Joe Biden und Kamala Harris (Archivbild)

Joe Biden und Kamala Harris (Archivbild)

Bidens Vize Kamala Harris: Baptistin mit multireligiösen Wurzeln

Joe Biden zieht mit Kamala Harris als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft in den US-Wahlkampf. Harris vereint mehrere Welten: Ihre Eltern kommen aus Indien und Jamaika, sie wuchs in einer schwarzen Kirche auf, besuchte aber auch den Hindutempel. Heute geht sie in eine Baptistengemeinde.

Joe Biden will im November zum US-Präsidenten gewählt werden. Am Dienstagabend hat der demokratische Politiker sein „running mate“, also seine potenzielle Vizepräsidentin verkündet: Kamala Devi Harris, 55, Senatorin von Kalifornien. Sie wäre die erste Frau, die dieses Amt erreichen würde.

Mehrfach hatte Biden seine Entscheidung verschoben. Dass es eine Frau werden solle, hatte er schon vorher festgelegt. Andere Demokraten hatten gefordert, dass sie zudem schwarz sein solle.

Dabei stand Kamala Harris stets weit oben auf der Liste der möglichen Vizepräsidentschaftskandidatinnen. Harris wollte zuvor selbst Präsidentin werden und traf im Vorwahlkampf der Demokraten auch auf ihren jetzigen politischen Partner Joe Biden. In einer der Fernsehdebatten hatte Harris Biden scharf kritisiert, weil dieser vor Jahrzehnten ein Gegner des sogenannten „Busings“ war. In den USA gibt es viele Gegenden, die stark durch eine Ethnie geprägt sind, zum Beispiel durch überwiegend schwarze Bewohner. Beim Busing werden Kinder – per Bus – bewusst auf Schulen in andere Gegenden gebracht, um die Trennung zu durchbrechen und die Schüler in Kontakt mit Kindern anderer Hautfarbe zu bringen. Die Attacke von Harris auf Biden deuteten Beobachter als Schlag unter die Gürtellinie, weshalb Zweifel wuchsen, ob sich Biden für die ehemalige Staatsanwältin entscheiden würde.

Sie sang im Kirchenchor

Harris gilt wie Biden als moderat und nicht besonders links wie etwa Elizabeth Warren, die auch hoch gehandelt worden war. Im Blick auf religiöse Fragen schlägt Harris allerdings einen anderen Ton an als der Katholik Biden, der häufig über seinen Glauben spricht. Erst vergangene Woche hatte Biden sich öffentlich zum christlichen Glauben bekannt, nachdem Trump ihm vorgeworfen hatte, Gott und die Bibel „verletzen“ zu wollen. Eine „Schande“ seien diese Worte, teilte Biden mit. Immer wieder hatte Biden darüber gesprochen, wie ihm der Glaube an Gott auch in der Zeit der Trauer über seinen Sohn Beau und seine Frau Neilia geholfen hatte.

Kamala Harris hingegen nimmt Bezug zur Religion vor allem, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Ihre Mutter kommt aus Indien, ihr Vater aus Jamaika. Sie lernten sich in Berkeley kennen, einer intellektuell und liberal geprägten Stadt in der kalifornischen Bay Area. In einer Nachbarstadt ging Harris auch in eine Kirche, die überwiegend von Schwarzen geprägt ist: „Ich wuchs in Oakland auf, dort besuchte ich die 23rd Avenue Church of God, wo wir gelernt haben, uns um die Geringsten zu kümmern. Und ich sang im Chor darüber, wie uns der Glaube in Verbindung mit Entschlossenheit durch schwierige Zeiten führen wird. Meine Mutter kommt aus Indien, also nahm sie uns auch in den Hindutempel mit, um zu sehen, dass uns alle Religionen lehren, der Gerechtigkeit nachzujagen.“

Harris' Vornamen haben hinduistische Bezüge

Ihre Mutter war es auch, die ihr zwei Vornamen hinduistischen Ursprungs gab. „Kamala“ bedeutet auf Sanskrit „Lotusblume“, außerdem ist es ein Alternativname der Göttin Lakshmi. „Devi“ ist Sanskrit für „Göttin“, im Besonderen ist damit die Gottheit gemeint, die Dörfer beschützt.

Heute besucht Harris die Gottesdienste der Third Baptist Church of San Francisco. Deren Pastor Amos Brown bezeichnete Harris laut der Plattform Religion News als „Quintessenz einer Gelehrten“, die „die Spiritualität, das Genie und die Tradition der Gewaltfreiheit“ ihrer Eltern mit der afro-amerikanischen Gemeinschaft verbinde. „Sie ist eine geistliche Person“, sagte der Pastor und Bürgerrechtler weiter.

Im Vorwahlkampf verwies Harris immer wieder auf den barmherzigen Samariter. Das Gleichnis erkläre, wer ein Nächster sei. „Der Nächste ist nicht automatisch der, der dieselbe Postleitzahl hat wie du“, sagte sie laut Christian Post. „Was wir im Gleichnis lernen, ist, dass der Nächste die Person ist, an der du vorbei gehst und die obdachlos auf der Straße lebt. Der Nächste ist ein Kind oder eine junge Person, die weggelaufen ist und die verletzlich ist oder vernachlässigt oder missbraucht wurde.“ Deswegen wolle sie auch für alle Menschen eine Gesundheitsversorgung und eine Reform der Strafjustiz.

Abtreibung könnte Wahlkampfthema werden

Von konservativen Christen wurde Harris für ihre Unterstützung von Planned Parenthood kritisiert, einer Organisation, die unter anderem auch Abtreibungen durchführt. Im Oktober wird Harris mit ihrem Gegenüber, dem amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence, debattieren. Pence gilt als überzeugter Evangelikaler. Beobachter erwarten, dass er Harris vor allem für ihre Haltung zu Abtreibung angreifen wird.

Laut einer Gallup-Umfrage hält fast die Hälfte der Amerikaner Abtreibung für ein wichtiges Thema im Wahlkampf. 24 Prozent der Befragten gaben gar an, nur einen Kandidaten zu wählen, der ihre Ansichten zur Abtreibung teilt. In den Jahren zwischen 1996 und 2016 lag dieser Wert bei durchschnittlich 18 Prozent. Die Lobby-Organisation „NARAL Pro-Choice America“ kündigte Ende Juli an, Joe Biden zum Wahlsieg verhelfen zu wollen, und sich danach mit ihm für „Schutz und Erweiterung des Zugangs zur Abtreibungsbetreuung und Geburtenkontrolle“ einzusetzen. NARAL plant nach eigenen Angaben, 34,7 Millionen US-Dollar in ein „integriertes Organisations-, Kommunikations-, digitales und politisches Programm“ zu investieren, um damit Wahlen zu gewinnen, sowohl auf Ebene der Bundesstaaten als auch beim Rennen um das Weiße Haus.

Sollte Biden die Präsidentschaftswahlen gewinnen, könnte Harris zudem auf höhere Weihen hoffen. Es gilt als unwahrscheinlich, dass der jetzt schon 78-jährige Biden mehr als eine Amtszeit anstreben wird. Für diesen Fall wird Harris bereits als künftige Präsidentschaftskandidatin gehandelt.

Von: Nicolai Franz und Martin Schlorke

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