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Soziale Netzwerke: “Die schöne neue Psychowelt”

Einsam in dunklen Räumen und vor Bildschirmen sitzend: So sieht die Autorin und Psychotherapeutin Franziska Kühne die Internetnutzer der Zukunft. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus", das seine aktuelle Titelgeschichte dem Thema Freundschaft widmet, erklärt sie, warum die Menschen trotz "Facebook"-Freundschaften vereinsamen.
Von PRO

Foto: pro

Kühne, die das Buch "Keine E-Mail für Dich" geschrieben hat, redet Tacheles. Soziale Netzwerke würden Freundschaften "veroberflächlichen" und lediglich zur passiven Kommunikation beitragen. Mimik, Gestik, Stimme, Geruch und Körpersprache gingen verloren und damit all das, was "wir brauchen, um Nähe aufzubauen".



Kurzfristige Befriedigung von Bedürfnissen



Soziale Netzwerke bezeichnet Kühne als "schöne neue Psychowelt". Das Internet selbst schlucke zu viel Zeit und Aufmerksamkeit. Freundschaften würden dadurch unverbindlicher. "Facebook"-Freundschaften etwa dienten lediglich der kurzfristigen "Befriedigung von Bedürfnissen wie Anerkennung, Aufmerksamkeit und Sicherheit". Bei unangenehmen Situationen könne jeder der direkten Konfrontation mit seinen "Freunden" entgehen. "Soziale Netzwerke bieten einen virtuellen Spielplatz. Sie stellen Räume zur Verfügung, in denen man sich ausprobieren kann – ohne Konsequenzen." Bei einer Facebook-Nachricht sei man dem Freund nicht ausgeliefert und müsse nicht unmittelbar reagieren.



Ob "Facebook" Freundschaften entwertet, fragt auch die Focus-Redakteurin Isabella Alt in ihrem mehrseitigen Artikel. Der Oxforder Wissenschaftler Robin Dunbar habe die These aufgestellt, dass jeder Mensch mit "maximal 150 Personen eine auf Kenntnis und Vertrautheit beruhende Beziehung unterhalten" könne. Oben in der Hierarchie stünden fünf enge Vertraute, "an die wir uns jederzeit, auch nachts, mit unseren Anliegen wenden" könnten. Nach Ansicht der Deutschen sind für eine echte Freundschaft einer Umfrage des Instituts für Demografie in Allensbach zufolge Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit die Kardinaltugenden. Kontraproduktiv für eine Freundschaft sei vor allem Unzuverlässigkeit.


Massencharakter wird zum Problem



Sei das Fundament für eine Freundschaft erfolgreich gelegt, suche der Mensch durchaus seinen Widerpart. Freunde aus Kindertagen hätten oft ähnliche Ausgangsbedingungen. Deswegen werde der Sandkastenfreund in der Konkurrenzgesellschaft zum "unbestechlichsten Spiegel des eigenen Scheiterns", wenn dieser es zu mehr Reichtum und Renommee gebracht habe. Der Neurowissenschaftler Marin Korte von der Technischen Universität Braunschweig hat in seinen Forschungen auf den enormen Einfluss von sozialen Bindungen auf den Alterungsprozess unseres Gehirns hingewiesen. "Ohne Verbündete leben wir so ungesund, als wären wir fettleibig", bilanzierte auch ein Forschungsteam der "Brigham Young University" im US-Bundesstaat Utah. Die Bedeutung der Freundschaft habe auch deswegen zugenommen, weil die "Verwandtschaft" bei der derzeitigen Geburtenrate zum "knappen Gut" werde.



Einerseits strebe der Mensch nach Autonomie und Selbstverwirklichung, auf der anderen Seite wolle er sich in einem realen Netzwerk aufgefangen wissen. "Enge Freundschaft ermöglicht eine Bindung auf dieser Basis: intensive Nähe bei gleichzeitig immer wieder auftretender Distanz." Ob sich in Chats, Gefällt-mir-Buttons und Kommentaren diese Zwischenmenschlichkeit erfahren lasse, da ist auch die Focus-Redakteurin skeptisch. Dagegen spreche schon der Massencharakter sozialer Netzwerke. (pro)

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