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„Opfer hat nicht automatisch recht“

Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse hat eine aggressiver werdende Stimmung in der Gesellschaft beklagt. Er habe jüngst am eigenen Leib einen Shitstorm erfahren und zugleich erlebt, dass viele Menschen es nicht mehr wagten, ihre Meinung öffentlich auszusprechen. Dabei gelte es, auch die Rechte der Mehrheiten zu schützen.
Von Anna Lutz
Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse (SPD), erwartet von seiner Kirche Widerborstigkeit, nicht Stromlinienförmigkeit

Foto: pro/Norbert Schäfer

Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages

Zwei Monate ist es her, da erntete SPD-Urgestein Wolfgang Thierse nach einem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erboste Reaktionen. In dem Text hatte er linke Identitätspolitik kritisiert. „In ihrer Entschiedenheit ist sie in der Gefahr, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben und diese nicht als bloß konservativ oder reaktionär oder gar als rassistisch denunziert werden sollten“, schrieb er. In einer Podiumsdiskussion der Universität Münster zum Thema berichtete er am Mittwochabend vom Shitstorm danach, aber auch von zustimmenden Reaktionen, die ihn nicht weniger sorgten. Denn viele hätten sich im Nachgang für seinen Mut bedankt, weil sie das Gefühl hätten, bestimmte Dinge nicht aussprechen zu dürfen. Die öffentliche Stimmung sei aggressiver geworden, mahnte er.

„Man gewinnt Mehrheiten nicht, wenn man sie frontal verdächtigt“, wandte er sich gegen bestimmte Formen der Identitätspolitik. Minderheiten, die bestimmte Rechte für sich einforderten, sei geduldig zuzuhören, zugleich müssten diese aber auch eine „unaufgeregte Erklärbereitschaft“ mitbringen. „So sehr wir uns zu Vielfalt und Diversität bekennen, so sehr müssen wir uns auch immer wieder über das Gemeinsame, über das, was uns verbindet, verständigen“, sagte Thierse. Alle Seiten müssten wechselseitig in die Schuhe der anderen schlüpfen wollen. „Das Opfer muss das erste Wort haben und wir haben die Pflicht, ihm zuzuhören. Aber es muss nicht unbedingt auch das letzte Wort haben.“ Es habe nicht automatisch recht.

Indianer und Blackfacing

Eine „Verirrung“ nannte Thierse es etwa, wenn eine Politikerin sich dafür entschuldige, öffentlich erklärt zu haben, dass sie als Kind Indianerhäuptling habe werden wollen – so jüngst geschehen bei den Berliner Grünen und deren Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl, Bettina Jarasch. Ebensowenig sieht Thierse ein Problem darin, wenn weiße Schauspieler ihre Gesichter dunkel färben, um Schwarze darzustellen. Jeder, egal welcher Herkunft, müsse jeden spielen dürfen, so Thierses Credo. Kritik daran dürfe freilich öffentlich geübt werden. Verbote sehe er hingegen kritisch.

Mouhanad Khorchide wurde im Libanon geboren, ist in Saudi-Arabien aufgewachsen, hat in Österreich und Beirut studiert und ist jetzt Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster Foto: pro/Jonathan Steinert
Mouhanad Khorchide: „Wir konstruieren Fronten“

Heftiger Widerspruch kam von der Genderforscherin Andrea Geier: Das sogenannte Blackfacing sei in der Tat dann kein Problem mehr, wenn es irgendwann etwa im Theater keinen strukturellen Rassismus mehr gebe. In der Gegenwart aber sei dieser an der Tagesordnung. Solange es einseitige „Zugangsbeschränkungen“ gebe, dürften Weiße keine Schwarzen spielen.

Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide beklagte gegenseitige Stigmatisierungen: „Wir konstruieren Fronten.“ Stattdessen fielen die wahren Probleme unter den Tisch. Viele Muslime etwa stigmatisierten den Westen als islamophob oder rassistisch. Viele im Westen sähen Muslime als Feinde. Tatsächlich gebe es aber eine innermuslimische Benachteiligung liberaler Muslime, die wiederum kaum besprochen werde. Identitätspolitik sei dann problematisch, wenn es ihr nicht gelinge, zu sensibilisieren. Sie könne sogar gefährlich werden, Menschen mundtot machen. Als Beispiel nannte er ein Erlebnis im Deutschen Bundestag, wo Khorchide jüngst als Experte geladen war. In einer Runde zum Thema Islam habe er zustimmendes Nicken eines AfD-Politikers geerntet. Im Anschluss daran sei sein Argument wegen der Zustimmung aus dem mutmaßlich falschen politischen Lager in Frage gestellt worden.

Zustimmung äußerte die Autorin Mithu Sanyal: Bestimmte Probleme, gerade im Kontext des Islam, seien heute schwer zu äußern, „weil sie von Rechts belegt sind“. Stattdessen brauche es ein gesellschaftliches Klima, in dem offen und ohne Vorbehalte diskutiert werden könne.

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4 Antworten

    1. Herr Thierse spricht das an was wichtig ist denn ja es gibt Gruppierungen die sich so für eine Minderheit einsetzen das sie sich darin verbrennen und die Mehrheit nicht mehr erkennen. Und die Mehrheit zu diskriminieren. Und ein Shitstorm gegen jemanden zu machen der Demokrat ist und auch die Wahrheit sagt ist das schlimmste überhaupt. Genauso überall Rassismus drin zu sehen ist schon nicht mehr normal. Und besonders wenn man soweit geht das man als weißer Schauspieler kein Afrikaner oder Chinesen spielen darf zeigt wie verbrannt sich einige haben. Und genau das ist das was Herr Thierse angesprochen hat das das so nicht geht. Und das zu recht.

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  1. Gibt e eigentlich in China strukturellen Rassismus? Wie ist es in Afrika? Indonesien? Kann man als Weißer dort in Politik oder Kultur was werden? Oder im Genderbereich? Oder als Christ in Laos, Pakistan oder Arabien?

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