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Sie teilen alles – bis der Kühlschrank leer ist

In Kuba leben die Menschen in großer Armut. Aber viele Gemeinden wachsen. Das hat auch damit zu tun, wie Christen mit der Not und ihren Mitmenschen umgehen.
Von Jonathan Steinert
Kuba, leere Regale, Geschäft

Foto: Dorothee Kuhs, Coworkers

Leere Regale in den Geschäften sind in Kuba eher Normalfall statt Ausnahme

PRO: Im Herbst waren Sie in Kuba. Sie haben Bilder mitgebracht, auf denen Geschäfte mit leeren Regalen zu sehen sind. Wie haben Sie sich in dem Land ernährt?

Dorothee Kuhs: In vielen Geschäften gab es tatsächlich nur zwei, drei Produkte. Es gibt Supermärkte, wo man nur mit Devisen zahlen kann – die viele Kubaner nicht haben. Mit Euros war es da für mich einfacher, etwas zu bekommen. Diese Läden sind groß und neu gemacht, aber auch sie bieten nur eine Handvoll Sachen an – dafür aber in großen Mengen.

Da ich Projektpartner besucht habe und mit religiösem Visum zum Teil bei ihnen privat oder in einer Art Hostel übernachtet habe, bin ich dort gut versorgt worden. Aber meine Gastgeber haben teilweise mehrere Tage im Voraus nach Lebensmitteln gesucht, um mir eine Mahlzeit zubereiten zu können.

Ist das Leben so teuer oder sind die Dinge nicht vorrätig?

Beides. Viele Dinge gibt es einfach nicht. Mir haben zum Beispiel Mitarbeiter aus dem größten Kinderkrankenhaus in der Hauptstadt Havanna gesagt, dass sie gerade keine Milch haben, die sie den Kindern geben können. Wenn es etwas gibt, ist es oft unfassbar teuer. Die Flasche Olivenöl 15 Dollar oder eine 300-Milliliter-Packung passierte Tomaten drei bis vier Dollar.

Droht in Kuba eine Hungersnot?

Nein, davon, dass Menschen auf der Straße verhungern, ist man noch weit entfernt. Aber manche Menschen müssen sich zum Beispiel eine Woche lang nur von Reis ernähren, weil sie sich nichts anderes leisten können, falls es überhaupt etwas anderes gibt. Das führt wiederum zu einer Mangelernährung, was gerade für Kinder auch gesundheitliche Folgen hat.

Dorothee Kuhs arbeitet als Projektmanagerin für Lateinamerika bei der Hilfsorganisation Coworkers (bisher Hilfe für Brüder International).

Ihre Organisation hat Ende vorigen Jahres und Anfang dieses Jahres insgesamt fünf Container mit Lebensmitteln und Medikamenten von Deutschland nach Kuba verschifft. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Eigentlich ist unser Ziel, dass wir den Menschen mit den Ressourcen in ihrem Land helfen. Das halten wir für nachhaltiger. Aber unsere Partner haben uns gesagt: Selbst wenn wir das Geld hätten, um Lebensmittel zu kaufen, gibt es vieles nicht oder nur zu extrem hohen Preisen.

Wir haben dann eine Kalkulation gemacht und uns die Preise für verschiedene Lebensmittel von einem deutschen Großhändler geben lassen. Darauf haben wir die Kosten für die Fracht aufgeschlagen und das mit den Ladenpreisen der gleichen Lebensmittel in Kuba verglichen. Es klingt absurd: Mit jedem Container, den wir von hier nach Kuba schicken, statt die Sachen dort zu kaufen, konnten wir circa 10.000 Euro sparen.

Wie lief das ab?

Wir haben bei einem Großhändler Lebensmittel bestellt. Ein Logistiker hat das direkt dort abgeholt, den Container befüllt und an den Hafen gefahren. In Havanna hat unser Partner den Container in Empfang genommen und teilweise bei sich eingelagert. Ein großer Teil wurde direkt verteilt an verschiedene Gemeindebünde und Altenheime. Uns war es wichtig, dass die Lebensmittel auch in den Osten des Landes kommen und nicht alles in der Hauptstadt bleibt.

Was haben Sie nach Kuba geschickt?

Wir haben vor allem Öl, Mehl, Nudeln, Haferflocken und Tomatenmark oder -soße verschickt. Sachen, aus denen man mit wenigen Zutaten eine Mahlzeit schaffen kann – und die auch hier nicht so teuer sind im Einkauf. Wir haben auch viel dafür gebetet, denn wir hatten zuvor noch nie Container verschickt. Aber wir haben wirklich Wunder erlebt: Gott hat uns an vielen Stellen geholfen und mit guten Kontakten versorgt. Unser Partner in Kuba hat gesagt, er sei am Hafen noch nie so reibungslos durch den Zoll gekommen.

Kuba Foto: Dorothee Kuhs, Coworkers

Der karibische Inselstaat Kuba hat rund 11 Millionen Einwohner. Politisch wird das sozialistische Land von der Kommunistischen Partei geprägt. Derzeit erlebt Kuba eine schwere Wirtschaftskrise, die durch hohe Inflation infolge einer Währungsreform, die Pandemie, Sanktionen seitens der USA und andere Faktoren verschärft wird. Hunderttausende Menschen haben in den vergangenen zwei Jahren das Land verlassen. Ein Großteil der Kubaner pflegt die Rituale der synkretistischen Religion Santería, die katholische Heilige mit afrikanischem Götterglauben der damaligen Sklaven verknüpft. Die kubanische Verfassung garantiert Religionsfreiheit, auf dem Weltverfolgungsindex listet die Menschenrechtsorganisation Open Doors das Land auf Rang 37.

Wie haben Sie den Glauben der kubanischen Christen erlebt – gerade angesichts der Not und des Mangels?

Wir arbeiten als Organisation mit verschiedenen freikirchlichen, evangelikalen Gemeindeverbänden zusammen, Baptisten und Methodisten sowie einigen kubanischen Verbänden und ein paar gemeindeübergreifenden Organisationen. Viele Gemeinden aus diesem Kontext wachsen. Man kann das auch in anderen Ländern sehen, dass sich Menschen an Jesus wenden, weil sie sonst nichts anderes haben, worauf sie ihre Hoffnung setzen können. Mich hat es begeistert zu sehen, welches Gottvertrauen die Menschen haben und mit welchem Glauben sie darauf vertrauen, dass Gott sie versorgt.

Woran zeigt sich das?

Die Ehefrau eines Pastors hat mir zum Beispiel gesagt: Wenn sie sieht, dass Menschen um sie herum Not leiden oder nicht genug zu Essen haben, dann teilt sie mit ihnen alles – bis der Kühlschrank leer ist. Und am nächsten Tag vertraut sie darauf, dass Gott den Kühlschrank wieder füllt. Die Menschen erleben, dass Gott sie wirklich versorgt.

„Oft wachsen Gemeinden, weil die Menschen Christen als Vorbilder wahrnehmen, die sich kümmern und ihre Habe teilen.“

Wie das?

Mit unseren Lebensmittelcontainern haben wir unter anderem ein Altenheim unterstützt. Der Direktor hat uns danach unter Tränen berichtet, wie sie gebetet haben, dass Gott sie versorgt, weil so vieles ausgegangen ist. Und dann kamen die Dinge von uns genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich habe ganz viele solche Geschichten gehört von Menschen, die nichts mehr hatten – und dann kam der Nachbar oder der Gemeindepastor und hat etwas vorbeigebracht.

Es ist tatsächlich oft so, dass die Gemeinden dadurch wachsen, weil die Menschen Christen als Vorbilder wahrnehmen, die sich kümmern und ihre Habe teilen. Auch die Lebensmittelspenden aus Deutschland waren für manche Christen eine Möglichkeit, wieder auf den Nachbarn zuzugehen und etwas abzugeben als Zeichen von Gottes Liebe. Das hat die Möglichkeit für Gespräche eröffnet und Menschen haben sich in die Gemeinden einladen lassen.

Wie wirkt sich die Armut sonst auf die Gemeinden aus?

Die Armut sorgt dafür, dass vor allem gut ausgebildete Menschen scharenweise das Land Richtung USA verlassen. Leider gehen auch viele Pastoren weg. Sie werden zwar auch woanders gebraucht, aber für die Gemeinden in Kuba ist das hart, weil dort die Pastoren fehlen. Die Gemeinden wachsen so schnell, dass man damit kaum hinterher kommt. Dann wird etwa aus einem Hauskreis eine eigene Gemeinde, der Hauskreisleiter wird zum Pastor und bildet sich etwa in Online-Kursen oder Bibelschulen weiter.

In vielen Gemeinden ist es üblich, von dem Wenigen, was die Menschen haben, den zehnten Teil zu spenden. Damit wird unter anderem der Pastor versorgt. Aber das reicht meist nicht aus. Viele Pastoren – ebenso wie auch wie Mediziner und andere Akademiker – haben daher noch andere Jobs und fahren zum Beispiel Taxi. Das ist für die Christen auch eine Möglichkeit, um mit anderen über den Glauben ins Gespräch zu kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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