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Not der Prostituierten ist gewachsen

Die Corona-Pandemie hat alle belastet – auch jene, die von der Gesellschaft kaum gesehen werden. Dazu gehören Prostituierte. Berufsverbote, Arbeit im Geheimen sowie gesunkene Nachfrage und Preise belasten die Frauen. Soziale Absicherung gibt es kaum. Pro hat mit einem christlichen Streetworker auf dem Straßenstrich Kurfürstenstraße gesprochen.
Von Anna Lutz
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Prostitution ist in der Coronazeit in Berlin untersagt. Verschwunden ist sie deshalb nicht

Wer heute über die Kurfürstenstraße in Berlin spaziert, dem könnte es scheinen, als hätte die Corona-Pandemie die Welt kaum verändert. Frauen stehen am Straßenrand, unterhalten sich und winken den vorbeifahrenden Autos zu. Gelegentlich hält eines an, nach kurzer Verhandlung am Autofenster steigt eine der Frauen ein. Oder ein Fußgänger kommt vorbei, spricht eine der Prostituierten an und verschwindet mit ihr in einer der sogenannten Verrichtungsboxen, hölzerne Toilettenhäuschen, die der Senat unter anderem für den Zweck der Prostitution aufgestellt hat. 

Es scheint, als spiele das coronabedingte Verbot der Prostitution hier keine Rolle. Zwar heißt es in der aktuellen Coronaverordnung der Landeshauptstadt noch: „Die Erbringung und Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen mit Körperkontakt und erotischer Massagen sind untersagt.“ Doch daran wollen und können sich viele nicht halten. 

Gerhard Schönborn, Streetworker und Leiter des christlichen Café Neustart an der Kurfürstenstraße, beobachtet das Geschehen vor seiner Einrichtung seit Jahren. Der Verein Neustart leistet auf Basis christlicher Werte Hilfe und arbeitet überkonfessionell. Im ersten Lockdown sei die Straße tatsächlich kurzfristig leer gewesen. Zuhälter, so berichtet er, brachten die Frauen aus Osteuropa zurück in ihre Länder, weil in Berlin nichts mehr zu holen gewesen sei. Die Nachfrage blieb aus. Mit dramatischen Folgen für die Frauen, auch jene, die ohne Zuhälter an der Straße stehen: Denn diese sind kaum sozial abgesichert. Während normal Beschäftigten Kurzarbeitergeld oder  Arbeitslosenhilfe zur Verfügung stand, gingen die Prostituierten leer aus – sogar, wenn sie regulär entsprechend Prostituiertenschutzgesetz als Prostituierte  angemeldet sind. Ausfallhilfen für Prostituierte gibt es nicht. Zudem sind viele Nothilfeeinrichtungen, die besonders jene Frauen in Anspruch nehmen, die sich wegen Drogen prostituieren und keinen Wohnsitz haben, coronabedingt geschlossen oder haben ihr Angebot radikal gekürzt. Notübernachtungsplätze etwa. Oder Essensausgaben. 

Auch das Café Neustart ist seit dem 19. März letzten Jahres geschlossen. Normalerweise können die Frauen sich auf den Sesseln und Sofas im Café vom anstrengenden Alltag auf der Straße ausruhen. Hier bekommen sie ein warmes Getränk, belegte Brötchen und vor allem ein offenes Ohr der hauptsächlich ehrenamtlichen Mitarbeiter. Schönborn hat nun stattdessen einen Tisch vor die Tür gestellt, hinter dem er und seine Kolleginnen Lebensmittel, Lebensmittelgutscheine, Schlafsäcke, Hygieneartikel und auch mal Kleidung verteilt. Er beobachtet die Lage der Frauen mit Sorge: „Aus Erfahrung kann ich sagen: Je größer die Not ist, desto mehr nutzen die Männer hier auf der Straße das aus.“ Die Folge: Sinkende Preise. Statt 40 Euro verdient eine Frau heute mit einem Mann noch die Hälfte. Sorge um die eigene Gesundheit machen sich die Kunden dabei nicht mehr. Wie soll das auch gehen – coronakonformer Sex? „Die meisten Männer hier interessiert ja nicht einmal, ob sie sich sexuell übertragbare Krankheiten holen. Warum sollte sie da Corona schrecken?“ fragt Schönborn abgeklärt. 

Foto: Neustart e.V.
Gerhard Schönborn versorgt die Frauen auf der Kurfürstenstraße mit dem Nötigsten. Sein Café Neustart (im Hintergrund) ist seit Beginn der Pandemie geschlossen.

Die dennoch auch nachhaltig leicht gesunkene Nachfrage erklärt er sich mit möglichen Strafen. Denn Berlin hat als einziges Bundesland für die Zeit der Pandemie eine Art sogenanntes Nordisches Modell light eingeführt: Wenn die Ordnungsämter Frauen bei der Prostitution erwischen, zahlen nicht letztere eine Strafe, sondern die Kunden. Einige Menschenrechtsorganisationen werben seit Jahren dafür, die Prostitution generell zu verbieten und eben jenes Modell nach schwedischem Vorbild einzuführen. Schönborn freut sich über die Regelung. Mit seinem Verein hat er sich dafür eingesetzt, dass nicht die Frauen belangt werden, denn diese, so ist er sich sicher, sind schlicht gezwungen, auch im Verbotsfall weiter zu arbeiten. „Es gibt kaum Ausstiegshilfen, obwohl viele Frauen diese Arbeit derzeit nicht mehr machen wollen“, sagt er. Viele besonders der Drogenprostituierten hätten auch kein Leben außer dem auf dem Strich. Das Motto Stay at Home kann nur greifen, wenn man ein Zuhause hat. 

Prostitution ist derzeit noch in den meisten Bundesländern untersagt. Ausnahmen bilden Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Mit den weiter fallenden Infektionszahlen bereiten auch viele andere Länder Öffnungen vor oder knüpfen sie an Inzidenzen. In Berlin soll es am 18. Juni soweit sein. Freuen dürfte das unter anderem den Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD). „Man kann mit negativem Corona-Test in den Biergarten oder zur Kosmetikerin, aber Sexarbeit bleibt verboten, ohne eine stichhaltige Begründung“, erklärte etwa Sprecherin Johanna Ebeling jüngst in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Bordelle sollen ihrer Meinung nach ebenfalls für Getestete, Genesene und Geimpfte geöffnet werden. Ähnliches mahnt der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD) an. Schönborn sieht das differenzierter. Durch die Coronazeit ist das Leid der Frauen deutlicher geworden.. Es sei ein Bewusstsein dafür entstanden, dass die Lage vieler Prostituierter schwierig bis katastrophal ist. „Das Glamour-Image der Prostitution ist endgültig gefallen“, sagt er. Nun hofft er auf Maßnahmen seitens der Politik. Der Senat sei nun gefordert, Frauen Angebote für den Ausstieg zu machen. Und wenn schon nicht das, dann zumindest niedrigschwellig direkte Hilfe zu leisten. So wie der Verein Neustart mit Schlafsäcken, Duschbad und Essensgutscheinen – und Hilfen beim Ausstieg aus der Prostitution.

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2 Antworten

  1. Prostitution sollte gänzlich untersagt sein. Egal wie man es sich schön reden will:

    Eine von Gott geschenkte Handlung, die in der ehelichen Intimität zwischen Mann und Frau eine Frucht der LIEBE hervorbringt – nämlich Kinder, auf solche Art zu pervertieren, war zu keinem Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte jemals ein Gewinn für die Gesellschaft. Im Gegenteil ist Prostitution im Einzelnen und Unzucht im Allgemeinen eine Keimzelle vieler Bosheiten und unaussprechlicher Abscheulichkeiten.

    So mancher Verfechter von Prostitution sieht hierin erst eine mögliche existentielle Absicherung wegen einer vermeintlichen „Alternativlosigkeit“. Das ist mitnichten eine Ansicht, die auch nur im Ansatz haltbar wäre. Eine solche Beschäftigung ist im Wesentlichen eine existentielle Selbstvernichtung. Sowohl Körper als auch Seele tragen einen hohen Schaden davon, die nur Gott heilen kann. Herr Schönborn, der die Lebensgeschichten aus erster Hand von den Frauen selbst erfährt, wird dem sicherlich zustimmen:
    keine von Ihnen ist mit Glück erfühlt.

  2. Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, Rousseau, nur leider wird es nicht möglich sein, die Prostitution gänzlich zu verbieten. Ich bin aber wieder mal desillusioniert von Parteien, Politik und denen, die auch sonst das Maul (Verzeihung) weit aufreissen.
    Warum wurde Corona nicht genutzt um viele Frauen jetzt herauszuholen, aus einem Milieu, in das viele hineingezwungen oder gerutscht sind?
    Da ist Geld da für Gendersternchen und diesen 10000000fältige Geschlechtsidentitätskrise, für Frühesexualisierung in den Kindergärten, manch großes Unternehmen macht den Reibach, die Clans lachen sich ins Fäustchen … aber für diese Frauen hat keiner ein Herz?
    Man kann nur hoffen, dass lokal manches geschieht – es kommt ja nicht alles in die Presse – und dass so manch ein/e Politiker*in (um korrekt zu sein) ins Nachdenken kommt …

    Ausserdem hätte man – auch wenn man möglicherweise viele nicht hätte herausholen können, warum auch immer – ganz unbürokratisch helfen müssen – mit Nahrung, Krankenversicherung usw .. auch auf die Gefahr hin, dass beschissen wird. Solange unsere Politiker bescheissen (Maskenskandal, usw…) , ist es nur allzu verständlich, wenn die am Rande der Gesellschaft auch mal ein Stück vom Kuchen haben wollen. Es sei ihnen gegönnt, obwohl ich selbstverständlich nicht fürs Lügen und Betrügen bin.
    Und wie oft erlebt man, dass grade die Armen mehr Ehrgefühl haben als ein Reicher?

    Die ja eher, wie schon unser Herr und Heiland sagt, schwer ins Himmelreich kommen werden.

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