In dem offenen Brief hatte ein Pfarrer die Frage aufgeworfen, ob homosexuelle Pfarrer mit Partner in Pfarrhäusern leben dürfen. Der Brief sei in der Sächsischen Landeskirche von allem im Erzgebierge auf Anklang gestoßen und stelle eine „Aussage über die Grenze des Sagbaren und Denkbaren“ dar.

Während in den USA jedoch eine kirchliche Kultur dominiere, gelte dies nicht für das Erzgebirge. Die Bindung an die Religion und eine wertkonservative Haltung seien im Erzgebirge am Wahlverhalten schwer ablesbar. Unter den AfD-Wählern fänden sich Christen wie Nichtchristen. Im Gegensatz zu den USA spreche man hier über landeskirchliche Strukturen. „Wenn wir von pietistischen Pfarren sprechen, sind das immer noch öffentliche Angestellte“, sagte Neef. Freie Prediger in den USA seien anderen Zwängen durch Mobilisierung, Finanzierung und Missionierung unterworfen. Im Erzgebirge zielten Evangelikale vor allem auf Einflussnahme auf innerkirchliche Entscheidungen, weniger auf politische. Säkulare Wissenschaftler müssten sich die Anfrage gefallen lassen, ob sie den Begriff „Bibel Belt“ nicht abfällig verwendeten im Sinne einer Gegend, in der „Menschen zur Aufklärung geführt“ werden müssten.

Religionssoziologe: „Evangelikale nehmen Belange der Familie sehr ernst”

Der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack führte in dem Web-Talk Ergebnisse einer nicht repräsentativen Online-Befragung an, die er vom Juli bis Dezember 2020 unter 2.032 Teilnehmern durchgeführt hat. Darin hatten sich 199 Befragte selbst als evangelikal bezeichnet. Die Evangelikalen hätten demnach eine starke Neigung zu einem exklusiven Glaubensverständnis an den Tag gelegt und hielten im Zweifel die Religion der Wissenschaft für überlegen. Hinsichtlich der Corona-Pandemie neigten Evangelikale verstärkt zu einer „religiös-dualistischen Deutung“. Die Pandemie werde verstärkt als göttliche Strafe gesehen. Auch Verschwörungstheorien würden überdurchschnittlich häufig von Evangelikalen als Erklärung für die Corona-Pandemie herangezogen. Bei der Befragung habe sich gezeigt, dass Evangelikale den Parteien, der Regierung und Institutionen weniger vertrauten und zudem eine überdurchschnittliche Nähe zu islamophoben Einstellungen erkennen ließen, aber sehr israel- und judenfreundlich gesinnt seien. Belange der Familie würden von Evangelikalen sehr ernst genommen.

Pollack stellte bei seiner Untersuchung auch eine überdurchschnittliche Neigung bei Evangelikalen fest, die AfD zu wählen. Bei seiner Befragung sei anhand der regionalen Verteilung nicht feststellbar gewesen, dass Evangelikale in Sachsen und Württemberg besonders häufig anzutreffen waren. Sehr wohl zeigten sich dort Cluster.

Ruppert: Kirchenvertreter „beherrschen politische Klaviatur”

Stefan Ruppert (FDP) war bis April 2020 Mitglied des Deutschen Bundestages. „Pluralität ist für mich per se etwas Gutes“, sagte Ruppert und verwies auf die Meinungsfreiheit. Er stelle eine „Professionalisierung der politischen Interessenvertretung evangelikaler Kreise“ fest. Dieses Feld sei in den zurückliegenden Legislaturperioden noch dominiert worden von den Verantwortlichen der beiden großen Konfessionen, die „die politische Klaviatur“ beherrschten. Dem gegenüber hätten die mitunter „unbeholfenen Versuche“ der Evangelischen Allianz und freikirchlicher Gruppierungen gestanden. Die Interessenvertretung der Evangelikalen werde aktuell als „Gegenbewegung zum kirchlich dominanten Mainstream“ gesehen, die der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz nicht das Feld überlassen wolle.

Die Bemühungen Evangelikaler fielen in konservativen Kreisen der CDU, aber auch bei der FDP, auf „politisch fruchtbaren Boden“, weil dort eine starke Entfremdung von den Landeskirchen festgestellt werde. Der FDP-Politiker sieht „eine vollkommen andere Methodik“ der evangelikalen Interessenvertretung. Bei den Kirchen gehe es „sehr stark um strukturelle Einflussnahme”, während es Vertretern evangelikaler Kreise um Beziehungsarbeit gehe. „Ich habe das insgesamt als etwas Positives wahrgenommen“, erklärte Ruppert, und weiter: „Nicht weil ich jede dieser Positionen – oder bei Weitem nicht jede dieser Positionen – teile, sondern weil ich diese Begegnungen sehr geschätzt habe und ich die Ernsthaftigkeit, mit der das betrieben worden ist, sehr zu schätzen gelernt habe.“ Als evangelischer Christ habe er sich zudem gefragt, wo die theologischen Begründungen von politischen Forderungen der Kirchen gelegen hätten.

Der Politikwissenschaftler Michael Lühmann sieht die Debatten um Homosexualität als das große Thema von Evangelikalen an. Die Evangelikalen im Erzgebirge hätten seiner Ansicht nach jedoch keinen „unmittelbaren Einfluss auf Regierungshandeln und Politik“. Die Markersbacher Erklärung sei jedoch ein zentraler Punkt, es sei mit Kirchenspaltung gedroht worden. Nach Lühmanns Einschätzung habe die AfD wertkonservative Themen besetzt, die vorher die CDU gepflegt habe. Lühmann erkennt in Teilen der Evangelikalen „eine gewisse Nähe“ gegenüber rechtspopulistischen Einstellungen. In Teilen Sachsens, in denen die AfD bislang eine hohe Wählerschaft unter Evangelikalen gefunden habe, würden unterdessen Debatten angestoßen, ein Umdenkprozess sei festzustellen.

Von: Norbert Schäfer

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