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Nicht dabei und doch mittendrin

In Worms hat am Freitagabend die Premiere des Theaterstücks „Luther“ die diesjährigen Nibelungen-Festspiele eröffnet. An genau jenem Platz, wo Martin Luther vor dem Kaiser und aller Welt seine Thesen nicht zurücknahm und damit die Welt veränderte, brennen die Verantwortlichen ein Feuerwerk der guten Ideen ab, und die hochkarätigen Darsteller bieten ein äußerst sehenswertes Schauspiel mit tiefgehender Botschaft.
Von Jörn Schumacher
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Foto: David Baltzer
Luther selbst kommt im Theaterstück „Luther“ der Nibelungenfestspiele Worms nicht vor, aber die hochkarätigen Schauspieler (hier: Jürgen Tarrach und Jan Thümer) schaffen es, mit viel Spielfreude die Botschaft Luthers dennoch ins Heute zu transportieren

Wer hier vor dem Dom von Worms das Schauspiel „Luther“ des Schweizer Autors Lukas Bärfuss und der ungarischen Regisseurin Ildikó Gáspár ansieht, ist in mehrfacher Hinsicht beeindruckt. Erstens hat sich Martin Luther genau hier vor 500 Jahren, am 17. und 18. April 1521, geweigert, vor den geistlichen und weltlichen Würdenträgern seine Thesen zurückzunehmen. Der bislang unbekannte Mönch aus Wittenberg erdreistete sich, die Kirche der Verschwendungssucht und der falschen Weitergabe des Evangeliums zu bezichtigen; des Weiteren propagierte er mit allen ihm damals zur Verfügung stehenden medialen Mitteln ein Christentum, das von Freiheit geprägt ist und nicht von Unterdrückung.

Zweitens bietet das Ensemble um Schauspieler wie Julischka Eichel, Jan Thümer und Jürgen Tarrach eine Spielfreude, die in den Bann zieht. Luther selbst kommt im Stück nicht persönlich vor, und doch, oder gerade deshalb erstrahlt seine Botschaft in genau dieser Lücke umso heller.

Foto: David Baltzer
Sunnyi Melles als theologisch völlig überforderter Papst Leo X.

Auf der Freiluftbühne vor dem Wormser Dom haben der Intendant der Nibelungen-Festspiele Worms, der bekannte Fernseh-Autor und Regisseur Nico Hoffmann, und seine Regisseurin ein Bühnenbild geschaffen, das von der ersten bis zur letzten Minute Abwechslung bietet, viele kleine spielerische Einlagen ermöglicht und die Zeit Luthers ohne Übertreibung in die heutige Zeit versetzt. Auf einem riesigen vertikalen Bildschirm werden Live-Bilder von Kameramännern eingeblendet, die wie die Schauspieler auf der Bühne verteilt sind. Es kommen darauf Videoanrufe und Filmclips zum Einsatz, und durch diesen Kniff wird unmerklich das Gefühl erzeugt, die Geschichte könne genauso auch im Heute stattfinden, wo Smartphones das wichtigste Kommunikationsmittel sind.

„Medienprofi Luther hat die Kirche überfordert“

Als Luther sich an genau dieser Stelle vor 500 Jahren vor dem Reichstag und Kaiser Karl V. weigerte, seine Lehren zu widerrufen, setzte er nicht nur sein eigenes Leben aufs Spiel. Er proklamierte die Botschaft Jesu, die eben frei macht und nicht einengt. Immer wieder erstrahlt die klare Botschaft von Luthers Werk „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die man in dem Bibelvers zusammenfassen kann: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1). So prangt denn ein Satz während der ersten Hälfte des Stückes in einem digitalen Schriftzug wie auf einem Nachrichtenticker auf der Bühne, der den Kern des Stückes und des Besuches Luthers in Worms darstellt: „Die Angst vor der Freiheit hält die Menschen gefangen.“

In Bärfuss’ Stück ist es der Arzt Ratzenberger (hervorragend: Konstantin Bühler), der Luthers Botschaft nicht nur verstanden, sondern auch verinnerlicht hat, so strahlt sie aus jeder Pore seines Wesens. Und es ist eben nicht nur die politische Freiheit, die Ratzenberger meint, sondern eine seelische: Wer von der Freiheit durch Christus und einer Zukunft bei ihm weiß, muss nicht mehr die Androhung von Folter oder Tod durch die Mächtigen dieser Welt fürchten. Nur deshalb konnte Luther standhaft und bei seinen Thesen bleiben. Es ist diese Botschaft, die auch in Elisabeth, Tochter der Königin von Dänemark, entfacht wird. In ihrer Situation, unterdrückt und vergewaltigt von ihrem Ehemann, Joachim, Kurfürst von Sachsen, saugt sie sie auf wie ein Schwamm. Besuchern des Stückes empfiehlt es sich, vorab im Programmheft in die kurze geschichtliche Einordnung des Stückes zu schauen.

Foto: David Baltzer
Vor der Kulisse des Wormser Doms, wo Luther vor 500 Jahren persönlich vorm Reichstag erschien: das Theaterstück „Luther“ der Nibelungenfestspiele.

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, der sich für das Theaterstück gut zwei Jahre lang mit Luther beschäftigte, sagte vorab der Presse, dass er selbst protestantisch geprägt sei. „Luther hat das Gewissen entdeckt und es in das Zentrum seines Glaubens und Denkens gestellt. Die Vorstellung, dass ein Mensch beständig vor seinem eigenen, inneren Gericht steht und er dessen Urteilsspruch nicht entkommen, war extrem wirkmächtig und hat die moderne Gesellschaft erst ermöglicht.“ Dieser neue Individualismus habe überhaupt erst die Aufklärung, moderne Wissenschaft und den freiheitlichen Staat möglich gemacht, so Bärfuss. Die zentrale Botschaft seines Stückes: „Ein Christenmensch sei niemandem untertan, weil er von niemandem außer vor sich und seinem Gott verantwortlich ist. Gleichzeitig ist er allen untertan, weil er diese Freiheit in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen hat.“ Oder um es mit Hegel zu sagen: Man muss frei sein, um moralisch handeln zu können. Auch Luther als Medienprofi hebt Bärfuss hervor: „Luther war das perfekte Talent für das Medium der Flugschrift. Alleine die Frequenz seines Ausstoßes hat die katholische Kirche überfordert.“

Der Intendant der Nibelungen-Festspiele Worms, Nico Hoffmann, ist selbst gläubig und sagt von sich, jeden Tag zu beten. „Der Glaube hat für mich viel mit innerer Einkehr zu tun. Das Gebet als heruntergehaspeltes Vaterunser hat wenig Erfüllung. Das Gebet ist Dialog“, sagte Hoffmann 2015 in einem Interview mit PRO und ERF Plus. Hoffmann ist seit 40 Jahren einer der produktivsten und erfolgreichsten Fernsehautoren und -regisseure Deutschlands und ist unter anderem für Filme verantwortlich wie „Die Flucht“, „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ich bin dann mal weg“, „Der Junge muss an die frische Luft“ und Serien wie „Ku’damm 56“, „Charité“, sowie mehrere Tatort-Folgen.

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Mehrere Kameramänner übertragen bei Ildikó Gáspárs Inszenierung Live-Bilder auf eine große Leinwand im Hintergrund

Das Theaterstück „Luther“ erfreut durch eine seit mehr als 500 Jahren zeitgemäße, wichtige Botschaft, durch ein faszinierendes, erfrischendes Bühnenbild unter freiem Himmel sowie durch ein spritziges Ensemble, dem man die Spielfreude nach anderthalb Jahren Corona-Pause in jeder Szene anmerkt. Hervorzuheben sind etwa Jürgen Tarrach als genusssüchtiger, ehrgeiziger Bruder des Kurfürsten Joachim, Barbara Colceriu in der Rolle des Kurfürsten von Sachsen, sowie vor allem eine wie immer umwerfende Sunnyi Melles, die Papst Leo X. als theologisch überforderten Mann darstellt, der sich mehr um seinen Elefanten Hanno kümmert als um einen Augustinermönch im fernen Deutschland, der gerade dabei ist, die Grundfesten der altehrwürdigen römischen Kirche zu erschüttern. Regisseurin Gáspár zeichnet das Kirchenoberhaupt manchmal so verstörend wie auf einem Gemälde von Francis Bacon.

Zu sehen ist „Luther“ noch bis zum 1. August in Worms, aufgrund der Corona-Pandemie müssen Besucher eine vollständige Impfung, eine überstandene Infektion oder einen negativen Test nachweisen. Parallel zu den Festspielen ist im Wormser Museum Andreasstift die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“ noch bis Jahresende zu sehen.

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