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Sarrazin-Buch: Der Islam ist schuld

Thilo Sarrazin macht wieder von sich reden. Acht Jahre nach „Deutschland schafft sich ab" hat er nun ein Buch geschrieben, in dem er den Islam als Wurzel von Bildungsdefiziten, Integrationsmissständen und Frauenfeindlichkeit identifiziert. Er warnt vor nichts Geringerem als einer Islamisierung der Bundesrepublik in den nächsten 75 Jahren. Darf er das? Eine Analyse von Anna Lutz
Von Anna Lutz
Thilo Sarrazin am Donnerstag in Berlin

Foto: pro/Anna Lutz

Thilo Sarrazin am Donnerstag in Berlin

Im Grunde hat sich nicht viel geändert: Thilo Sarrazin hat ein Buch über den Islam und die negativen Auswirkungen der Zuwanderung geschrieben. Die Medien verreißen es. Der Autor sieht sich zu Unrecht diffamiert. Acht Jahre ist es her, seit „Deutschland schafft sich ab” erschien, jenes Buch, das den Namen Thilo Sarrazin deutschlandweit bekannt machte und dafür sorgte, dass er zeitweilig Polizeischutz brauchte. Seitdem arbeitet die SPD mit Unterbrechungen an seinem Parteiausschluss. „Dabei ist alles viel schlimmer gekommen, als ich es in dem Buch beschrieben habe”, sagte Sarrazin bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin.

In 75 Jahren haben die Muslime Deutschland abgeschafft

Denn der ehemalige Berliner Finanzsenator hat ein neues Buch herausgebracht: „Feindliche Übernahme” lautet der Titel. Damit ist gemeint, dass Muslime innerhalb der nächsten zwei bis drei Generationen die Macht über Staat und Recht in Deutschland an sich reißen werden. Nicht gewaltsam, sondern durch Unterwanderung aufgrund hoher Geburtenzahlen. Das zumindest ist das Zukunftsszenario Sarrazins: In 75 Jahren wird dieses Land nicht mehr dasselbe sein. Denn natürlich bringt der Islam in seinen Augen keine positiven Veränderungen nach Deutschland. An Statistiken macht Sarrazin fest, dass Muslime zum Beispiel schlechter gebildet sind als andere Gruppen. Oder häufiger straffällig. Aus islamischen Staaten, so ebenfalls eine seiner Thesen, komme nichts Gutes für das Abendland.

Journalist Alexander Kissler (l.) und Thilo Sarrazin bei der Vorstellung des Buchs „Feindliche Übernahme Foto: pro/Anna Lutz
Journalist Alexander Kissler (l.) und Thilo Sarrazin bei der Vorstellung des Buchs „Feindliche Übernahme”

Schuld daran ist laut Sarrazin der Islam selbst. Das will er herausgefunden haben, indem er den Koran gelesen hat. Ein ganzes Kapitel in seinem Buch beschäftigt sich mit einer Inhaltsangabe des muslimischen Glaubenstexts. Er kommt zu dem Schluss, diese Schrift sei schwer verständlich, redundant und lasse überdies für den normalen Leser nur eine islamistische Interpretation zu, wie er am Donnerstag sagte. Die einzige Möglichkeit, wie Muslime nun daran zu hindern seien, Deutschland zu übernehmen, sieht er in einer strengen Einwanderungskontrolle, denn: „Das Asylrecht wurde zum Tor für illegale Einwanderung.“

Genfer Flüchtlingskonvention ändern

Deshalb fordert er Transitzonen, Abschiebungen innerhalb von 30 Tagen, die Abschaffung des Klagerechts gegen selbige und dass die Urteile, sollte das Herkunftsland sich weigern, den Abgeschobenen aufzunehmen, notfalls mit Militärgewalt durchgesetzt werden. Die Genfer Flüchtlingskonvention will er derart geändert sehen, dass Hilfesuchende zwar noch finanzielle Unterstützung von Europa bekämen, nicht aber aufgenommen werden müssten. An dieser Stelle sei daran erinnert: Sarrazin ist nach wie vor SPD-Mitglied. Wobei fraglich ist, wie lange er das noch sein wird. Juso-Chef Kevin Kühnert forderte als Reaktion auf das Buch bereits ein neues Parteiausschlussverfahren. „Herr Sarrazin hat mit den Grundwerten der SPD schon lange nichts mehr zu tun”, sagte er der Rhein-Neckar-Zeitung. Der SPD-Vorstand teilte am Donnerstag mit: „Die von Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch aufgestellten Thesen und Ansichten werden von der SPD nicht geteilt. Das Präsidium der SPD lehnt die dort vertretenen Positionen ausdrücklich ab.“

Sein Parteikollege und ehemalige Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, hingegen äußerte in Berlin Sympathie für bestimmte Inhalte Sarrazins. Solange er Menschen nicht in ihrer Würde verletze, müsse er sich frei äußern dürfen. Dabei müsse auch in Kauf genommen werden, dass seine Thesen von Rechten instrumentalisiert würden. Auch Sarrazin selbst nahm Stellung dazu: Die Politik müsse sich fragen, warum sie es versäumt habe, die Themen anzusprechen, die die Menschen bewegten. Nur deshalb sei es zu Ausschreitungen wie in Chemnitz gekommen.

Sarrazin behandelt den Koran wie eine Statistik

Darf Sarrazin nun ein solches Buch schreiben? Die Antwort ist Ja. Und dennoch muss man daran einiges kritisieren. Zwar steht wohl außer Zweifel, dass Sarrazin ein Faible für Zahlen hat. Die vielen Fußnoten und Verweise in seinem Buch sind eher ermüdend als hilfreich. Aber er hat recherchiert, das muss man ihm lassen. Und natürlich ist es auch legitim, Statistiken über Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund zurate zu ziehen und daraus migrationspolitische Forderungen abzuleiten. „Feindliche Übernahme” wird da problematisch, wo es versucht, den Islam an sich erschöpfend zu erfassen. Denn dazu kann es nicht ausreichen, den Koran einfach nur durchzulesen und einen Blick in verschiedene islamische Länder zu werfen. Das würde es auch bei keiner anderen Religion.

Denn jeder Text, der mehrere hundert Jahre alt ist, muss interpretiert werden. Zeitumstände des Entstehens müssen in Betracht gezogen werden. Was weiß man über den Autor, was über die Gesellschaft in dieser Zeit? Sarrazin ist kein Theologe oder Religionswissenschaftler. Er ist Volkswirt. Läse er die Thora oder Teile der Bibel, er käme vielleicht zu ähnlichen Ergebnissen wie nach der Lektüre des Korans. Der Vorwurf des Sexismus oder der Intoleranz gegenüber Andersgläubigen ist auch dem Alten Testament zu machen. Deshalb ziehen die meisten Christen Kommentare und Lesehilfen zurate, wenn sie eine Bibelstelle verstehen wollen. Sarrazin aber geht mit einer religiösen Schrift genauso um wie mit seinen Statistiken. Er liest sie einfach von vorne nach hinten, sichtet, zieht Schlüsse. Das mag islaminhärente Probleme aufzeigen. Aber es liefert bei aller berechtigten Religionskritik nur ein unvollständiges Bild. Sarrazin darf auf Basis dessen nicht den Eindruck vermitteln, die ganze Weltreligion und all ihre Anhänger in der Tiefe durchschaut zu haben. Statistiken und religiöse Schriften haben übrigens eine Gemeinsamkeit: Sie können dazu dienen, jede noch so absurde These zu belegen. Man muss sich nur die passende Statistik oder den passenden Vers herausgreifen.

Was Sarrazin und Trump gemeinsam haben

Sarrazin geht zudem jede Form von Empathie ab. Ihm geht es um Meinungsfreiheit, um die Rettung Deutschlands und vielleicht auch ein bisschen um sich selbst. Der Gedanke, dass er mit einer Rundumkritik am Islam alle Muslime als bildungsfern und potentiell gewalttätig verunglimpft, ist ihm fern. Ebenso kommt ihm kaum die Idee, dass eine derart rigide Einwanderungspolitik Frauen und Kinder in Kriegsgebiete zurückbefördern würde. Was wäre eigentlich, wenn tatsächlich das Klagerecht gegen Abschiebebescheide ausgesetzt würde? Man darf gerne in christlichen Gemeinden nachhören, die Konvertiten beherbergen, denen in Afghanistan oder im Iran das Todesurteil droht. Auch die wären davon nämlich betroffen.

Nicht umsonst erklärte Buschkowsky bei der Pressekonferenz durchaus kritisch, die Ideen Sarrazins seien nicht weit von einem amerikanischen Muslim-Travel-Ban bei der Einwanderung entfernt. Diesen wollte Präsident Donald Trump als eine seiner ersten Amtshandlungen durchsetzen. Es brauchte anderthalb Jahre, bis ein verändertes Dekret schließlich in Kraft trat. Die Ursprungsversion widersprach laut Gerichten unter anderem der Religionsfreiheit. Ein demokratischer Wert, der auch in Deutschland gilt.

Von: Anna Lutz

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