Martin Knispel ist in der christlichen Bildungsarbeit Zuhause. Er ist sich sicher: Interreligiöse Kitas stoßen schnell auf Probleme.

Martin Knispel ist in der christlichen Bildungsarbeit Zuhause. Er ist sich sicher: Interreligiöse Kitas stoßen schnell auf Probleme.

„Interreligiöse Kitas kommen schnell an ihre Grenzen“

In Gifhorn hat die erste christlich-muslimische Kita Deutschlands eröffnet. In Berlin ist ein Drei-Religionen-Kindergarten geplant. Martin Knispel ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Wertestarter in Berlin. Sie fördert konfessionelle Schulen, Kitas und Bildungsprojekte. Was hält er von den interreligiösen Projekten? Die Fragen stellte Anna Lutz

pro: Herr Knispel, in Gifhorn hat eine christlich-muslimische Kita eröffnet, in Berlin ist eine Drei-Religionen-Einrichtung geplant. Unsere Gesellschaft wird auch in Glaubensfragen immer pluraler. Erleben wir gerade den Anfang vom Ende christlicher Kindertagesstätten?

Martin Knispel: Das ist nicht das Ende konfessioneller Einrichtungen. Es ist eher ein weiteres Angebot in unserer multireligiösen Gesellschaft, das sicher nicht Schule machen wird. Aber es könnte solche Angebote künftig häufiger geben. Wichtig ist bei der Bewertung die Frage nach dem Ziel. Ich halte es für durchaus sinnvoll, dass Kinder unterschiedlicher kultureller Prägungen gemeinsame Lernerfahrungen machen, um das spätere Zusammenleben zu erleichtern. Aber das hat Grenzen.

In Gifhorn beten muslimische und christliche Kinder gemeinsam und sie feiern auch die religiösen Feste zusammen. Ist da die Grenze überschritten?

Zunächst einmal sieht die Realität in vielen Kitas so aus, dass die Feste ohnehin schon mehr oder weniger gemeinsam begangen werden. Erzieher nehmen zum Beispiel Rücksicht auf das Zuckerfest und thematisieren es auch. Das halte ich für legitim und gut. Eine Kita hat die Aufgabe, gemeinsames Lernen zu ermöglichen. Dazu müssen die Kinder voneinander wissen, wer sie sind. Der Kindergarten bereitet sie auf das Leben in der Gesellschaft vor und befähigt zur Mitgestaltung des Gemeinwesens und der Kultur.

Also spricht erst einmal nichts gegen eine interreligiöse Kita?

Wenn es um den Aspekt der Toleranz, des Kennenlernens, der gemeinsamen Lern- und Lebenserfahrungen geht, nicht. Aber aus religionspädagogischer Sicht ist es durchaus zu hinterfragen. Denn wenn die Kinder alles gemeinsam erleben sollen, dann kommt die Einrichtung schnell an ihre Grenzen. Man kann ohne Probleme aus jedem christlichen Fest ein allgemeines Fest der Liebe und der Zuwendung Gottes zu den Menschen machen. Aber dann wird man dem christlichen Auftrag nicht mehr gerecht. Nehmen Sie Weihnachten: Wenn Christen feiern, dass Jesus als Sohn Gottes auf die Welt gekommen ist, ist das aus muslimischer Sicht ein Affront. Schließlich ist er im Islam ein Prophet. Ihn als Gottessohn zu bezeichnen wäre demnach Gotteslästerung. Man nimmt die Muslime nicht ernst, wenn man sie so vor den Kopf stößt, man nimmt aber auch den christlichen Glauben nicht ernst, wenn man Jesus als Gottessohn negiert. Wenn man sich stattdessen aber auf den kleinsten gemeinsamen Nenner festlegt, dann werden die Feste sinnentleert. Das gemeinsame Feiern religiöser Feste mit religiösen Inhalten und auch das gemeinsame Beten überschreitet also schnell Grenzen auf allen Seiten – übrigens auch auf jüdischer.

Wie sollte gute religiöse Bildung in einer rein christlichen Kita aussehen?

Kitas prägen und leisten einen wichtigen Beitrag zur Sozialisation von Kindern. Ihr Ziel sollte es sein, die Hinwendung Gottes zu den Menschen durch Jesus Christus einladend zu vermitteln. Glaube ist nach evangelischem Verständnis nichts Machbares. Er ist immer eine Einladung. Dieses Angebot können und sollen christliche Kitas durch Geschichten, durch Liedgut oder durch das Einüben von bestimmten Handlungen sichtbar machen. Zusätzlich geht es natürlich auf um christliche Werte wie Nächstenliebe, Rücksichtnahme, Freundschaft. Als Christ und Pädagoge freut man sich natürlich, wenn die Kinder das übernehmen.

Wie viel Mission ist in einer christlichen Kita erlaubt?

Wenn mit Mission gemeint ist, Kinder zu Christen zu machen, dann ist das in der christlichen Pädagogik in diesem Alter kein anerkanntes Ziel. Kinder müssen den Glauben noch kennenlernen. Bekehrungsversuche in so jungem Alter sind mit großer Vorsicht zu betrachten. Ein Gebet nachzusprechen ist für Kinder ja kein großes Problem. Aber versteht es auch, was damit gemeint ist? Ziel muss es eher grundsätzlich sein, dass Kinder erleben: Gott ist für mich da, Jesus liebt mich und meint es gut mit mir. Alles Weitere ist nicht in unserer Hand.

Wann wird christliche Erziehungsarbeit übergriffig?

Zunächst einmal ist der Elternwille zu beachten. Wenn Väter oder Mütter sich gegen etwas aussprechen, was in der Kita passiert, dann müssen die Erzieher es unterlassen. Es darf nie Misstrauen zwischen Erziehern und Eltern entstehen. Und die Mitarbeiter müssen auch auf die Kinder selbst achten. Es gibt immer Kinder, die sich leicht begeistern lassen. Niemand darf der Versuchung erliegen, diese Kinder religiös zu überfordern. Christliche Erzieher sollten nicht aus Angst zu zurückhaltend sein. Aber sie dürfen niemals Druck auf ein Kind ausüben. „Hast du auch gestern gebetet, denn das hat der Herr Jesus lieb?“ Oder: „Da ist der Herr Jesus aber traurig!“ – Solche Sätze dürfen niemals fallen. Leider ist das in der christlichen Pädagogik früher häufig geschehen. Heute ist das glücklicherweise anders.

Welchen besonderen Wert hat christliche Kita-Arbeit heute noch?

Sie leistet eine wichtige Grundlagenarbeit. Wo es gute Erzieher und ein gutes Konzept gibt, erfahren Kinder, dass Jesus sie besonders liebt und dass der Glaube eine tragfähige Hilfe im Leben ist. Sie nehmen vielleicht auch eine Grundausrüstung an Gebeten mit, die ihnen hilft, erste kleine Krisen in dem Wissen zu bewältigen, dass Gott immer bei ihnen ist. Der Glaube ist eine Hilfe, auch für Kinder. Jesus hat Kinder in der Bibel nicht zur Nachfolge aufgerufen, sondern er hat sie gesegnet. Das sollten auch die Kitas so leben. Außerdem trägt konfessionelle Bildung in der Kita dazu bei, dass der religiöse Grundwasserspiegel des Wissens in diesem Land nicht noch weiter sinkt. Auch das ist wichtig. Insofern tun die Kirchen gut daran, sich auch weiterhin außerordentlich stark in diesem Bereich zu investieren.

Herr Knispel, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz

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