Die Wirtschaft in Deutschland steht unter Druck. Die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent gesenkt. Zu konjunkturellem Gegenwind gesellen sich strukturelle Probleme. Die Wirtschaft stagniert. In einer 2024 veröffentlichten Studie („Religion and Growth“, Journal of Economic Literature) hat Sascha Becker, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Warwick, gezeigt, dass Religion ein fundamentaler Einflussfaktor für wirtschaftliches Wachstum ist. Religion kann Wachstum über alle Produktionsfaktoren hinweg fördern oder hemmen – abhängig davon, ob religiöse Inhalte und Institutionen säkulare Bildung, offene Institutionen und technologischen Wandel begünstigen oder unterdrücken. PRO sprach mit Becker darüber, was das für Deutschland bedeutet.
Kein Hauptverdächtiger
Fördern oder hemmen Religionsgemeinschaften derzeit das Wachstum in Deutschland? Becker ist zurückhaltend: „Ich wäre mit einem pauschalen Urteil sehr vorsichtig. Religionsgemeinschaften sind kein einheitlicher Wachstumsfaktor.“ In seiner Forschung gehe es darum, konkrete Kanäle zu identifizieren – Bildung, Arbeitsethos, Vertrauen, soziale Normen und Institutionen. Die zentralen Probleme des Landes verortet er woanders: schwache Produktivitätsdynamik, demografischer Wandel, zu wenig Investitionen, schleppende Digitalisierung, hohe Energie- und Regulierungskosten. Religionsgemeinschaften könnten aber indirekt relevant sein. Wo sie Bildung, soziale Dienste, Integration und Gemeinsinn stärken, leisteten sie einen Beitrag. Wo religiöse Milieus dagegen Abschottung fördern, Erwerbsbeteiligung einschränken oder bildungsfeindliche Haltungen verstärken, bremsten sie Entwicklung. Sein Fazit: „Der Beitrag ist heute eher indirekt und lokal unterschiedlich – aber nicht der entscheidende Faktor hinter der aktuellen Wachstumsschwäche.“
Wenn Gemeinden verschwinden
Die Zahl der Kirchenaustritte bei der evangelischen und der katholischen Kirche lag 2025 zusammengerechnet bei rund 657.000. Geht damit auch wirtschaftlich relevantes Sozialkapital verloren? Becker bejaht das grundsätzlich, mahnt aber zur Differenzierung. Der Rückgang der Kirchenmitgliedschaft bedeute nicht automatisch, dass Vertrauen oder Gemeinschaftssinn verschwänden. Beides könne auch durch Familien, Schulen, Vereine oder staatliche Institutionen getragen werden. „Aber Kirchen waren in Deutschland historisch wichtige Produzenten von Sozialkapital.“ Ökonomisch relevant sei dabei weniger die formale Mitgliedschaft als die soziale Praxis: regelmäßige Begegnung, Ehrenamt, gegenseitige Hilfe, generationenübergreifende Netzwerke. Wenn solche Strukturen schwächer werden, könne lokal etwas verloren gehen – gerade in ländlichen Räumen. Entscheidend sei letztlich nicht, ob Menschen formal Kirchenmitglieder bleiben, sondern ob die Gesellschaft alternative Institutionen finde, „die ähnliche Formen von Vertrauen und sozialer Verantwortung erzeugen“.
Ressource oder Trennlinie
Deutschland erlebt durch Zuwanderung eine wachsende religiöse Pluralisierung, besonders durch den Islam. Kann das bei gleichzeitiger Säkularisierung noch zum Wachstumstreiber werden? Becker verweist auf die Hugenotten: Sie kamen mit spezifischen Fertigkeiten, Handelsnetzwerken und Bildung – und trafen auf eine Aufnahmepolitik, die ihnen erlaubte, diese Fähigkeiten einzusetzen. Wachstum sei aus der Kombination von Minderheitenkompetenz, Toleranz, rechtlicher Sicherheit und wirtschaftlicher Integration entstanden. Für das heutige Deutschland gelte: Religiöse Pluralisierung könne ein Wachstumspotenzial sein, wenn Menschen Zugang zu Sprache, Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt erhielten. Die Risiken entstünden dort, wo Integration misslingt – segregierte Schulen, geringe Sprachkompetenz, niedrige Erwerbsbeteiligung, Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. „Dann wird aus einer Ressource eine Trennlinie.“
Keine religiöse Blockade
Können religiöse Autoritäten in Deutschland technologischen Wandel – etwa bei KI oder Biotechnologie – aktiv bremsen? Becker sieht das derzeit nicht. Die Kirchen seien eher Teil einer Ethik- und Vorsorgedebatte, in der es um Menschenwürde, Verantwortung und soziale Folgen neuer Technologien gehe. „Das kann durchaus hilfreich sein, solange es nicht innovationsfeindlich wird.“ Problematisch wäre es, wenn Vorsicht in ein pauschales Innovationsveto umschlage. Die größeren Hemmnisse lägen aber woanders: in Regulierung, Bürokratie und der Schwierigkeit, wissenschaftliche Exzellenz rasch in wirtschaftliche Anwendung zu übersetzen.
Luthers Erbe und die KI-Frage
Luther löste mit seinem Bildungsimpuls eine wirtschaftliche Revolution aus – ohne es zu wollen. Welche Parallelen sieht Becker zur heutigen Herausforderung durch KI? Die Reformation sei eine Bildungsrevolution gewesen, weil sie eine neue Technologie – den Buchdruck – mit einer starken Norm verbunden habe: Menschen sollten selbst lesen und verstehen können. „Bei KI stehen wir vor einem ähnlichen Moment.“ Der entscheidende Unterschied: Damals wurde Lesen wichtiger, heute könne KI eigenes Lesen, Schreiben und Denken scheinbar ersetzen. Deshalb müssten Bildungseinrichtungen nicht weniger, sondern anspruchsvollere Bildung vermitteln: Urteilskraft, Quellenkritik, Sprachfähigkeit, Mathematik, Ethik – „und die Fähigkeit, KI produktiv zu nutzen, ohne die kognitive Arbeit an sie auszulagern.“