Leere Kirchenbänke prägen seit Jahren immer mehr das Bild christlicher Sonntagsgottesdienste. Seit 2022 sind erstmals weniger als die Hälfte aller Deutschen Mitglied in der katholischen oder evangelischen Kirche. Im Windschatten dieser Entwicklung zeigt sich ein weiterer Effekt: In den vergangenen Jahren bleiben auch immer mehr Schulbänke leer, wenn die Schulklingel zum Religionsunterricht ruft.
Denn Zahlen der Kultusministerkonferenz zeigen einen massiven Rückgang bei der Teilnahme am schulischen Religionsunterricht in den vergangenen Jahren. Besuchten im Schuljahr 2015/2016 noch etwa 69 Prozent der Schüler der Klassen eins bis zehn den Religionsunterricht, sank der Anteil der Schüler, die den katholischen oder evangelischen Unterricht besuchten, im Schuljahr 2023/2024 auf rund 54 Prozent. Im gleichen Zeitraum verzeichnete der Ethikunterricht einen Zuwachs von 15,2 Prozent auf 26,4 Prozent. Eine Verdopplung gab es derweil bei der Teilnahme am islamischen Religionsunterricht. In absoluten Zahlen ist ein Anstieg von 24.000 auf rund 50.000 Schüler zu verzeichnen. Insgesamt machen sie aber nur 0,7 Prozent aller Schüler aus.
Die Zahlen registrieren auch die Kirchen – auch wenn sie den Rückgang nicht ausschließlich als Zeichen mangelnder Attraktivität deuten. Viele Beobachter sehen darin zunächst eine Folge langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen. Der Theologe Joachim Willems, Professor für Religionspädagogik an der Universität Oldenburg, verweist darauf, dass sich hier vor allem die fortschreitende Entkirchlichung der Gesellschaft zeigt.
Religionsunterricht und das Grundgesetz
„Es wäre überraschend, wenn die Zahl der Schüler im Religionsunterricht nicht zurückgehen würde“, sagt Willems. „Der Anteil der Christen in der Gesamtbevölkerung sinkt – und das spiegelt sich zwangsläufig auch in der Schule wider.“ Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sieht hier einen wesentlichen Hintergrund: Sinkende Kirchenbindung, eine wachsende religiöse Vielfalt in den Klassen sowie der Ausbau von Alternativfächern wie Ethik oder Philosophie veränderten vielerorts die Situation an den Schulen, erklärt Karolin Wetjen, Referentin für Schule und Religionsunterricht im Kirchenamt der EKD.
Gleichzeitig betont die Kirche, dass der evangelische Religionsunterricht weiterhin von vielen Schülern besucht wird, die gar nicht evangelisch sind. In manchen Regionen liege ihr Anteil bei bis zu 30 Prozent oder mehr, sagt Wetjen. Religionsunterricht werde also häufig bewusst als offenes religiöses Bildungsangebot wahrgenommen – nicht nur von Kirchenmitgliedern.
Willems weist allerdings darauf hin, dass sich aus solchen Zahlen nicht automatisch Rückschlüsse auf die Attraktivität des Faches ziehen lassen. In der schulischen Praxis würde das Fach aus organisatorischen Gründen oft im Klassenverband unterrichtet, sodass Schüler unterschiedlicher Konfessionen oder ohne religiöse Bindung gemeinsam am Unterricht teilnehmen. Häufig würden Kinder und Jugendliche dann gar nicht bewusst entscheiden, ob sie teilnehmen wollen, beispielsweise wenn kein Ersatzunterricht möglich ist. „Nichtchristliche Schüler oder Eltern entscheiden sich in vielen Fällen nicht bewusst informiert für den christlichen Religionsunterricht – sie werden einfach hineingesetzt“, sagt Willems.
Diese Praxis entspreche aber nicht dem Modell, das das Grundgesetz vorsieht. Denn dort sei die Rede von einem Unterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer Kirche oder Religionsgemeinschaft. Durch die real existierende Praxis entsteht laut Willems zudem ein weiteres Problem, nämlich ein Spannungsfeld zwischen zwei Grundrechten: Einerseits steht die positive Religionsfreiheit – also das Recht, religiöse Bildung zu erhalten. Andererseits gilt die negative Religionsfreiheit: Niemand soll in religiöse Diskurse gedrängt werden. Wenn muslimische, jüdische oder konfessionslose Schüler automatisch in einen christlichen Diskursraum gesetzt werden, kann das ihre negative Religionsfreiheit verletzen.
Missverständnisse über Religionsunterricht
Für Religionslehrer ist der Rückgang dennoch schmerzhaft. „Natürlich stimmt mich das nachdenklich“, sagt Marcus Hoffmann, Vorsitzender des Bundesverbands katholischer Religionslehrer. „Nicht nur, weil es mein Unterrichtsfach ist, sondern auch, weil es gute sachliche Argumente dafür gibt, weshalb dieses Fach in den schulischen Fächerkanon gehört.“ Denn Religionsunterricht vermittle nicht nur Sachkompetenzen, sondern eröffne Perspektiven auf grundlegende Fragen des Lebens.
Gründe für den Rückgang sieht auch er in einer „zunehmenden Distanzierung“ zu den großen Kirchen. Wenn Eltern die Kirche nicht mehr als glaubwürdig oder relevant für ihre eigenen Fragen und Lebenssituationen sehen, überträgt sich diese Erfahrung auf die Kinder.
Zugleich beobachtet Hoffmann, dass viele Vorbehalte gegenüber dem Religionsunterricht auf Missverständnissen beruhen. Noch immer werde er gelegentlich als Ort der Missionierung oder Indoktrination dargestellt. „Diese Zeiten sind seit Jahrzehnten vorbei“, sagt er. Im Unterricht gehe es vielmehr darum, sich sachlich mit grundlegenden Fragen des Menschseins auseinanderzusetzen.
Auf der Suche nach neuen Modellen
Wie der Religionsunterricht künftig organisiert sein könnte, darüber wird seit Jahren diskutiert. Für Hoffmann wird es vor allem darauf ankommen, flexiblere Organisationsformen zu ermöglichen. In Niedersachsen etwa wird derzeit das gemeinsame Schulfach „Christliche Religion“ eingeführt, in dem evangelische und katholische Schüler gemeinsam unterrichtet werden.
So könnte Religionsunterricht zukünftig aussehen
Klassisch konfessionell
Religionsunterricht wird konfessionell erteilt und orientiert sich an den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Aus Sicht von Willems ermöglicht nur dieses Modell, religiöse Fragen wirklich aus einer Binnenperspektive zu bearbeiten – etwa die persönliche Bedeutung von Glauben oder religiösen Traditionen. Gleichzeitig wird es organisatorisch und gesellschaftlich zunehmend schwieriger umzusetzen.
Gemeinsam christlich
Ein gemeinsamer Unterricht für evangelische und katholische Schüler. Er konzentriert sich stärker auf die gemeinsamen Grundlagen des christlichen Glaubens. Willems hält dieses Modell für eine praktikable mittelfristige Lösung, etwa aus organisatorischen Gründen. Langfristig löse es jedoch das Problem sinkender Kirchenmitgliedschaften nicht.
Interreligiös
Hier tragen mehrere Religionsgemeinschaften gemeinsam Verantwortung für den Unterricht. Schüler lernen unterschiedliche religiöse Traditionen im Dialog kennen. Das Modell passe gut zu einer pluralen Gesellschaft, werfe jedoch Fragen nach der Beteiligung kleinerer Religionsgemeinschaften auf.
Religionskundlicher Unterricht
In diesem Modell wird Religion aus einer wissenschaftlichen Perspektive behandelt, etwa auf Grundlage der Religionswissenschaft. Schüler lernen Religion als historisches, kulturelles und gesellschaftliches Phänomen kennen. Willems sieht darin zwar organisatorische Vorteile, betont aber, dass dabei religiöse Bildungsprozesse aus der Perspektive des Glaubens kaum möglich seien.Abschaffung des konfessionsgebundenen Religionsunterrichtes
Langfristig hält Willems auch ein Szenario für nicht unrealistisch. Stattdessen könnte religionskundlicher Unterricht oder Fächer wie Medienkompetenz eingeführt werden.
Auch aus Sicht der EKD sind solche kooperativen Modelle vielversprechend. „Evangelische und katholische Kirche verantworten den Unterricht gemeinsam und halten zugleich am christlichen Profil fest“, erklärt Wetjen mit Blick auf das niedersächsische Modell. Schüler lernten dort die Grundlagen des christlichen Glaubens kennen und setzten sich zugleich mit religiöser Vielfalt auseinander. Darüber hinaus gebe es weitere dialogische Ansätze. Modelle wie der „Religionsunterricht für alle 2.0“ zeigten, dass religiöse Bildung auch religionsübergreifend organisiert werden könne, ohne die jeweiligen Traditionen aus dem Blick zu verlieren.
Der Religionspädagoge Willems betont jedoch, dass jedes Modell neue Herausforderungen mit sich bringt. Ein gemeinsamer christlicher Unterricht könne organisatorische Probleme lösen, langfristig aber die sinkende Kirchenmitgliedschaft kaum kompensieren. Interreligiöse Modelle wiederum stellten die Frage, welche Religionsgemeinschaften beteiligt werden und wie kleinere Gruppen repräsentiert werden.
Warum religiöse Bildung weiterhin wichtig ist
Trotz aller Veränderungen halten die Beteiligten religiöse Bildung weiterhin für unverzichtbar. Hoffmann verweist darauf, dass Kenntnisse über Religionen wichtig sind, um Geschichte und Kultur zu verstehen. Gerade in Zeiten, in denen Religion immer wieder politisch instrumentalisiert werde, brauche es differenziertes Wissen.
Auch die EKD betont die gesellschaftliche Bedeutung des Faches. Religionsunterricht eröffne einen Raum, „um über grundlegende Fragen nach Sinn, Verantwortung, Gerechtigkeit und Zusammenleben nachzudenken“, sagt Wetjen. In einer pluralen Gesellschaft fördere er Dialogfähigkeit und gegenseitigen Respekt zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen.
Wie sich der Religionsunterricht in Deutschland entwickeln wird, lässt sich derzeit kaum vorhersagen. Klar scheint nur, dass er sich in einer religiös pluralen und zunehmend säkularen Gesellschaft neu positionieren muss. Für Willems ist entscheidend, dass religiöse Bildung auch künftig mit den Grundrechten vereinbar bleibt. Schüler sollten lernen, ihre eigene religiöse oder nichtreligiöse Position zu reflektieren – und gleichzeitig die Überzeugungen anderer zu respektieren. Der Religionsunterricht könnte dabei weiterhin eine wichtige Rolle spielen – auch wenn er künftig anders aussehen dürfte als heute.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.