Wer die eigene Religion als die einzig akzeptable ansieht, neigt stärker zum Verschwörungsglauben. Das ergab eine Studie der Universität Münster.

Wer die eigene Religion als die einzig akzeptable ansieht, neigt stärker zum Verschwörungsglauben. Das ergab eine Studie der Universität Münster.

Studie: Freikirchler besonders empfänglich für Verschwörungstheorien

Eine Studie der Universität Münster ergab, dass offenbar Christen aus dem freikirchlich-evangelikalen Spektrum besonders empfänglich für verschwörungstheoretische Ideen sind. Die Forscher führen das auf eine lange Tradition der Selbstständigkeit, der kritischen Haltung gegenüber Autoritäten und ein Überlegenheitsgefühl zurück.

Carolin Hillenbrand und Detlef Pollack erforschen am Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster den Zusammenhang zwischen Religion und Einstellung zur Corona-Pandemie. Von Juli bis Dezember 2020 führten sie eine Online-Studie durch, an der sich 2.032 Personen aus ganz Deutschland beteiligten. Die Ergebnisse könnten allerdings nicht den Anspruch auf Repräsentativität erheben, da die Fallauswahl nicht einem Zufallsprinzip folgte, sondern der Online-Link zur Studie möglichst breit gestreut wurde, betonen die Forscher.

Das Ergebnis: Wer die eigene Religion als die einzig akzeptable ansieht, neigt stärker zum Verschwörungsglauben. Ebenso wer im Falle eines Widerspruchs zwischen Religion und Wissenschaft der Religion mehr vertraut als der Wissenschaft. Dies trifft der Studie zufolge besonders auf Gläubige des freikirchlichen Spektrums zu. „Die Zugehörigkeit zur katholischen oder zur evangelischen Kirche scheint hingegen die Abwehr gegenüber Verschwörungstheorien zu stärken“, schreiben die Autoren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch die befragten Muslime seien gut vor Verschwörungsmythen gefeit, während sich die Gruppe derer, die sich als spirituell, aber religiös ungebunden beschrieben, weder durch eine besondere Nähe noch durch einen besonderen Abstand zum Verschwörungsglauben auszeichneten.

Der Aussage: „Ich vertraue vor allem auf Wissenschaft und Technologie, um die Coronavirus-Pandemie zu überwinden“ stimmten in der Befragung fast zwei Drittel zu. Bei den Personen, die diese Aussage ablehnten, war eher eine Gebetshäufigkeit zu beobachten. Das aktive Engagement in einer Religionsgemeinschaft jedoch hing positiv mit Vertrauen in Wissenschaft zusammen. „Stimmten die Evangelikalen dem Glauben an den Einfluss böser Mächte überdurchschnittlich häufig zu, so lehnen sie die Aussage zur Kompetenz der Wissenschaft nun ab.“

Der Aussage „Hinter der Corona-Pandemie stecken böse, verborgene Mächte“ stimmten 196 Personen (knapp zehn Prozent) zu. Rund 80 Prozent kreuzten bei dieser Aussage hingegen „Stimme überhaupt nicht zu“ an. Der Aussage „Meine Religion ist die einzig akzeptable“ stimmten 51 Katholiken und 26 Protestanten zu, aber von den insgesamt eher unterrepräsentierten Freikirchlern 82. Die Aussage lehnten 773 Katholiken ab und 373 Protestanten. Bei den Freikirchlern lehnten 74 Personen diese Aussage als falsch ab.

Wissenschaftsskepsis sei nicht ein allgemeines Merkmal von Kirchlichkeit oder Religionszugehörigkeit, sondern betreffe nur ein eingegrenztes Segment im religiösen Feld. „Die religiös ungebundenen Spirituellen wiederum weisen jene Aufgeschlossenheit gegenüber Wissenschaft und Technik nicht auf, zeigen aber auch keine überdurchschnittlich ausgeprägte Skepsis gegenüber wissenschaftlicher und technologischer Kompetenz.“

Freikirchler nehmen Christentum ernster

Der Aussage „Diese Pandemie ist vor allem eine göttliche Strafe angesichts der menschlichen Sündhaftigkeit“ stimmen vor allem Personen mit einer hohen Religiosität zu, ebenso Personen, die nur ihre eigene Religion als akzeptabel ansehen und Religion über Wissenschaft stellen. Ob man häufig betet oder oft am Gottesdienst teilnimmt, mache hier keinen Unterschied. Auch die Zugehörigkeit zur katholischen oder evangelischen Kirche spiele keine Rolle. Freikirchlich-Evangelikale hingegen tendierten eher zur Interpretation der Pandemie als Strafe Gottes. Am stärksten ausgeprägt sei diese allerdings bei den befragten Muslimen.

Die Autoren der Studie vermuten in der Gruppe der Freikirchler „eine viel stärkere Gottesbeziehung“: „Offenbar ist die eigene religiöse Überzeugung hier so stark, dass man sie über andere Weltdeutungen stellt. Dieses Überlegenheitsgefühl kann sich auch in einer kritischen Haltung gegenüber Autoritäten, Wissenschaft und Staat äußern.“ Die Betonung der Selbstständigkeit habe bei den Freikirchlern und Evangelikalen eine lange Tradition, erklärten die Autoren gegenüber pro. „Man grenzte sich nicht nur vom Staat ab, sondern auch von den Landeskirchen und stellte demgegenüber die eigene religiöse Erfahrung oder die Bedeutung der Heiligen Schrift, also institutionell unabhängige Quellen des religiösen Wissens heraus.“

Die Geschichte der Freikirchen und Evangelikalen sei „von einem abgrenzenden Identitätsbedürfnis geprägt“, sagten die Forscher. „Theologisch geht es um ein ernsthafteres Christentum, als es andere leben, um das Seelenheil, um Tod und Leben, das Kreuz Christi, um das Ganze. Schon darin ist die Abgrenzung angelegt.“ Der Aussage „Wenn sich Religion und Wissenschaft widersprechen, ist die Religion im Recht“ stimmten 80 Freikirchler zu, 58 standen dem aber entgegen. Pollack und Hillenbrand betonen, dass die gefundenen Ergebnisse auch nicht auf alle Evangelikalen gleichermaßen zutreffen. „Unter den Evangelikal-Freikirchlichen können wir vielmehr zuweilen, etwa hinsichtlich der Bejahung eines exklusiven Glaubensverständnisses, eine beachtliche Polarisierung feststellen“, heißt es in ihrem Beitrag in der Frankurter Allgemeinen Zeitung.

Die Teilnehmer der Studie waren mit 45 Prozent mehrheitlich katholisch, 21 Prozent waren Protestanten. Zum evangelikal-freikirchlichen Spektrum zählten sich neun Prozent. Muslime waren mit vier Prozent vertreten, etwa genau so viele gaben keine Religionsangehörigkeit an. Die Teilnehmer waren zu 41 Prozent männlich, 58 Prozent weiblich und 0,5 Prozent divers. Die meisten Teilnehmer waren zwischen 20 und 59 Jahre alt und gehörten einer höher gebildete und höheren sozialen Schicht an. Die Mehrheit (88 Prozent) stammte aus Westdeutschland, nur elf Prozent kamen aus dem Osten Deutschlands. Bei der politischen Orientierung der Teilnehmer ist eine leichte Tendenz nach „links“ erkennbar, die Mehrheit verortete sich allerdings in der Mitte.

Von: Jörn Schumacher

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