Seit einer Woche liegt das Missionsschiff „Logos Hope“ der christlichen Organisation „Operation Mobilisation“ (OM) im Hamburger Hafen. Evangelistische und praktische Hilfseinsätze und Gottesdienste an Land, Workshops, Missions-Trainings und zahlreiche weitere Angebote an Bord laden zum Besuch ein. Anliegen der Besatzung ist es, Menschen mit der Botschaft von Jesus bekannt zu machen.
Ein solches Schiff dürfte selbst für den Hamburger Hafen etwas Besonderes sein. Das dachte sich auch der NDR und berichtete darüber. Er möchte erklären, welches Weltbild die „Logos Hope“ mitbringt. Allerdings erfährt man in dem fünfminütigen Beitrag nichts darüber, woran die 400 Besatzungsmitglieder aus 60 Ländern glauben, warum sie sich dort engagieren und was das Anliegen der Organisation ist.
Stattdessen: Vorwürfe ehemaliger Mitarbeiter. Es geht, kurz gesagt, um konservative ethische Wertvorstellungen über Geschlechterrollen und Sexualität. Eine Bewerberin sei zum Beispiel gefragt worden, ob sie als unverheiratete Frau schon Sex gehabt habe.
Der Ton ist gesetzt
Nun ist es natürlich notwendig, dass es auf einem Schiff, auf dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen Moral- und Wertvorstellungen auf engem Raum zusammenleben, Regeln geben muss, um das Miteinander zu organisieren. Dass ein religiöser, werteorientierter Verein eine Ethik vertritt, die für manche heute aus der Zeit gefallen scheint, kann man seltsam finden. Zum Vorwurf machen kann man es ihm nicht; ebensowenig, dass er von Mitarbeitern erwartet, diese Werte zu respektieren. Dennoch ist es übergriffig, allzu intime Themen zu erfragen – das geht einen Arbeitgeber nichts an.
Die Organisation weist die Vorwürfe zurück, doch der Ton ist durch den Beitrag gesetzt. Abgerundet durch eine schriftliche Distanzierung der Nordkirche von OM wegen des „bibelfundamentalistischen Verständnisses“ vom christlichen Glauben. Immerhin gesteht die Landeskirche auf PRO-Anfrage zu, dass Angebote wie die von OM einen wertvollen Beitrag leisten können, den christlichen Glauben ins Gespräch zu bringen – wenn dies in einer Haltung geschehe, „die auf Offenheit, Dialog und Respekt vor kultureller Vielfalt setzt und Menschen Raum lässt, ihren eigenen Glaubensweg zu finden“.
Die interessanten Fragen stellt der NDR nicht
Es ist legitim und notwendig, dass Journalisten über Dinge aufklären, die im Argen liegen. Davor dürfen sich auch christliche Werke nicht verstecken. Die Frage hier ist aber: Wie wissenswert ist die Abrechnung von ehemaligen Mitarbeitern mit ihrem Arbeitgeber für das Publikum und Menschen, die OM und die „Logos Hope“ nicht kennen? Zum Skandal taugt sie nicht. Jeder ist frei, dort mitzumachen oder es bleiben zu lassen.
Das Weltbild der Organisation ist damit auch nicht erklärt. Danach fragt der Sender den OM-Leiter nicht einmal – der darf sich nur zu den Vorwürfen äußern. Das vermeintliche Weltbild von OM wird gerahmt durch Dritte, die aus ihrer Sicht etwas Kritisches über die Organisation sagen.
Seinem Informationsauftrag wird der Sender mit diesem Beitrag daher nicht gerecht. Das ist schade, denn es gäbe viele interessantere Ansätze, über die „Logos Hope“ zu berichten – auch kritisch. Wofür genau ist das Schiff da? Warum macht es überhaupt in Deutschland Station? Warum glauben diese Christen anders, als es die Nordkirche gut findet? Was geschieht an Bord und wie funktioniert das Zusammenleben auf engem Raum mit hunderten Menschen aus aller Welt? Was verbindet, was motiviert sie? Und warum lassen sie sich darauf ein, obwohl es dort ja offenkundig so furchtbar konservativ zugeht? Dass die Journalisten ihren Fokus auf einen Pseudo-Skandal gelegt haben, offenbart mehr über deren eigenes Weltbild als über das von OM.