Nahostdebatte in Deutschland: Zu viel Vermutung, zu wenig Wissen

In der aktuellen Folge von „Lanz & Precht“ diskutieren die beiden Namensgeber des Podcasts über den Krieg gegen den Iran. Dabei mangelt es dem Gespräch nicht an Vermutungen – zum Nachteil für die Hörer.
Von Martin Schlorke
Lanz und Precht

„Es ist sehr wenig Wissen da“, sagte die damalige Präsidentin der Jüdischen Studierenden Union, Anna Staroselski, im Oktober 2023 in der Sendung „Markus Lanz“. Hintergrund waren die kurz vorher getätigten Äußerungen von Lanz‘ Podcast-Partner Richard David Precht. Dieser hatte im Podcast „Lanz & Precht“ Stereotype über orthodoxe Juden verbreitet, denen laut Precht vom „Diamantenhandel und ein paar Finanzgeschäften ausgenommen“ das Arbeiten verboten sei.

Zweieinhalb Jahre später macht der Podcast erneut negativ von sich reden. In der aktuellen Ausgabe mutmaßen der Talkmaster und der Philosoph über die Hintergründe des Iran-Krieges. Und wieder wünscht man sich eine Anna Staroselski, die sagt: „Es ist sehr wenig Wissen da.“

Da ist davon die Rede, dass die USA das derzeitige Regime nach dem Sturz des Schahs 1979 unterstützt hätten – ignoriert wird dabei völlig, dass das Regime die USA als Todfeind betrachtet. Oder, dass ein Kriegsziel der USA sei, Militärbasen im Iran zu errichten, um einen geopolitischen Vorteil gegenüber seinen Feinden zu haben – in einer Region wohlgemerkt, in der die USA über diverse Militärbasen verfügen.

Viele Mutmaßungen

Precht sieht zudem innenpolitische Gründe für den Angriff auf den Iran. Denn kein Mensch rede aktuell mehr über die Epstein-Akten – was für die innenpolitische Debatte in den USA so nicht stimmt. Oder etwa, dass der Krieg die im November anstehenden Kongresswahlen zugunsten von Präsident Donald Trump beeinflussen solle. Oder diese aufgrund des Krieges gar nicht erst abgehalten werden könnten. Freilich könnten das Faktoren gewesen sein. Nur: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass sie es tatsächlich sind.

Die Drohung durch einen atomar bewaffneten Iran nennt Precht „den gleichen Scheiß“, wie die frühere Warnung vor angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen. Andere geäußerte Argumente erscheinen dagegen schlüssiger. Etwa die chinesische Abhängigkeit von billigem iranischem Öl, die auch beim Angriff auf Venezuela eine Rolle spielte. Demnach schwäche der Krieg gegen den Iran indirekt auch China.

Geschenkt, könnte man wohlwollend sagen. Da philosophieren, raten und mutmaßen zwei Freunde in einem der reichweitenstärksten Podcasts des Landes über ein Thema, bei dem „sehr wenig Wissen da ist“, wie Staroselski wohl sagen würde. Doch so einfach ist es nicht. Denn in derselben Folge vermutet Lanz auch, dass Israel den Krieg führe, um von der Siedlungspolitik im Westjordanland abzulenken. Dort würde Israel „auf unglaublich brutale Weise“ Fakten schaffen. Mit dieser Mutmaßung bezieht sich Lanz auf den ehemaligen Berater von Barack Obama, Ben Rhodes. Dieser bekam übrigens laut „Jüdischer Allgemeine“ vom früheren Obama-Stabschef Rahm Emanuel wegen seiner kritischen Haltung gegenüber Israel den Spitznamen „Hamas“.

Gefährliche Andeutungen

Ja, die Siedlungspolitik Israels kann oder sollte man vielleicht auch kritisieren – zweifelsfrei. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Politik seit Jahren von Israel vorangetrieben wird und wohl kaum als Grund für den Krieg gegen den Iran taugt.

Ähnliche Vermutungen raunte auch die ARD-Korrespondentin in Israel, Sophie von der Tann. In der Sendung „Hart aber fair“ mutmaßte sie ebenfalls, dass innenpolitische Gründe für Israels Angriff ausschlaggebend sein könnten. So müsse man im Blick haben, dass im Herbst Wahlen in Israel anstehen. Der Krieg gegen den Iran würde Premier Benjamin Netanjahu helfen, gut abzuschneiden. Zudem sei es schon immer das Ziel von Netanjahu gewesen, in die Geschichtsbücher einzugehen. Das könne ihm mit einem Sieg gegen den Iran gelingen.

Diese Beispiele zeigen ein großes Problem auf. Wenn politische Deutung zur freien Assoziation wird, wenn Vermutungen und Halbwissen als Analyse mit philosophischem Anstrich verkauft werden, dann bleibt am Ende vor allem eines zurück: Ein Publikum, das glaubt, Zusammenhänge verstanden zu haben – obwohl sie nie ernsthaft erklärt wurden oder schlicht nicht existieren. Und es bleibt ein Publikum zurück, das sich im schlimmsten Fall in seinen antisemitischen oder israelfeindlichen Stereotypen bestätigt fühlt.

Dieser Text ist zuerst in unserem Newsletter „PROkompakt“ erschienen. Hier können Sie ihn abonnieren.

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