Seelsorge ohne Kirche

In Brandenburg ist seit Januar der erste humanistische Seelsorger bundesweit in einem Gefängnis tätig. Er soll eine Alternative zu den kirchlichen Angeboten bieten. Auch im Militär streben Nichtreligiöse ähnliches an.
Von Anna Lutz

Die Justizvollzugsanstalt Nord-Brandenburg in Neuruppin-Wulkow ist einzigartig in Deutschland. Nicht wegen ihrer Haftbedingungen oder ihrer Insassen. Sondern weil dort ein bisher bundesweit einmaliges neues Berufsbild vorzufinden ist: ein nichtreligiöser Gefängnisseelsorger. Seit Januar können Häftlinge ihre Nöte, Wünsche und Träume nicht nur mit christlichen Experten besprechen. Sondern auch mit einem Seelsorger, der für den Humanistischen Verband Berlin-Brandenburg arbeitet, also eine explizit aufs Diesseits ausgerichtete Interessenvertretung als Alternative etwa zu den Kirchen. 

Bestrebungen, eine atheistische Alternative zur geistlichen Seelsorge einzurichten, gibt es schon lange bei humanistischen Gruppen, nicht nur in der Gefängnisseelsorge, sondern etwa auch beim Militär. Vorreiter ist diesbezüglich der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der sich mit nach eigenen Angaben 25.000 Mitgliedern als die größte Interessenvertretung Konfessionsloser sieht. 

Seelsorger, der Gott nicht als letzte Instanz sieht

Im Gespräch mit PRO erklärt Sven Thale vom HVD, warum es dieses Angebot seiner Meinung nach braucht: „Würde ein Christ in einer Trauerphase etwa zu einem Seelsorger gehen, der nichts mit Gott anfangen kann? Eher nicht. Wenn Nichtgläubige andersherum Trost suchen, dann gehen sie eventuell auch nicht zu einem Seelsorger, der Gott als letzte Instanz sieht.“ Und auch ein anderweitiges psychiatrisches Angebot komme in dem Fall schwerlich infrage, einerseits, weil Sinn- und Moralfragen nicht zwangsläufig pathologisch seien. Andererseits, weil Ärzte im Zweifel vor Gericht aussagen müssen. Ein Seelsorger hingegen kann sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen. 

Die humanistische Seelsorge unterscheidet sich laut Thale sich von der religiösen durch die „Hintergrundannahmen“. Soll heißen: Die Anbindung an Gott – oder eben nicht. Thale verweist auf die konfessionell und religiös unterschiedlichen Seelsorgeangebote: katholisch, evangelisch, jüdisch, muslimisch. „Wenn jeder für jeden Seelsorge leisten könnte, dann bräuchte es das ja auch nicht.“ Hinzu komme: Manche Menschen fühlten sich von der Kirche geradezu abgeschreckt, sei es durch Sozialisation oder schlechte Erfahrungen. 

Dass es einen Bedarf an einem humanistischen Angebot gibt, leitet der Verband aus der steigenden Zahl kirchenferner Menschen und der Situation in anderen Ländern ab: In Belgien oder den Niederlanden, wo es humanistische Seelsorge in Gefängnissen und im Militär bereits gibt, werde das Angebot gut angenommen. „Wenn die Menschen sehen, dass sie eine Wahl haben, dann nutzen sie das auch“, sagt Thale. 

Wehrbeauftragter: Kein Bedarf

Anders legt das ein Bericht des Bundestags-Wehrbeauftragten Henning Otte (CDU) nahe: Neben den bereits existierenden Angeboten und einem in Planung stehenden muslimischen gebe es keinen Bedarf „an weiteren seelsorgerischen Angeboten außenstehender Institutionen“, auch nicht humanistischer Art. Das Vertrauen in die Militärseelsorge beruhe „weniger auf deren konfessioneller Prägung als auf deren institutioneller Unabhängigkeit und persönlicher Integrität“, heißt es im aktuellen Jahresbericht des Wehrbeauftragten.

Laut einer Studie der evangelischen Militärseelsorge ist selbige bei konfessionell wie nichtkonfessionell gebundenen Soldaten akzeptiert und eine explizit religiöse Begleitung selten gewünscht. 95 Prozent der Soldaten befürworten demnach das derzeitige Angebot.

Bernhard Felmberg wird sich ab Oktober um die Militärseelsorge kümmern Foto: EKD
Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg

Während sich die konfessionelle Seelsorge mit öffentlicher Kritik am angestrebten humanistischen Angebot zurückhält, wird es gelegentlich von anderer Seite aus laut: Für die „taz“ schrieb der in der Giordano-Bruno-Stiftung organisierte Autor Ralf Nestmeyer im Februar: „Eine moderne Parlamentsarmee braucht vieles, aber keine staatlich organisierte Missionsarbeit. Wer ernsthaft über eine moderne Bundeswehr spricht, muss auch den Mut haben, die Abschaffung der Militärseelsorge in den Blick zu nehmen.“ Im selben Text verglich er die Militärseelsorge mit „Feldpredigern“ der preußischen Armee und erinnert an katholische Seelsorger in der Wehrmacht.

HVD: „Tragen nichts zu verletzenden Äußerungen bei“

„Es hat keiner was davon, wenn wir uns gegeneinander ausspielen“, sagt Thale im Gegensatz dazu und spricht von einem guten Miteinander beim Thema zumindest vonseiten des HVD, der kaum mit der Giordano-Bruno-Stiftung zusammenarbeite. „Wir tragen zu verletztenden Äußerungen nichts bei“, sagt er.

Rechtlich zumindest ist die Lage eindeutig: Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften dürfen Institutionenseelsorge leisten. Als größere Hürde sieht Thale die Finanzierung: „Da fehlt derzeit der politische Wille.“ Er appelliert, dass etwa in Berlin bald auch Landesmittel für die humanistische Seelsorge bereitgestellt werden. Für die konfessionelle institutionelle Seelsorge geschieht das bereits.

Langfristig strebt der HVD einen eigenen Ausbildungsgang für humanistische Seelsorge an, etwa bei der Humanistischen Hochschule Berlin. Der nun schon tätige Seelsorger sei zunächst einzeln mithilfe der international verfügbaren Unterlagen für den humanistischen Bereich geschult worden. Nicht nur die Ausbildung wäre künftig flächendeckende Grundvorraussetzung für die Tätigkeit als humanistischer Seelsorger: „Wir erwarten eine Verpflichtung auf das Diesseitige“, sagt Thale. Soll heißen: Der Seelsorger verweist nicht auf Gott, ein Leben nach dem Tod oder andere transzendente Überzeugungen. „Da erwarten wir Klarheit: Es gibt dieses eine Leben zu leben und darüber hinaus gibt es kein weiteres.“

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