Studie offenbart sexualisierte Gewalt bei den Christlichen Pfadfindern

Der Verband Christlicher Pfadfinder (VCP) hat sexuelle Gewalt in seinen Reihen seit 1973 wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gegen mindestens 344 Personen wurde sexuelle Gewalt verübt.
Von Johannes Blöcher-Weil
Pfadfinder (Symbolfoto) suchen ihren Weg: Auch der VCP hat sich auf den Weg gemacht, um die Vorfälle sexualisierter Gewalt zu erforschen

Seit der Gründung des Verbands Christlicher Pfadfinder (VCP) 1973 wurde gegen mindestens 344 Menschen im Verantwortungsbereich des VCP sexualisierte Gewalt verübt. „Damit wird eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte aufgearbeitet. Dem stellen wir uns, auch wenn es schmerzt und wir uns an Betroffenen schuldig gemacht haben“, erklärte Marlene Kowalski, die Vorsitzende des Betroffenenbeirats.

Das Ergebnis der Studie basiert auf 79 qualitativen Interviews mit (ehemaligen) VCP-Mitgliedern und der Auswertung von circa 1.300 Seiten zu 100 (Verdachts-)Fällen sexualisierter Gewalt. Die Betroffenen seien zu 60 Prozent Mädchen, zu knapp 40 Prozent Jungen und zu etwa einem Prozent diverse Personen gewesen. Zwei Drittel der Betroffenen waren bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahren alt.

Mindestens 161 Personen – fast alle männlich – hätten im VCP sexualisierte Gewalt verübt oder es wurden gegen sie entsprechende Beschuldigungen erhoben. Nahezu die Hälfte dieser Personen war zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 24 Jahren alt. Die Hälfte der Taten wurde nach 2000 begangen. Mehr als die Hälfte der Taten fand auf Lagern oder Fahrten statt. In mehr als einem Drittel der Fälle kam es zur Vergewaltigung.

Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung

Es gebe Fälle mit einer klaren Machtasymmetrie in der Beziehung zwischen erwachsenen VCP-Mitgliedern und den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen, aber auch sexualisierte Gewalt gegen jugendliche Pfadfinderinnen durch etwas ältere, männliche Pfadfinder „im Kontext erster Erfahrungen von Intimität, Liebe und Freundschaft“, erklärten die Wissenschaftler.

Oft hätten meist männliche Täter das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung genutzt, um sexualisierte Gewalt auszuüben. Begünstigt worden sei das oft durch eine starke emotionale und soziale Bedürftigkeit der Täter. Das Gemeinschaftsgefühl im VCP sei kollektiv verklärt und die Machtgefälle und Abhängigkeiten nicht erkannt worden. Die Arbeit der Pfadfinder sei eine Gegenwelt zu Familie und Schule und viele nicht bereit gewesen, die negativen Aspekte wahrzunehmen.

Vereinzelt habe sich auch gezeigt, dass Mitglieder von Kirchengemeinden sich schützend vor Täter gestellt und dadurch die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt erheblich erschwert oder verhindert hätten. Biografisch vorbelastete und Nähe suchende Betroffene hätten dabei ein erhöhtes Risiko für sexualisierte Gewalt gehabt, da sie für Manipulationen und emotionale Abhängigkeit anfällig gewesen seien.

„Mit Prävention das Ausmaß eindämmen“

Positiv wird dem Verband attestiert, dass er sich ab den 2010er Jahren verstärkt um die Betroffenen gekümmert habe. Eher ältere Fälle wurden „aufgrund einer fehlenden Idee von Aufarbeitung lange Zeit abgefertigt bzw. ignoriert“ und diese Betroffenen als Kinder und Erwachsene im Stich gelassen. Zugute gehalten wird dem Pfadfinder-Verband auch, dass er in den vergangenen 20 Jahren ein vielschichtiges Konzept zur Prävention entwickelt habe.

Die Betroffene Miriam Glas verdeutlichte unter Tränen, dass es spätestens ab dem heutigen Tag darum gehe, sich mit dem Vorkommen sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen und dem entgegenzutreten: „Mit Präventionsarbeit können wir das Ausmaß zumindest eindämmen.“ Sie ermutigte alle Betroffenen, über das Erlebte zu reden: „Bleibt nicht alleine damit und solidarisiert euch untereinander.“ Sie forderte jedes einzelne Mitglied dazu auf, mit sich selbst streng ins Gericht zu gehen und sich über die Risikofaktoren im Verein zu informieren.

Louisa Kreuzheck, Referentin für Kinder- und Jugendschutz und Präventionsbeauftragte im VCP, zeigte hohen Respekt vor den Menschen, die ihre Erfahrungen geteilt haben: „Ohne sie wäre Aufarbeitung nicht möglich.“ Der Abschlussbericht zeige, dass es sexualisierte Gewalt gegeben habe. Die Aufarbeitung beginne mit Ehrlichkeit und dem Mut, hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen. Sie entschuldigte sich, dies zu spät erkannt und Betroffene nicht ernst genommen zu haben.

„Unser Ziel ist ein Verband, der Menschen schützt“

Jetzt gehe es darum, die Empfehlungen der Institute konsequent umzusetzen und Strukturen sowie die Präventionsarbeit weiterzuentwickeln: „Unser Ziel ist ein Verband, in dem Menschen geschützt sind – und in dem Betroffene jederzeit Unterstützung finden.“ Sie dankte den Betroffenen „für ihren Mut, ihre Offenheit und ihre Bereitschaft, mit uns gemeinsam diesen Weg zu gehen“.

Marlene Kowalski berichtete aus dem Beirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP, der seit Sommer 2020 existiert. Der Beirat habe für eine unabhängige Aufarbeitung plädiert und diese kritisch begleitet. Der Beirat habe dazu beigetragen, Unbekanntes ans Licht zu bringen. Durch Nachfragen, Hinterfragen und Mitdenken sei es darum gegangen, den Weg der vergangenen Jahre zu gehen. Nun müssten sich die angestoßenen Verbesserungen an der Praxis messen lassen.

VCP-Bundesvorstand Peter Keil betonte, dass die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt neben der Prävention, Intervention und Anerkennung ein zentraler Aspekt im Kampf gegen Missbrauch sei. In der Vergangenheit habe es nicht funktioniert, alle Mitglieder vor sexualisierter Gewalt zu schützen: „Dieser Verantwortung stellen wir uns.“

Klärung der aufgeworfenen Fragen hat höchste Priorität

Der Verband müsse sich fragen, wo Risiken für sexualisierte Gewalt aus der Verbandsstruktur heraus entstanden seien. Die Ergebnisse der Studie seien ein Zwischenschritt, um in einem langen Prozess Strukturen, Entscheidungswege und Meldekultur zu hinterfragen und zu verbessern. „Die Klärung hat für den Verband höchste Priorität.“ Er kündigte für diesen November einen Fachkongress an, der sich mit der Studie beschäftigen wolle. „Bis dahin werden wir Antworten auf die Fragen der Studie erarbeiten und an einer Implementierung im Verband arbeiten.“

Erarbeitet wurde die Studie von Dissens, einem Berliner Institut für Bildung und Forschung e.V.. Seit 2020 hat das Institut einen Schwerpunkt, wissenschaftliche Aufarbeitungsprozesse von sexualisierter Gewalt in institutionellen Kontexten zu erforschen. Das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) ist ein sozialwissenschaftliches Forschungs- und Beratungsinstitut, das seit vier Jahrzehnten Einrichtungen, Programme und Projekte im Bereich der psychosozialen Versorgung erforscht, wissenschaftlich begleitet und berät. Seit 2011 ist ein Schwerpunktthema „Gewalt und sexueller Missbrauch in Institutionen“.

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