„Nerch“: 100 Prozent Nerd, 100 Prozent Kirche

Das Ehepaar Bonin hat vor knapp eineinhalb Jahren die Nerch gegründet. Die erste deutsche Kirche für Nerds. PRO hat mit den beiden gesprochen. Unter anderem ging es um böse Mächte, Gottes Liebe und über Grundbedürfnissen von Nerds.
Von Christian Biefel
Philipp Bonin, Annika Bonin: Nerch-Gründer

PRO: Philipp und Annika, ihr habt die Nerch gegründet. Was ist das?
Philipp: Wir gehören organisatorisch zum FeG Bund und sind die erste Kirche Deutschlands, die Nerds als Zielgruppe hat. Das bedeutet, dass wir die Leidenschaft für fiktive Welten mit der rettenden Botschaft des Evangeliums verbinden. Unser Motto ist: 100 Prozent Nerd – 100 Prozent Kirche.

Heißt das, ihr predigt mit Laserschwert von der Kanzel?
Philipp: Nicht ganz. Wir verbinden die Botschaft von Jesus Christus mit Themen der Nerd-Subkultur. Außerdem sehen wir uns selbst als aktiven Teil der Szene. Das zeigt sich unter anderem bei unseren regelmäßigen Twitch-Streams, oder daran, dass wir uns gerne zum gemeinsamen Brettspielabend, zum Serienschauen oder zum Computerspielen treffen. Speziell auch in unseren Gottesdiensten leben wir die Nerdkultur. Bei uns ist es erwünscht, während des Gottesdienstes über Fantasyfilme zu reden. Das feiern wir.  Auch vor der Predigt zu zocken, finden wir top. Und wenn du kommst und sagst, dass du das ganze Wochenende durchgezockt hast, befindest du dich in guter Gemeinschaft.  

„Nerds haben drei Grundbedürfnisse.“

Hat die traditionelle Kirche damit ausgedient?
Philipp: Nein, mit Sicherheit nicht. Es ist gut, dass die herkömmlichen Kirchen existieren. Wir verstehen uns nicht als Ersatz, sondern als einen weiteren Teil einer bunten Gemeindemischung. Wir erreichen Menschen, die eine traditionelle Freikirche nicht erreicht, und umgekehrt.

Annika und Philipp im Studio. Von dort nehmen sie Ihre Streams auf. Die Kameras im Vordergrund filmen sie beim Zocken



Fühlen sich Nerds in herkömmlichen Kirchengemeinden nicht wohl?
Annika: Es ist schwierig. Wir sprechen aus eigener Erfahrung, weil wir selbst Nerds sind. Dazu ein Beispiel: Mich würde ein „Welcoming-Team“, das die Gottesdienstbesucher herzlich begrüßt, total abschrecken. Das wäre zu viel Aufmerksamkeit auf meine Person. Außerdem sind unsere Gesprächsthemen unterschiedlich. Wenn ich in einigen Gemeinden erzähle, dass ich Fantasy‑Bücher lese, finden das viele nicht gut. Außer es ist von C. S. Lewis (lächelt). Auch Zocken wird oftmals schief beäugt.

Nerd-Wörterbuch für Einsteiger

Nerd:
Laut Duden ist ein Nerd eine Person, die für ein spezielles Fachgebiet besonders großes Interesse zeigt und viel Zeit damit verbringt. Philipp und Annika (Gründer der ersten Nerd-Kirche in Deutschland) haben die Definition eines Nerds für ihre Arbeit eingegrenzt. Sie sprechen von dem besonderen Interesse für fiktive Welten. Dazu zählen Videospiele, Brettspiele, Bücher, Filme und Serien.

Nerch:
Der Name Nerch ist eine Kombination von Nerd und Church (Kirche). Es ist der Name der ersten evangelischen Freikirche in Deutschland, deren Zielgruppe Nerds sind. Ihr Sitz ist in Frankfurt. Gründer der Kirche sind das Ehepaar Philipp und Annika Bonin. Unter anderem spielen die Gottesdienstteilnehmer in den Gottesdiensten Videospiele.

Streamen:
Ein Format, bei dem ein Computerspiel oder eine Videoaufnahme live übertragen wird. In der Jugendsprache bezieht es sich auf das Konsumieren von Live-Videos, vor allem im Bereich Gaming. Der Zuschauer kann in Echtzeit mit den Akteuren interagieren. Vor allem auf Plattformen wie Twitch schauen täglich Millionen Menschen Live-Übertragungen.

Einige Christen kritisieren an der Nerd-Kultur, dass mehr in der Fiktion als in der Realität gelebt wird. Stimmt das und ist das nicht Realitätsflucht?
Philipp: Nerds haben in der Regel drei Grundbedürfnisse. Zuerst ist da Nostalgie. Viele haben die Faszination für Spiele oder Serien aus ihrer Kindheit nie verloren und jetzt durch ihren Beruf die finanziellen Möglichkeiten, diese Leidenschaft auszuleben. Das zweite ist, Teil einer Gruppe zu sein. Manche denken, dass Nerds gerne alleine sind und nur Gemeinschaft mit ihrem Rechner haben wollen. Das stimmt nicht. Viele haben ein hohes Gruppenbedürfnis und möchten irgendwo dazugehören. Und beim dritten Bedürfnis lagst du fast richtig: Alltagsflucht. Oftmals möchten Nerds den Alltag einfach für einen kurzen Moment ausblenden.

Ist das nicht schlecht?

Philipp: Erst einmal liegt darin etwas Positives. Die Möglichkeit, für ein paar Stunden abzuschalten, ist per se nicht schlecht. Manche Menschen machen das auch beim Sport oder mit anderen Hobbys. Aber es ist auch eine Falle. Sobald es deine Identität bestimmt und dein einziger Zufluchtsort wird, ist es problematisch. Dann kann es im Extremfall zu Vorfällen kommen, bei denen Leute sich ins Koma zocken oder sich das Leben nehmen.

Dass in Serien und Computerspielen Charaktere auch übernatürliche Fähigkeiten besitzen, ist für die Bonins per se nicht verwerflich. Im Bild: Eine Figur aus der Fantasy-Kult-Reihe „Star Wars“

Nerd-Wörterbuch für Fortgeschrittene

Gaming-Convention:
Eine Messe, auf der Spieler, Entwickler und Unternehmen zusammenkommen. Neue Videospiele werden dort präsentiert und können ausprobiert werden. Außerdem dient es als Plattform, sich über die Gaming-Welt auszutauschen und zu netzwerken.

Cosplay:
Cosplay ist ein zusammengesetztes Wort aus Costume (deutsch: Kostüme) und Play (Spiel). Fans von fiktiven Figuren aus Animes, Mangas, Videospielen, Filmen oder Comics versuchen dabei durch originalgetreue Kostüme und schauspielerisches Verhalten, einen fiktiven Charakter möglichst authentisch zu verkörpern. Der Trend stammt aus Japan.

Tarot:
Ein Kartensset, das in der Esoterik, Mystik und im Okkultismus Anwendung findet. Es soll unter anderem dazu dienen, die Zukunft der Spieler vorherzusagen.



Das klingt tragisch und nach der Notwendigkeit von Errettung. Wie schafft ihr es, dass trotz aller Fiktion Jesus Christus als reale Person zu vermitteln?
Annika: Zunächst helfen uns alle ausgedachten Geschichten sehr stark, das Evangelium zu erklären. Am Ende gibt es bei den meisten fiktiven Erzählungen zwei Storylines. Entweder wir haben Gut gegen Böse und das Gute gewinnt, weil es die Liebe hat. Oder es gibt irgendwas Böses auf der Welt und ein tragischer Held opfert sich, um andere zu retten.
Philipp: Allerdings ist es durchaus eine Herausforderung, den Besuchern zu vermitteln, dass es sich bei Jesus eben nicht um eine weitere ausgedachte Heldengeschichte handelt. Deswegen haben unsere Gottesdienste immer ein Kernelement: das Evangelium. Dadurch ist Gottes Kraft im Zentrum, die uns real retten will und bei jedem Besucher Realität werden kann.

„Wenn ich Horrorfilme anschaue bekomme ich Angst“

Viele Computerspiele oder Serien wie „Stranger Things“ haben magische Elemente oder thematisieren böse geistliche Dimensionen. Ist das schädlich für einen Christen?
Philipp: Das will ich nicht generell so bestätigen. Auch wir leben in einer Welt, die eine geistliche Dimension hat. Da ist es normal, dass das auch in Spielen oder Filmen auftaucht.

Dennoch gibt es Grenzen. Ich denke allerdings, dass vieles davon individuell ist. Für manch einen ist es nicht gut, den Fußballsimulator „Fifa“ zu spielen, weil ein verlorenes Spiel ihn aggressiv macht. Ich kann beispielsweise keine Horrorfilme anschauen. Davon bekomme ich Angst. Meine Frau steckt das hingegen ohne Probleme weg.

Gibt es dann nichts, wovon Sie im Nerd-Milieu abraten würden?
Philipp: Natürlich gibt es das. Tarot ist ein klares Beispiel dafür. In der Nerdszene ist das „Kartenlegen“ weitverbreitet. Davon sollten Christen definitiv Abstand nehmen.

„Erste Taufe ist im September“

Heißt das, dass für viele Nerds der Gedanke an eine spirituelle Welt nicht fremd ist?
Annika: Für die meisten nicht. Viele mythische Religionen sind prominent. Der Glaube an Walhalla oder auch die griechische Mythologie sind keine Seltenheit. Einmal hat bei uns im Chat auch ein Zuschauer gefragt, ob es ein Problem ist, dass er an den germanischen Gott Odin glaube.

Wie geht ihr damit um?
Philipp: Es ist hilfreich, wenn das Verständnis vorhanden ist, dass es eine übernatürliche Welt gibt. Daran können wir gut anknüpfen, um den Blick auf Jesus Christus zu lenken.

Ihr macht gerade Sommerpause, weil ihr viel auf Gaming-Conventions unterwegs seid. Wie geht es danach weiter?
Philipp: Im September werden wir unsere erste Taufe in der Nerch feiern, darauf freuen wir uns schon besonders.

Danke für das Gespräch.

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