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Meinung

Plädoyer für den synodalen Weg

Carsten Leinhäuser sieht in der Sexualmoral und den Missbrauchsfällen wesentliche Gründe für den Niedergang der Katholischen Kirche. Den synodalen Weg hält der Priester in einem aktuellen Buch für die Chance, wie seine Kirche den Anschluss an die Lebenswirklichkeit der Menschen wiederfinden kann.
Von Norbert Schäfer
Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit

Foto: Droemer Knaur

Carsten Leinhäuser ist katholischer Priester. Der Autor erkennt viel Gutes in seiner Kirche, setzt sich aber für Veränderungen ein.

Carsten Leinhäuser vergleicht in seinem Buch „Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit: Kirche muss sich endlich ändern“ die Katholische Kirche mit den Dinosauriern. Weil es die Urzeittiere versäumt hätten sich anzupassen, seien sie ausgestorben. Das gleiche Schicksal drohe der Katholische Kirche, schreibt Leinhäuser, der im rheinland-pfälzischen Winnweiler Priester ist. Die Zeit werde knapp.

Die „zahlreichen Missbrauchsskandale und die jahrzehntelange Vertuschung, eitles Machtgehabe, Klerikalismus“, sowie die „mangelnde Beteiligung und die Zurückweisung von Frauen in der Kirche und die subtile oder unverhohlene Ausgrenzung Andersdenkender und der Menschen, die eine sexuelle Orientierung haben, die nicht der ‚kirchlichen Norm‘ entspricht“ sind schnell ausgemacht als Gründe für den Niedergang der Kirche. Leinhäuser geht in seinem Buch letztlich der Frage nach, wie seine Kirche wieder „an die Lebenswirklichkeit derer andocken kann, für die Kirche momentan ein ferner Ort ist“.

Leinhäuser erkennt bei aller Kritik viel Gutes in seiner Kirche und zeigt am Beispiel einer kirchlichen Notunterkunft für Ukraine-Flüchtlinge, wie Kirche seiner Meinung nach eigentlich immer sein sollte: Anpackend, helfend – nicht moralisierend.

LGBTQ+ und Zölibat

In kurzen Kapiteln überträgt Leinhäuser auf anschauliche Art und Weise Alltagsbeobachtungen, Reflexionen, biblische Texte und profane Begebenheiten auf die Katholische Kirche. Anhand einer „Meditation beim Mistschaufeln“ etwa illustriert Leinhäuser, dass die Kirche – genau wie eine Nase – Mist irgendwann nicht mehr riechen kann und „geruchsblind“ wird. Der Priester kommt zu der Erkenntnis: „Wenn Müll zu lange rumliegt … dann stinkt’s zum Himmel.“

Wer soll den Unrat in der Kirche beseitigen? Der Synodale Weg, meint Leinhäuser, nach eigenem Bekunden ein „deutlicher Unterstützer“ der Reformbewegung. All die Themen, die seiner Ansicht nach „oft schon seit Jahrzehnten auf dem Misthaufen der Kirchengeschichte vor sich hingammeln und zum Himmel stinken“ sollen angegangen werden. Angefangen bei kirchlichen Machtstrukturen, dem Missbrauchs- und Vertuschungsskandal, über die kirchliche Sexuallehre, bis hin zum Umgang der Kirche mit Frauen, Ämtern und dem Zölibat.

Carsten Leinhäuser: „Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit: Kirche muss sich endlich ändern“, bene!, 18 Euro, 192 Seiten

Jesus will Veränderung, meint Leinhäuser zu wissen. Erwartbar, dass daher besonders die Haltung der Kirche zur LGBTQ+ und dem Zölibat auf den Prüfstand kommen. Leinhäuser hält es mit dem Credo von Augustinus: „Liebe und tu, was du willst.“ Folgerichtig empfindet es Leinhäuser als „peinlich“, dass seine „Kirche Menschen, die sich aufrichtig lieben und ihr Leben und ihre Beziehung mit Gott leben wollen, ausgrenzt und an den Pranger stellt.“ Ein Husarenritt durch die Geschichte des Zölibates mündet in der Frage, ob die Kirche Gott zutraut, auch verheiratete Priester zu befähigen.

Altbekannte Forderungen

Nach Meinung des Autors muss die „gesamte Konstruktion des ‚Systems Kirche‘ infrage gestellt werden“. Er reißt in seinem Buch – wenn auch leicht holzschnittartig – eine Fülle von Fragen und Themen an, die die Katholische Kirche noch länger beschäftigten dürften und an deren Beantwortung ihr Fortbestehen hängt. Bei seinen Überlegungen und Schlussfolgerungen bezieht der Autor auch biblische Texte mit ein.

Weil das Buch aber keinen Anspruch darauf erhebt, ein theologisches Fundamentalwerk zu den aufgegriffenen Themen sein zu wollen, ist es leicht und flüssig zu lesen. Mehr theologischer Tiefgang hätte dem Buch angesichts der Dringlichkeit und Schwere der behandelten Fragen jedoch gut zu Gesicht gestanden. Leinhäusers Beobachtungen und Gedanken lassen den Leser aber ins Nachdenken kommen über die Katholischen Kirche und die Missstände darin.

Am Ende liefert Leinhäuser „Zehn Gebote für eine Kirche von morgen“. Darin erklärt er unter anderem, wofür seiner Meinung nach Kirche da sein soll: „Lebe. Liebe. Lache. Weine. Kämpfe. Tanze. Das ist dein Job, liebe Kirche. Dafür bist du da. Für das Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit herrschen.“ Ist das der Kern von Kirche? Was ist mit der Verkündigung des Evangeliums, Mission, Seelsorge und Diakonie?

Leider führt Leinhäuser seinen Gedanken über die Zukunft der Katholischen Kirche in dem abschließenden Kapitel nicht weiter aus. Das ist schade. Das Buch greift im Kern die altbekannte Forderung auf, kirchliche Traditionen, Formen und Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen. Viel Neues fördert der Autor dabei nicht zutage. Das Buch ist insgesamt ein – durchaus kurzweiliges und nachdenklich stimmendes – Plädoyer für den synodalen Weg und die Beseitigung von strukturellem und inhaltlichem Unrat in der Katholischen Kirche.

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Eine Antwort

  1. Der Zeitgeist ist nun aber gerade nicht die Lösung.

    Denn während jeder in der Kirche immer wusste, wissen konnte und wissen musste, dass Kindesmissbrauch gegen Gottes Gebot verstößt, haben u.a. die Grünen die Strafbarkeit des Kindesmissbrauchs grundsätzlich abschaffen wollen.
    D.h. bei den Grünen war noch nicht einmal mehr das Bewusstsein vorhanden, dass Kindesmissbrauch Kinderseelen zutiefst verletzt und deshalb immer Unrecht bleiben muss:
    https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/paedophilie-vorwuerfe-die-gruenen-muessen-den-taetern-ein-gesicht-geben-13603508.html

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