Das Buch „Anstand“ von Florian Harms ist nicht besonders dick, aber es hat es in sich. Der erfolgreiche Journalist Florian Harms gibt seinen Lesern Rezepte und Ideen an die Hand, die gar nicht so schwer umzusetzen sind. Dabei hat es fast den Eindruck, als hätte Harms vorher die Bibel gelesen.
Harms füllt das etwas verstaubte Wort Anstand mit Leben. Für ihn ist es nicht nur ein Mittel gegen die Verrohung der Gesellschaft, sondern auch ein Kompass für eine polarisierte Welt, die gerade viele Krisen erlebt. In diesen Situationen möchte Harms Haltung bewahren, ohne selbst in Aggression oder Resignation zu verfallen.
Für die praktische Umsetzung benennt der Autor acht zentrale Prinzipien: Wahrhaftigkeit, Respekt, Rücksicht, Verantwortung, Gemeinsinn, Dialogbereitschaft und Zivilcourage. Harms nimmt wahr, dass sich die Gesellschaft nach verbindenden Werten sehnt. Dabei können die Unterstützung und der Anstand helfen, nicht zu negativ in die Zukunft zu blicken.
Verantwortung für die Welt übernehmen, hilft jedem persönlich
Es werde schwierig, wenn die Vernünftigen schweigen. Deswegen wünscht sich Harms, dass jeder Verantwortung für die Welt übernimmt. Dies tut nicht nur der Welt gut, sondern auch der eigenen körperlichen Gesundheit. Am Ende jedes Kapitels hat Harms noch „Hausaufgaben“ für seine Leser, an denen er weiterdenken kann.
Harms nimmt jeden Einzelnen in die Pflicht, den Kommunikationskanal zu anderen Menschen offen zu halten, wenn es sich nicht um Extremisten handelt. Denn wer andere ausgrenze, verenge seinen Handlungsspielraum. Der Respekt vor anderen dürfe aber nicht zur Selbstaufgabe führen. Harms zeichnet aus, dass er die Welt nicht naiv betrachtet. Ihm ist bewusst, dass nicht jeder Dialog automatisch wirkt.
Die Fähigkeit, zu verzeihen, sieht er als wichtiges Scharnier der Gesellschaft. Auch hier sind Parallelen zur Vergebung, zu der die Bibel auffordert, nicht von der Hand zu weisen. Wer Rücksicht auf andere nehme, trete dem Kult des Egoismus entgegen. Eine Gesellschaft, die zu stark auf Konkurrenz und Optimierung setze, erzeuge Zynismus, Erschöpfung und Misstrauen.
Anstand als „sozialer Klebstoff“
Er wirbt dafür, Gleichgesinnte zu suchen, um gemeinsam Fairness und Solidarität im öffentlichen Umgang zu fördern. Anstand ist für ihn nicht nur ein geeigneter Kompass, an dem man sich orientieren kann, sondern auch „sozialer Klebstoff“, der Rücksicht und Wahrhaftigkeit ermöglicht. Anständige zeigten echtes Interesse an einer gemeinsamen Zukunft. Und genau das brauche eine erschöpfte, misstrauische und egozentrische Welt mehr denn je.
Und auch die Journalisten nimmt er dabei in die Pflicht. Anständiger Journalismus traue seinem Publikum die Wahrheit zu, auch wenn diese unbequem sei. Dem Trend zu Falschinformationen in den sozialen Medien, müsste wieder ganz bewusst das Ansinnen entgegengesetzt werden, für das Journalismus stehe: „Sei der Erste, aber sei zuerst korrekt.“
Harms’ Buch besticht durch seinen realistischen Blick auf die Welt. Wer sich mehr Miteinander wünscht, egal ob im Privatleben oder in der Gesellschaft, für den könnte es sich lohnen. Und auch wenn Jesus und die Bibel darin nicht explizit genannt werden, schwingen in vielen Ansätzen viele Gedanken des Christentums immer mit. Je mehr Leser das Buch hat, desto konstruktiver könnte das Miteinander in einer aufgeheizten Zeit werden. Fakt ist: Anständige Menschen machen einen Unterschied.
Harms leitet seit 2017 die Redaktion des Nachrichtenportals „t-online“ und war Chefredakteur von „Spiegel Online“. In seinem Morgenformat „Tagesanbruch“ analysiert er von montags bis samstags Politik und Gesellschaft. Für seine Arbeit wurde er unter anderem als „Chefredakteur des Jahres“ ausgezeichnet.
Florian Harms, Anstand: Eine Anleitung zum gelassenen Widerstand, Herder-Verlag, 208 Seiten, ISBN: 978-3-451-03839-6, 19 Euro