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Meinung

Sinnsuche auf zwei Beinen

Die Dokumentation „Himmel über Camino“ begleitet sechs Pilger auf dem Jakobsweg – 800 beschwerliche Kilometer nach Santiago de Compostela. Ob diese Pilgerreise noch irgendetwas mit dem Glauben zu tun hat, sei dahingestellt; für die Protagonisten des Films ist sie jedenfalls – wie wohl für viele – eine Suche nach inneren Frieden.
Von Jörn Schumacher
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Foto: Ascot Elite Entertainment / 24 Bilder

Für den Film „Himmel über Camino“ haben zwei neuseeländische Filmemacher sechs Pilger auf dem Jakobsweg begleitet

Warum tut man sich diese Qual an? Diese Frage schwebt über jeder Minute des Kinofilms „Himmel über Camino“. Die beiden neuseeländischen Filmemacher Noel Smyth und Fergus Grady haben sechs Menschen aus Australien und Neuseeland auf dem Jakobsweg begleitet. Über 42 Tage haben sie versucht, mit der Kamera die Schönheit der Landschaft und die Suche dieser Personen freizulegen.

Früher einmal bedeutete Pilgern, einen Dienst für Gott zu vollbringen. Sich selbst zu quälen, sollte einen dem leidenden Jesus näher bringen oder Gott beeindrucken. Die Kasteiung des Fleisches sollte den Geist befreien. Es soll Menschen geben, die lange Strecken auf Knien zurücklegen. Immer aber geht es wohl um eine Suche, nach sich selbst und/oder nach Gott. Im Laufe der Zeit, sprich: mit der Säkularisierung, wandelte sich das Pilgern immer mehr zu einer Selbstfindungsmaßnahme für von seelischen Wehwehchen geplagte Menschen der westlichen Zivilisation, die bei allem Rennen um Wohlstand irgendwann ahnen, dass sie vielleicht etwas Wesentliches vergessen haben.

Viele Pilger berichten von tiefen Erkenntnissen, oder der Möglichkeit, endlich von etwas Traurigem Abschied nehmen zu können. Der Comedian Hape Kerkeling überraschte vor 14 Jahren mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“, das mit Devid Striesow fast ebenso erfolgreich verfilmt wurde. Er löste damit einen Pilger-Boom in Deutschland aus, der durch Corona selbsterklärend stark gedämpft wurde. Laut dem Pilgerbüro in Santiago de Compostela kamen 2019 rund 348.000 Menschen über die verschiedenen Jakobswege bei der Kathedrale von Santiago de Compostela an – wie in den Jahren zuvor ein neuer Rekord. Auf der Liste der Herkunftsländer mit den meisten Pilgern steht Deutschland dabei nach Spanien und Italien auf Platz drei. Auch im Corona-Jahr 2020 fand das Pilgern statt, wenn auch mit Maskenpflicht und Corona-Regeln in den Herbergen. Aber immerhin 19.812 angekommene Pilger trugen sich bis August im Pilgerbüro ein.

Der deutsche Vor-Pilger Kerkeling ist zwar nach eigener Aussage ein religiöser Mensch, sein erfolgreiches Buch sowie der Film zeugten damals allerdings eher weniger von einer theologischen Tiefe. Wer heute vom Pilgern spricht, tut das meistens ebenso selbstverständlich ohne Gotteserfahrung wie ein Atheist von der letzten Kathedralen-Besichtigung im Urlaub.

Tränen trocknen und Pflaster auf die Füße

Und so ist es auch mit dem Film „Himmel über Camino“. Natürlich ist das Pilgern auf dem Jakobsweg kein normaler Wanderurlaub. Auch die sechs Protagonisten des Films versuchen jeder auf seine Art, mit irgendeinem düsteren Kapitel im eigenen Leben abzuschließen. Julie, 54 Jahre alt, verlor ein Jahr zuvor ihren Mann, er starb an Krebs. Kurz danach kam auch ihr Sohn bei einem Bootsunglück ums Leben. Mark, 50, versucht, über den Tod seiner 17-jährigen Tochter hinweg zu kommen. Sein Schwiegervater Terry begleitet ihn; er ist den Jakobsweg bereit zuvor einmal gelaufen und macht diesen Marsch, die „1,6 Millionen Schritte“, zu einem Einsatz „für Maddy“, wie es die T-Shirts unter einem Foto des Mädchens verraten. Aber Gott wird mit keinem Wort erwähnt.

Die 70-jährige Sue kämpft in dem Film über gegen Erschöpfung und eine degenerative Arthritis an. „Nicht weinen“, sagt sie immer wieder wie ein Mantra vor sich her. Manchmal sinkt sie, mit dem großen Rucksack auf dem Rücken, wie eine Schildkröte am Wegesrand in sich zusammen, weinend vor Schmerzen. „Du schaffst das. Nicht aufgeben“, singt sie dann wieder leise vor sich hin und verschwindet in der Ferne. Abends in der Koje der Herberge spricht sie ihren Füßen mit Unterstützung von Pflastern gut zu.

Cheryl, 56, ist dabei zu beobachten, wie sie sich den Pilgerweg immer wieder mit „normalen“ Entspannungstechniken versüßt: Party, Ausgehen oder Shoppen. Und auch der Alkohol scheint auf dem Jakobsweg durchaus kein Tabu zu sein. Immer wieder haben diese leidenden Pilger dann auch einfach ganz normalen Spaß, wie ihn Urlauber auf der ganzen Welt haben, auf dem Spielplatz oder in der Bar. Und ganz unheilig hört Cheryl beim Pilgern gerne mal „Black Sabbath“, wie sie sagt. „Ohne die hätte ich die Meseta-Wüste nie geschafft!“ Dann wendet sie sich den Männern zu, die es sich an einem Tisch bequem gemacht haben: „Wo habt ihr das Bier her?“

„Gehen ist des Menschen beste Medizin“

Worin besteht denn dann der Unterschied zwischen dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela und einer normalen Wandertour? Es ist wohl das Ziel. Vielleicht ist ein letzter Rest dessen, was Pilgern einmal war, übrig geblieben. Vom Glauben an den christlichen Gott, dem zu Ehren die Kirchen und Kathedralen auch in Spanien ja einmal errichtet wurden, blieb vielleicht eine vage Idee von einem übernatürlichen Wesen. Aber der Weg ist ja bekanntlich das Ziel, und so ist die Pilgerreise mehr eine Reise zum eigenen Ich, meistens in Zeiten persönlicher Krisen.

Spirituell geht es bei den sechs Pilgern des Films, wenn überhaupt, dann eher unsichtbar zu. In der Tradition des Jakobswegs, die bis in das 9. Jahrhundert zurückreicht, steht am Ende der Reise eigentlich der Besuch in der Kathedrale von Santiago de Compostela, wo angeblich das Grab des Apostels Jakobus liegt. Davon wollen die Pilger im Film eher nichts wissen. Die 800 Kilometer von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich bis in die nordspanische Stadt bedeuten für sie hauptsächlich: den Sorgen des Alltags entfliehen und Gemeinschaft haben. So changiert der Film zwischen bewegenden Einblicken in tiefe Trauer und den alltäglichen Plackereien und Neckereien der erschöpften Wanderer, die im Durchschnitt 25 Kilometer am Tag zurücklegen.

Schon der griechische Arzt Hippokrates wusste: „Gehen ist des Menschen beste Medizin.“ Mit diesem Zitat beginnt „Himmel über Camino“, und er endet mit der trauernden Julie an der wunderschönen Küste Spaniens, als sie bei Sonnenuntergang auch symbolisch von ihren Liebsten Abschied nimmt. Am Cruz de Ferro, einem großen Kreuz auf dem höchsten Punkt des Jakobweges, legen viele Pilger Gegenstände ab, die sie mit einer Person oder einer Sache verbinden. „Viele Menschen legen hier einen Stein von 20 Gramm ab mit dem Gefühl, ihre tonnenschweren Sorgen loszuwerden“, sagt Terry. Es ist vielleicht auch der emotionale Höhepunkt des Films.
Am Ende hat der Zuschauer tatsächlich ein kleines bisschen das Gefühl, selbst auf dieser quälenden Pilgerreise mit dabeigewesen zu sein. Die schönen Landschaftsaufnahmen, die Berge und Sonnenauf- und Untergänge, nehmen ihn für 80 Minuten mit nach Südfrankreich, auf die Pyrenäen und nach Nordspanien und lindern ein durch die Coronazeit geplagtes Fernweh.

Vielleicht geht es am Ende auch nur um die schlichte Erkenntnis, die Mark auf der Wanderung plötzlich hat: Es geht bergauf, und es geht bergab. So ist das Leben. Wer seelische Schmerzen hat, beginnt – vielleicht das erste Mal – einen Sinn zu suchen. So eine Pilgerreise kann dabei helfen, alle anderen Stimmen um sich herum abzuschalten und das Hören überhaupt erst zuzulassen. Ob in diesem Himmel über dem Camino Gott ist und zuschaut? Dieser Himmel ist jedenfalls nicht immer blau, lernt der Pilger. Manchmal regnet es. Und manchmal tun die Füße weh.

„Himmel über Camino“, Dokumentarfilm, 88 Minuten, Regie: Noel Smyth und Fergus Grady, ab 29. Juli 2021 in den Kinos.

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2 Antworten

  1. “Ob diese Pilgerreise noch irgendetwas mit dem Glauben zu tun hat, sei dahingestellt;
    für die Protagonisten des Films ist sie jedenfalls – wie wohl für viele – eine Suche nach inneren Frieden.”

    Man wünscht sich die “Wirkung” ohne sich aber auf die “Ursache” einlassen zu wollen?
    Warum nur so wenig Vertrauen?

    “Er aber, der Herr des Friedens, gebe euch Frieden allezeit und auf alle Weise.
    Der Herr sei mit euch allen!”

  2. Dieser Weg hat tatsächlich tiefere Dimensionen, die sich erst nach ein paar Tagen schrittweise öffnen, falls ich achtsam diesen Weg gehe, wie ein erfahrener Jakobuspilger schreibt:

    Beim Pilgern “achte ich auf mich, meine Gehen, meine Worte, Gedanken und Gefühle. Ich bin ganz bei mir.
    Ich beachte den Menschen, die mich umgebende Natur, die vom Menschen geschaffenen Werke, z.B. den Bildstock, die schlichte Kapelle oder das figurenreiche Portal – ich bin ganz dabei.
    Ich habe Hochachtung vor der Würde eines Menschen, seinen Erfahrungen und Fragen, vor den Pilgern, die vor mir diesen Weg gegangen sind. Sie sind mir wertvoll…Achtsamkeit ist in jedem Augenblick möglich.
    Ich bin eingeladen, sie täglich üben.”

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