Dass das schnell eskalieren würde, war klar. Gil Ofarim ist der wohl bekannteste Protagonist der diesjährigen Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, jener RTL-Show, bei der mehr oder weniger Prominente 17 Tage lang im australischen Dschungel ausharren und je nach Publikums- und Teamvoting Ekelprüfungen absolvieren müssen. Ofarim kennt man einerseits, weil er als Jugendlicher recht häufig als Sänger in der „Bravo“ war, vor allem aber, weil er im Jahr 2021 einem Hotelmitarbeiter Antisemitismus vorwarf. Offenbar fälschlicherweise, denn mit der Zeit kamen Zweifel an seiner Darstellung auf und der Hotelmitarbeiter beschuldigte ihn der Verleumdung. Das Ganze landete vor Gericht und Ofarim erklärte gegenüber dem Betroffenen: „Die Vorwürfe treffen zu. Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Es tut mir leid.“ Man einigte sich ohne Gerichtsurteil.
Seitdem ist der einstige Teeniestar weg von der Bildfläche. Seine Geschichte ging um die ganze Welt und nicht nur die jüdische Community zeigte sich (zu Recht) erbost über den anscheinend erfundenen Antisemitismus. Gut zwei Jahre nach Ende des Gerichtsprozesses hat RTL Ofarim (anscheinend, denn was weiß man schon wirklich?) eine Rekordsumme geboten, um für Quote zu sorgen. Tut er auch. Denn was sich da im australischen Dschungel entspinnt, ist eine eindrückliche Vorführung davon, was es bedeutet, wenn der moralische Kompass kreiselt – und bei besonders einem TV-Moderator außerhalb des Camps hoffnungslos gen Süden zeigt.
Schweigen und Gezeter
Glaubt man den RTL’schen Zusammenschnitten der bisherigen Folgen, dann dreht sich das Camp, bestehend aus zu Beginn zwölf Teilnehmern, vor allem um zwei Personen: Gil Ofarim und Ariel Hediger aus der Schweiz. Letztere ist manchen Wenigen bekannt, weil sie in diversen Reality- und Trash-Formaten zu Gast war und außerdem Instagram bedient. Sie glaubt, das bekannte sie nun im Camp, die Erde sei eine Scheibe, und ist zudem erst zarte 22 Jahre alt. Und Mutter. Vor allem aber sorgt sie seit dem 23. Januar Folge für Folge dafür, dass niemand vergisst, warum Ofarim eigentlich ins Camp eingeladen wurde: Weil er vor Gericht stand und zugegeben hat, in Sachen Antisemitismus gelogen zu haben.
„Lügner“, „Verbrecher“, „Schmutz“, das sind nur einige Ausdrücke, mit denen sie den Sänger überzieht, zudem macht sie deutlich, dass sie von ihm eine Erklärung erwartet, was damals vorgefallen sei. Und nicht locker lassen wird, solange sie im Camp ist. Und Ofarim? Schweigt. Erklärt, er dürfe sich öffentlich nicht zur Sache äußern. Schweigt. Ärgert sich über Ariel, mal lauter, mal eher grummelnd. Absolviert stoisch seine Dschungelprüfungen, sogar wenn er gemeinsam mit der selbsterklärten Gerechtigkeitskämpferin antreten muss. Schweigt. Und manchmal, das war zuletzt zu beobachten, ist er sogar bemüht freundlich zur hochgejazzten Campfeindin.
Das alles macht auf vielen Ebenen nachdenklich. Denn wie gerne will man vergessen, dass dieser doch irgendwie ganz sympathische Ofarim wirklich großen Mist gebaut hat. Und den auch noch zugegeben hat. Wie gerne will man darüber hinwegsehen, dass er sich nun im Camp gar nicht so schuldig gibt, sondern eher als Opfer der Öffentlichkeit geriert. Wie gerne will man vergessen und wie sehr hält Teilnehmerin Ariel einen davon ab. Und dann ist die auch noch so anstrengend, weil sie dauernd kreischt und schreit und irgendwie kaum etwas gut hinbekommt. In Gegensatz zu Ofarim.
Der moralische Kompass kreiselt
Darf man also vergessen, ja vielleicht sogar vergeben, auch dann, wenn einer seine Schuld nur so halb bekennt – und nur unter Druck? Darf man das, in dem Wissen, dass das eigene Erkennen nur Stückwerk ist, es Details gibt, die der Öffentlichkeit verborgen geblieben sind (denn so ist es ja immer)?
Die Dinge sind also kompliziert und werden nicht simpler, wenn man ausgerechnet von dem einst populärsten TV-Moderator der Nation, Stefan Raab, vor Augen geführt bekommt, worum es in der Causa Ofarim eigentlich ursprünglich mal ging: Antisemitismus. Raab leistete sich mit seiner Show nämlich in einer Dschungelbetrachtung einen Ausfall, der erstaunlich Wenige interessierte, aber der ihn eigentlich den Job kosten müsste.
Ausgerechnet am 27. Januar, dem Holocaustgedenktag, hieß es in einem Einspieler, Ofarim habe ein „Betrüger-Gen“, das er von seinem Onkel „Samuel“ geerbt habe. Dazu zeigte er Bilder eines unbekannten Mannes, der Obst auf einem Markt stiehlt. Anschließend veräppelte er Ofarim noch als vor allem in der jüdischen Gemeinde bekannten Sänger und zeigte dazu Bilder tanzender orthodoxer Juden. Der Jude, so die „Stefan Raab Show“, ist erstens ein Betrüger, einfach genetisch bedingt, und außerdem eine kurios herumhüpfende Witzfigur. Wenn das kein antisemitischer Ausfall ist, auch noch am Gedenktag der Ausschwitzbefreiung, was wäre denn dann einer?
Dass sich außer Dschungelexpertin Anja Rützel auf „Spiegel“ und der „Jüdischen Allgemeinen“ niemand darüber aufgeregt hat, spricht Bände. Entweder Raab ist einfach so aus der Mode, dass ihn niemand mehr einschaltet. Die Quoten sprechen dagegen. Oder aber ein kleiner Judenwitz, zumal über einen Juden, der sich mächtig daneben benommen hat, der schadet in den Augen der Öffentlichkeit dann eben doch nicht so sehr. Da darf ein Auge zugedrückt werden, der Ofarim kann’s vertragen.
Was also tun gegen kreiselnde und falsch ausschlagende Kompasse? Auch wenn es hier um einen jüdischen Protagonisten geht, mag ein christlicher Gedanke erlaubt sein: Vergebung ist bei Gott universell. Oder anders: Er vergibt mir, ich vergebe anderen. Niemand ist gut, wir alle lügen, stehlen, reden schlecht über andere, sind unaufrichtig oder Verbrecher. Wie gerne würde man das auch Ariel hier und da zurufen: „Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Mt 7,3) Ja, zur Vergebung gehört auch Buße. Aber wer ist der Zuschauer, beurteilen zu wollen, ob eine öffentliche Person die vollzogen hat?
Einfacher ausgedrückt: Im Zweifel freundlich bleiben. Das halte ich für eine ganz angemessene Devise und führt in der Regel weiter, als das Gegenüber mit Vorwürfen in den Boden zu rammen. Zumal, wenn der Vorwerfende gar nicht selbst von der mutmaßlichen Tat betroffen ist. Tatsächlich sind wir doch alle nur Zuschauer der Causa Ofarim, damals beim Antisemitismus-Streit und nun im Dschungel. Das Innenleben und den Wahrheitsgehalt von Reue zu beurteilen steht uns kaum zu. Eines aber dürfen wir: Stefan Raab künftig meiden – wenn er sich nicht seinerseits für seinen Fehler entschuldigt. Denn Antisemitismus hat im TV nichts verloren. Selbst dann nicht, wenn das Opfer einst ein Täter war.