Mit dem Guten das Böse besiegen

Vor 100 Jahren wurde auf der Insel Helgoland der Jugendbuchautor James Krüss geboren. Seine Romanfigur „Timm Thaler“ verzauberte mit ihrer Heiterkeit ein Millionenpublikum. Anleihen christlicher Motive finden sich bei Krüss immer wieder.
Benedikt Vallendar
James Krüss, 1988

Gott hat den Menschen das Lachen geschenkt. Und keine Macht der Welt ist mächtig genug, ihm dieses zu rauben oder gar abzukaufen. So die zentrale Botschaft in James Krüss’ Roman „Timm Thaler“ aus dem Jahre 1962, bis heute ein Bestseller; die Geschichte um einen Hamburger Teenager und seinen Gegenspieler, den zwielichtigen Baron Lefuet, die allein im russischsprachigen Sprachraum fünfzehn Auflagen erreicht hat.

1969 gab es in der damaligen Sowjetunion eine erste Bühnenfassung, nachdem die DDR dem Buch „ideologische Unbedenklichkeit“ attestiert hatte. Noch 2006, zu Krüss‘ achtzigstem Geburtstag war in der Moskauer Fachzeitschrift für das Schulbibliothekswesen eine Laudatio auf ihn und den Roman erschienen. Offenbar gierte die russische Leserschaft schon früh nach Lesestoff aus dem Westen, Bücher, um wenigstens für Stunden der tristen Alltagsrealität des Kommunismus und der Zeit danach zu entfliehen. 

Doch nicht nur für den Kommunismus, auch für Helgoland, wo er am 31. Mai 1926 das Licht der Welt erblickte, war James Krüss ein Glücksfall. Denn niemand ahnte, dass der Sohn eines Elektrikers einer der wichtigsten deutschen Jugendbuchautoren des 20. Jahrhundert werden würde. Heute ist es Müttern untersagt, ihre Kinder auf Helgoland zu gebären, da im Notfall keine Geburtshilfestation zur Verfügung steht und teure Rettungsflüge zum Festland nötig wären. 

Von christlichen Motiven inspiriert 

Mit der Suche nach einer anderen, besseren Welt, wie sie dem Leser in „Timm Thaler“ begegnet, verarbeitete Krüss vor allem traumatische Kriegserlebnisse, die ihn zeitlebens im Bann hielten. „Mit fast kindlicher Naivität findet sich im Roman auch die Sehnsucht nach dem, was die Christenheit für gewöhnlich mit Geborgenheit und einer Heimat in Jesus Christus gleichsetzt“, findet Marcel Gut, evangelischer Theologe und Betreiber des gleichnamigen Youtube-Kanals.

Mit anderen Worten: Warum ernsthaft, rational und manchmal depressiv durchs Lebens gehen, wenn es doch auch einfacher geht, mit den Augen eines Kindes etwa. Besonders eine zentrale Botschaft des Buches finde er wichtig, sagt Gut: Die Berufung des Menschen, das Umsetzen seiner Talente, die Menschlichkeit und das Lachen, das wichtiger sei als alles Geld der Welt. Diese Lebensmaxime findet sich so ähnlich auch im Neuen Testament, wo Jesus in der Bergpredigt dazu auffordert, über Prioritäten nachzudenken. Denn schließlich könne der Mensch nicht dem Mammon und zugleich Gott dienen.

Krüss’ Hinweis, der Mensch könne Geld zum Götzen erklären, erinnere ihn stark an christliche Sprachmethaphorik, sagt Gut. Auch in der Figur des Barons Lefuet und dessen Gehilfen Anatol ließen sich Verbindungslinien zur biblischen Sprachwelt erkennen. Dies dergestalt, dass Timm Thaler mit seinem Lachen auch einen wesentlichen Teil seiner Menschlichkeit verkaufe, so Gut. Das verloren gegangene Paradies bleibe dem Menschen zwar verschlossen, doch würden sich dadurch auch neue Perspektiven auftun.

Zentral sei die Frage, welche Teile der kindlichen Freude, des kindlichen Lachens wir beim Erwachsenwerden bewahren können, sagt Gut. Christus selbst rücke an vielen Stellen den Wert der Kindheit, kindlicher Perspektiven auch für Erwachsene in den Vordergrund: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen“, sagt er.

Wie aber gelangt man dahin, wenn dem Menschen einmal die kindliche Unschuld geraubt und „die Augen geöffnet“ wurden? „Für mich ist der Kampf Timm Thalers um das Wiedergewinnen seines Lachens vor allem ein Kampf gegen Rationalität und Verwertungslogik einer kalten Erwachsenenwelt, die der Baron verkörpert“, sagt Gut. Hier erkenne er Brücken zu seiner eigenen, christlichen Überzeugung: dass auch Erwachsene berufen sind, einen tieferen, spirituellen Blick auf das Leben, auf die Gaben Gottes zu entwickeln. 

Die Welt mit Augen von Kindern sehen

Christliche und biblische Bezüge, sie finden sich in Krüss’ Werken an verschiedenen Stellen, vor allem dort, wo es um die Jüngsten unserer Gesellschaft geht. Man möge, wie es Jesus gefordert hatte, die Kinder zu ihm schicken, sie ernst nehmen und auch ihrem Blickwinkel auf die Welt die nötige Wertschätzung entgegenbringen, so Gut. 

Die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen, mag auf den ersten Blick kindisch, infantil ja vielleicht sogar belächelbar wirken. Doch wer wie Jesus imstande ist, sich in die Perzeption eines Heranwachsenden, eines Kindes zu versetzen, versteht auch das literarische Erbe James Krüss’, dessen besondere Begabung darin bestand, jede Kleinigkeit, jedes Alltagserleben, ja jeden noch so banal-kindlichen Blödsinn in Reime zu gießen und damit die Herzen von Lesern und Hörern zu erwärmen. 

Krüss’ Bildsprache hat damit nichts von ihrer Aktualität verloren, hat sie doch weiter orientierenden Charakter für Menschen in schwierigen Lebenslagen, denen seine Texte mit Leichtigkeit und Heiterkeit begegnen; und in ihrer Eigenart fast therapeutische Dimensionen erreichen, so dass vor allem Erwachsene die Nähe des berühmten Schriftstellers gesucht haben. Legendär waren dessen Einladungen zu Partys und Sylvesterabende auf dem Landgut Casa Montaňata auf Gran Canaria, wo eine Stimmung herrschte, die an Kindergeburtstage erinnerte. 

Trotz eines rastlosen Lebens durch vieler Herren Länder und an entlegene Orte der Welt ist Krüss auch seiner Heimat Helgoland immer treu geblieben; in Gedichten, Erzählungen und Romanen um sie herum gekreist, hat sie mit der Feder berührt und sich dadurch ein Stück weit seine eigene Phantasiewelt geschaffen.

Religiöse Motive bei Krüss

In einem seiner berühmtesten Gedichte über die Insel Helgoland wird auch Krüss’ Gottesbild anschaulich:

Irgendwo ins grüne Meer
Hat ein Gott mit leichtem Pinsel,
Lächelnd, wie von ungefähr,
Einen Fleck getupft: Die Insel.

Später spricht er in dem Poem humorvoll vom „himmlischen Papa“, den zu ergründen verwegen sei. Und davon, dass „der Alte“ Helgoländer sei – wie man ja wisse.

 

Im „Gedicht für jeden Tag im Jahr“ greift Krüss auch Motive aus der Bibel auf. Darin heißt es:
Jeder Garten ist nicht Eden.
Jedes Glas ist nicht voll Wein.
Jeder aber kann für jeden
Jederzeit ein Engel sein.

 

Die biblische Erzählung von Noah und der Sintflut verarbeitet Krüss in seinem Kinderbuch „ABC, ABC, Arche Noah sticht in See“.

 

Nachdem der Bestsellerautor 1997 in Spanien gestorben war, wurde seine Asche vor Helgoland ins Meer geschüttet, schlicht und ohne Grabstein, wie er es sich immer gewünscht hatte; mit an Bord die Schlagersängerin Katja Ebstein und der Schauspieler Hans Clarin (1929–2005), der einst dem TV-Pumuckl seine Stimme verliehen hatte. Mit beiden war Krüss zeitlebens eng verbunden gewesen; ebenso mit dem 1974 verstorbenen Erich Kästner, dem zweiten Doyen der deutschen Jugendliteratur des 20. Jahrhunderts und Autor von Kinderbuchklassikern wie dem „Doppelten Lottchen“ und „Emil und die Detektive“.

„Ein junger Mann mit vielen Ideen und wenig Geld“, so erinnerte sich Kästner später an seinen fast dreißig Jahre jüngeren Kollegen. Dass Krüss reich und berühmt wurde, hatte er maßgeblich Kästner und dessen Kontakten in die Münchner Society zu verdanken.

Gemeinsam lernen, spielen und wachsen, diese Maxime zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke des James Krüss, einem studierten Volksschullehrer, der nach 1945 seine zerbombte Heimat verließ und später eine Inselzeitschrift betreute. Unterrichtet hat Krüss übrigens nie, stets nur das Bild einer idealen Schule in sich getragen, ohne sich mit den täglichen Kalamitäten eines Lehrers auseinandersetzen zu müssen.

Anti 68-er?

Als Jugendlichen hat es James Krüss in die Fremde gezogen. Nach Bayern, wo der frühere Luftwaffensoldat der Wehrmacht und ambitionierte Hitler-Verehrer schon bald als Hörfunkautor von sich reden machte, so als wollte er, wie viele damals, seine Vergangenheit ad acta legen. Im Süden der 1949 gegründeten Bundesrepublik erlebte der Helgoländer zu Beginn der 1950er Jahre einen kometenhaften Aufstieg als Jugend- und Kinderbuchautor, schrieb für Funk und Fernsehen und starb, als das Internet in seinen ersten Geburtswehen stand. Doch ob Krüss dieses Medium gemocht hätte, bleibt fraglich. Denn technischen Fortschritt hat er stets beargwohnt. Da dieser „auf Kosten menschlicher Beziehungen“ ginge, so sein Credo, und wovon die Smartphone geplagte Heute-Gesellschaft sicherlich ein Lied singen könnte.

Kritiker der 1960er und 1970er Jahre warfen Krüss vor, zu wenig die soziale Wirklichkeit seiner Leserinnen und Leser berücksichtigt zu haben; typisch für jene Jahre, als das linke Literaturestablishment kaum Verständnis für Phantasiegeschichten aufbrachte und stattdessen den vermeintlich „politischen“ Auftrag literarischer Werke betonte.

Mit alledem konnte James Krüss wenig anfangen. Lieber erschuf er sich seine eigenen Welten und entführte die Leser an scheinbar authentische Orte, die bei genauerem Hinsehen ein vom Autor orchestriertes Eigenleben führten. Auch wenn diese mitunter altmodisch wirken, mit Hang zum Verspielten, wie etwa im Kinderbuch „Henriette Bimmelbahn“, die gemütlich schnaufend nie nach Plan fährt. Oder jenem heruntergekommenen Mietshaus, in dem die Konstrukteure einer zukunftsträchtigen „Sprechmaschine“ leben. 

Über Krüss‘ Mitgliedschaft in der NSDAP zu reden, scheint indes noch immer ein Problem zu sein; ein Tabuthema, bei dem auch die Pressestelle der Helgoländer Gemeindeverwaltung rasch den Gesprächsfaden abbricht. Der Grund: Die braune Vergangenheit des Künstlers passe so gar nicht in das Bild des unbekümmerten Kinderbuchautoren, das PR-Agenturen jahrzehntelang zu James Krüss gezeichnet haben, meint die Linguistin Barbara Michels von der Universität Mainz. Dabei hatte Krüss sich in seinem autobiografischen Roman „Der Harmlos“ von 1988 auch durchaus selbstkritisch mit seiner Zeit im Dritten Reich auseinandergesetzt.

Ein Suchender

Es wäre zu kurz gegriffen, in Krüss einen reinen Chronisten zu sehen. „Zahlreich sind vor allem die Bezüge zur eigenen Sozialisation“, sagt der Germanist und Literaturwissenschaftler Christoph Grube von der TU Chemnitz. Neben dem Historischen gehe es darin vielfach um Fragen des Erwachsenwerdens, des Reifens und der Frage, wie der Einzelne an Widersprüchen einer modernen Gesellschaft wachsen oder zerbrechen kann, so Grube.

Timm Thaler muss starkem Gegenwind Stand halten und viel Gutes bewirken, bevor er das Böse besiegt. Beim Lesen des Romans wähnt sich der Leser zeitweilig auf den Klippen im Helgoländer Oberland; wo es kalt und windig ist, und wo der Blick in die Weite schweift; ein Ort, an dem die unter- und aufgehende Sonne sinnbildlich dafür steht, dass es auch in schwierigen Lebensphasen immer irgendwie weitergeht.

Bei näherem Hinschauen entpuppen sich Krüss’ Texte auch als Psychogramme in sich widersprüchlicher Gesellschaften, als Selbstreflexionen eines Suchenden, der das Leben verinnerlicht hatte und bei aller Heimatliebe sich auch der irdischen Begrenztheit auf dem kleinen Nordseeeiland bewusst gewesen sein dürfte.

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