Das christliche Medienmagazin

„Sie können nach dem Zeitgeist keine Filme machen“

Eine ganze Wand voll Auszeichnungen ziert das Büro von Erfolgs-Produzent Nico Hofmann. Bei einem Besuch in Babelsberg hat pro mit ihm darüber gesprochen, wie sein christliches Weltbild seine Filme beeinflusst und warum er beim Weihnachts-Krippenspiel fast eingegriffen hätte.
Von PRO
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on email
Nico Hofmann ist Produzent und Vorsitzender der Geschäftsführung von UFA Fiction. Der 55-Jährige verantwortet neben vielen anderen Filme wie „Stauffenberg“, „Der Medicus“, „Dschungelkind“ oder „Die Flucht“

Foto: Wikipedia

Nico Hofmann ist Produzent und Vorsitzender der Geschäftsführung von UFA Fiction. Der 55-Jährige verantwortet neben vielen anderen Filme wie „Stauffenberg“, „Der Medicus“, „Dschungelkind“ oder „Die Flucht“

pro: Herr Hofmann, welche Filme schauen Sie sich gerne an?

Nico Hofmann: Ich schaue mir vieles an. Ich kann mir gar nicht erlauben, das nicht zu tun. Das hat zum einen mit meiner generellen Neugierde und zum anderen mit Konkurrenzbeobachtung zu tun.

Und gibt es irgendetwas, das Ihnen besonders gut gefällt?

Ich bin ein sehr großer Fan von tollen Schauspielern wie Iris Berben, Nadja Uhl oder Matthias Brandt. Überhaupt ist deutsches Fernsehen besser, als es gemeinhin geschrieben wird. Ich entdecke jede Woche eine Perle.

Sie haben Ihr Büro mit Ihren Auszeichnungen dekoriert, darunter drei Bambis. Was bedeuten Ihnen die Preise?

Ich bin stolz auf diese Anerkennungen meiner Arbeit. Von ganz besonderer Bedeutung ist der International Emmy, den wir für „Unsere Mütter, unsere Väter“ gewonnen haben, direkt zwei Wochen nach der Bambi-Verleihung. Wir haben ein extrem erfolgreiches Jahr hinter uns.

Wenn Sie einen Film produzieren, inwiefern spielt dann Ihr christlicher Glaube eine Rolle?

Ich lege ein gewisses Menschenbild zugrunde, das mit meiner christlichen Verantwortung zu tun hat. Wenn ich Filme gestalte, gibt es für mich geschmackliche Grenzen, auch im Gewaltbereich, Grenzen in der Darstellung von Menschen im Film. Wir haben zum Beispiel bei „Nackt unter Wölfen“ mit dem Jugendschutz des MDR viele differenzierte Diskussionen über Gewaltszenen im Konzentrationslager Buchenwald geführt: Was kann man zeigen, ohne dass es voyeuristisch wird? Das war eine ganz essentielle Debatte, in der es durchaus um ein christliches Menschenbild ging und um die Frage: Warum macht man einen solchen Film? Von daher taucht der Glaube in meinem Berufsbild immer wieder auf.

Sie haben einmal gesagt: „Ich bete jeden Tag.“

Ich bete in der Tat jeden Tag und ich habe auch eine christliche Erziehung genossen. Ich komme aus einem sehr religiösen Haushalt, meine Mutter ist überzeugte Protestantin und ich habe früher Jugendarbeit in der Markusgemeinde in Mannheim geleistet. Der Glaube hat für mich viel mit innerer Einkehr zu tun. Dabei kommt es auch darauf an, wie man betet. Das Gebet als heruntergehaspeltes Vaterunser hat wenig Erfüllung. Man merkt einfach in der Gemeinde, ob der Gottesdienst eine Litanei ist, deren Worte eigentlich keiner mehr versteht. Oder eben ein Innehalten und ein Ruhepunkt, um zu einem Dialog mit Gott zu kommen. Das Gebet ist Dialog.

Was halten Sie von christlichen Sendungen?

Ich habe viele davon gesehen, besonders in Amerika. Gottesdienste sind dort wirklich teilweise eine Megashow. Ich finde es abenteuerlich, es berührt mich gar nicht. Ich empfand diese Bibelkanäle zum Einschlafen langweilig.

Was könnte man besser machen?

Ich finde schon den ganzen Ansatz absurd. Ein christliches Weltbild manifestiert sich nicht in monothematischen Beiträgen.

In Hollywood galt das vergangene Jahr als das der Bibelfilme, mit Produktionen wie „Exodus“ oder „Noah“. Was halten Sie von diesen Werken?

Ich fand „Exodus“ schwierig, extrem bildgewaltig. Klar, der Film ist für ein Massenpublikum gemacht. Er rangiert bei mir im Bereich der historischen Monumental-Epik-Filme und hat weniger mit einer Glaubens- oder Gottesbeziehung zu tun. Ein religiöser Film, der mich wirklich berührt hat, war Pasolinis Werk über Jesus Christus und seine Passion. Der Film rührt mich heute noch an, obwohl er mittlerweile mehrere Jahrzehnte alt ist.

Wäre es auch für Sie interessant, mal einen biblischen Stoff zu verfilmen?

Ich bräuchte einen starken Ansatz. Und der würde ganz sicher sehr in Richtung der Pasolini-Arbeit gehen, denn die ist extrem authentisch. Der Film hat eine unheimliche Kraft und diese Kraft kommt aus dem Schmerz. Viele Hollywood-Filme sind für mich verkitschte Abklatschnummern. Das ist nicht meine Wellenlänge.

Das religiöse Setting, sei es im Kloster oder personifiziert durch einen Pfarrer, ist im deutschen Fernsehen sehr beliebt. Woher kommt das?

Es gibt eine Faszination am Glauben und besonders an der Katholischen Kirche, am Vatikan, mit allen Abseitigkeiten. Ich habe sieben Konzepte auf dem Tisch, die sich mit der Vatikanbank, Aufräumarbeiten im Vatikan und ähnlichen Themen beschäftigen. Alle großen Menschheitsmythen – Vergebung, Schuld, Sühne, alles, was sich in der Politik abspielt – bilden sich auch in der Kirche ab. Und das zieht Filmemacher magisch an.

Die Evangelische Kirche leidet zuweilen darunter, dass die Katholische Kirche immer stärker dargestellt wird. Muss sie sich um eine größere Fallhöhe und mehr Buntheit bemühen?

Hoffentlich nicht. Es gibt ja Gründe, warum ich nicht katholisch bin. Ich kann mit gewissen Weltbildern der Katholischen Kirche wenig anfangen. Ich finde die Evangelische Kirche in vielen Bereichen wesentlich offener. Die Schwierigkeit der Evangelischen Kirche ist es, die Balance zu halten zwischen einem tradierten Glaubensbegriff und einer wirklichen Besinnung in Glaubensfragen und allen neumodischen Aperçus, die man da so erleben kann. Gegen die habe ich gar nichts, aber manchmal rutscht mir der eigentliche Kern der Berührung weg. An Weihnachten war ich in einem evangelischen und in einem katholischen Gottesdienst. Der evangelische war sehr lustig, sehr jugendbetont. Die Konfirmanden haben ein Krippenspiel aufgeführt, teilweise völlig verkorkst, aber mit hohem Amusement. Der eigentliche Gottesdienst hatte aber überhaupt keine Tiefe, die Hälfte der Gemeinde empfand keinerlei Berührung. Der katholische Gottesdienst hat mich in den zentralen Glaubensmomenten der Heiligen Nacht wesentlich mehr eingefangen, obwohl es absolut nicht meine Welt ist.

Wie würden Sie denn so ein Weihnachts-Krippenspiel inszenieren?

Offen gestanden hat es mich wirklich gelockt, einzugreifen. Wenn mich jemand einlädt, bin ich gerne bereit, das Krippenspiel zu inszenieren.

Sie haben mit „Im Zweifel“ gerade einen Film produziert, der dieses Jahr ausgestrahlt wird. Darin kommt eine Pfarrerin vor, die nicht mehr weiß, was sie glauben soll.

Ja, dabei geht es um einen tragischen Unfall mit Fahrerflucht und die Pfarrerin verdächtigt den eigenen Mann, der Täter zu sein. Das Spannende an dem Drehbuch ist, dass in der Zweier-Beziehung zwischen der Pfarrerin und ihrem Mann die Frage nach dem Vertrauen gestellt wird. Es geht um das tiefst mögliche Vertrauen und damit auch um den Glauben an den Anderen. Diesen Konflikt in einem religiösen Milieu anzusiedeln, fanden wir spannend, weil die Hauptfigur ständig ihren eigenen Beruf mitreflektieren muss. Sie müsste als Pastorin eigentlich aufgefangen werden bei Gott und verliert ihren Vertrauensmoment in sich selbst.

Bei der Ernsthaftigkeit und Tiefe Ihres Anspruchs verwundert es, dass unter Ihren Fittichen „Jesus liebt mich“ entstanden ist. Warum haben Sie ausgerechnet diesen Film gemacht?

Mir hat das Drehbuch gefallen. Ich halte den Film auch für gelungen. Er war im Übrigen ein Erfolg und hat 600.000 Kinozuschauer gebracht. Ich kann damit gut leben, weil mir sehr gefallen hat, wie Florian (Florian David Fitz, Anm. d. Red.) die Jesus-Figur angelegt hat.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich andere mit dem Film schwer tun?

Nicht wirklich, weil ich finde, dass der Film eine dermaßen komödiantische, satirische, fast märchenhafte Überhöhung hat. Diejenigen, die sich aufgeregt haben, hätten sich auch über das wunderbare Buch von David Safier aufregen dürfen. Hat aber keiner gemacht. Warum dann ausgerechnet der Film blasphemisch sein soll, weiß ich nicht, ich empfand es nicht so.

Vielleicht werden Filme einfach mehr wahrgenommen als Bücher. Sind Sie sich dieser Macht bewusst, da Sie ja doch die deutsche Vergangenheit ab Mitte des 20. Jahrhunderts filmisch aufgearbeitet haben?

Der Verantwortung bin ich mir ganz sicher bewusst. Von „Unsere Mütter, unsere Väter“ haben insgesamt zehn Millionen Menschen zumindest einen der drei Teile gesehen. In Amerika und in Polen hat er große Diskussionen ausgelöst. Das ist relevant.

Und wie verhielt es sich mit dem Film „Der Rücktritt“ ?

Daran hat mich die Situation in Bellevue und die der Medien am meisten interessiert. Ich wollte wissen, wie sich diese beiden Systeme wie ein Dampfkessel permanent gegenseitig unter Druck setzen und wozu das dann menschlich führt.

Das war ein sehr journalistischer Film. Ist das ein Trend, ist in der Richtung noch mehr von Ihnen zu erwarten?

Nein, ich glaube nicht. Viele Zuschauer hatten erwartet, die allerletzten Interna aus der Ehe Wulff zu erfahren. Das hat mich erschüttert. Weil das genau das Gegenteil von dem war, was ich machen wollte.

Das Publikum will meistens Skandale, das ist auch im Journalismus so. Stürzt sich der Journalismus heute mehr auf Skandale?

Wir befinden uns stärker denn je in einem durchlauferhitzten Gewerbe. Ich habe das Gefühl, dass die Pegelausschläge nach Verurteilung, nach Vorverurteilung, nach Emotion wesentlich höher gehen und dass sie wesentlich schneller kommen. Sie verebben auch wieder schneller. Aber die Beschädigung, die manchmal ausgelöst wird, ist virulent. Das hat damit zu tun, dass sich der ganze Journalismus verändert hat. Er ist nicht unbedingt besser geworden. Viele Zeitungen leiden, weil die Zeit für Qualität schlichtweg nicht mehr da ist. Es gibt plötzlich einen absoluten Wettkampf zwischen dem Tempo im Internet und Qualitätsjournalismus, und diese Beschleunigungskurve nimmt immer weiter zu.

Wie wünschen Sie sich dann einen verantwortungsvollen Umgang der Medien mit aktuellen Ereignissen?

Zunächst mal Klarheit darüber, was man überhaupt auslösen will. Man braucht im Vorfeld eine Haltung. Genau wie beim Film: Warum will ich was wie machen?

Sie sind eigentlich gelernter Journalist und dann zum Film gewechselt. Warum?

Ich habe beim Mannheimer Morgen volontiert. Ich liebe Journalismus, ich komme aus einem journalistischen Haushalt und bin immer noch journalistisch geprägt. Ich habe zehn Tageszeitungen abonniert, ich bin ein völlig verrückter Zeitungsleser. Meine Filme haben immer einen starken Recherche-Charakter. Ich wäre auch garantiert Journalist geblieben, wenn die Verlockung des Films nicht noch größer gewesen wäre. Was ich jetzt im Moment mache, ist eine Verbindung aus beiden Berufen. Es gibt da für mich überhaupt keinen Widerspruch.

Was macht für Sie Relevanz aus?

Ich unterscheide sehr genau zwischen Zeitgeist und Relevanz, Sie können nach dem Zeitgeist keine Filme machen. Relevanz ist das, was hinter dem Zeitgeist übrig bleibt, was abseits davon eine tiefere Eben hat. Sterbehilfe ist beispielsweise ein Thema von riesengroßer Relevanz. Denn es beschäftigt unglaublich viele Menschen, wie sie aus diesem Leben gehen.

Über relevante Fragen denkt auch Hape Kerkeling in seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ nach. Sie haben ihn kürzlich gedreht. Geben Sie uns einen Ausblick, was wir von dem Film erwarten können?

Hape Kerkeling und ich haben unheimlich lange an dem Drehbuch gearbeitet, es ist sehr nah an der Vorlage. Es schildert, was mit Hape während seiner Pilgerwanderung passiert ist. Das war für ihn eine Art innerer Einkehr. Es ist übrigens unheimlich schwer, das in einen filmischen Rhythmus zu übersetzen. Wie komme ich zu einer Zwiesprache mit mir selbst und wie komme ich in eine Form von Einklang?

Braucht es zum Reformationsjubiläum 2017 auch einen neuen Luther-Film?

Wir bereiten den für das ZDF vor. Luther ist ganz zentral, auch in meinem Leben. Die Offenheit der Evangelischen Kirche ist ohne Luther überhaupt nicht denkbar. In unserem Film geht es um ein sehr modernes Lutherbild. Aber wir haben das Drehbuch noch nicht. Kai Hafemeister schreibt daran.

Herr Hofmann, vielen Dank für das Gespräch! Die Fragen stellte Stefanie Ramsperger

Das Interview ist zusammen mit dem Radiosender ERF Plus entstanden und kann hier angehört werden. Der Text ist auch in der gedruckten pro erschienen. Das Christliche Medienmagazin pro können Sie hier kostenlos bestellen.
http://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/wulff-im-tv-haltung-verloren-87463/
http://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/starproduzent-plant-thriller-serie-ueber-vatikan-80421/
http://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/ard-scientology-film-es-geht-um-macht-83938/

Schreiben Sie einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell