Meron Mendel: Der Unaufgeregte

Meron Mendel gehört zu den wichtigsten und vielleicht auch kontroversesten jüdischen Stimmen in Deutschland. Er verwehrt sich gegen überhitzte Antisemitismusdebatten und ist als Jude mit der muslimischen Politologin Saba-Nur Cheema verheiratet.
Von Anna Lutz

Die Porträtsammlung „In jedem Menschen begegnet uns eine Welt“ von PRO-Autorin Anna Lutz zeigt die Lebensgeschichten von Juden in Deutschland. Sie erscheint am 29. Juni im adeo Verlag. PRO veröffentlicht einen exklusiven und gekürzten Vorabdruck.

Wer einen Termin in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main hat, der geht einfach durch die Eingangstür hinein. Keine Metalldetektoren, keine Taschenscanner, keine größeren Sicherheitsmaßnahmen sind zu überwinden, wenn man sich hier mit dem Leiter der Einrichtung, Meron Mendel, treffen möchte. Dass das eine Erwähnung wert ist, gehört dieser Tage zur traurigen Realität in Deutschland.

Jüdische Einrichtungen sind oft durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt, und Juden, die in der Öffentlichkeit stehen, folgen nicht selten einem strengen Sicherheitsprotokoll oder haben gar Polizeischutz. Nicht so Meron Mendel. Obwohl der Historiker, Publizist und Pädagoge zu den wohl bekanntesten und auch durchaus kontroversesten jüdischen Stimmen in Deutschland gehört, bewegen er und seine Familie sich uneingeschränkt, und auch die Bildungsstätte, die er seit dem Jahr 2010 leitet, steht zunächst einmal allen uneingeschränkt offen. Ohne vorherige polizeiliche Prüfung.

„Den letzten Farbanschlag hatten wir 2017. Wir brauchen keine größeren Maßnahmen“, sagt Mendel, während er in Ruhe Kaffeepulver in die XXL-Maschine in der einfachen Küche der Bildungsstätte füllt. „Ich kann mich auch an kein Unsicherheitsgefühl bei mir oder meinen Kindern erinnern, kann aber nur für uns sprechen.“ 

Die Bildungsstätte Anne Frank klärt über Antisemitismus und Rassismus auf, Mendel selbst hat Bücher zum Thema geschrieben, zuletzt etwa „Über Israel reden“, in dem er Deutschlands öffentlichen Umgang mit seinem Heimatland analysiert und unter anderem zu dem Schluss kommt: Zu oft ist von Antisemitismus die Rede, wenn eigentlich Israelkritik gemeint ist. Zu oft wollen Nichtjuden Juden erklären, wann Letztere sich angegriffen zu fühlen haben.

Foto: Liesa Johannssen
Mendel: „Äußere mich entsprechend meines Kompasses. Dafür bin ich bereit, einen Preis zu bezahlen.“

Damit gehört er zu den wenigen mäßigenden Stimmen in der Antisemitismusdebatte, die in seinen Augen oft überhitzt und dramatisiert geführt wird. Man denke etwa an den Streit um das Filmfestival Berlinale im Jahr 2026, als der Leitung zunächst vorgeworfen wurde, propalästinensische Stimmen nicht zu Wort kommen zu lassen. Dann, als einer der Preisträger bei der Abschlussveranstaltung erklärte, Israel verübe in Gaza einen Genozid und die deutsche Bundesregierung beteilige sich daran, änderte sich der Diskurs innerhalb weniger Stunden, und die Berlinale galt plötzlich als antisemitisch. Manche forderten die Streichung öffentlicher Gelder oder den Austausch der Leiterin Tricia Tuttle.

„Man kann da direkt Antisemitismus schreien. Oder man kann darüber sprechen. Ich wähle Zweites und erziehe auch meine Kinder so.“

Meron Mendel

Meron Mendel hingegen erklärte im von ihm gewohnt ruhigen Ton etwa gegenüber dem Sender SWR: Es sei ein „sehr deutscher Anspruch“, dass „bestimmte Kritik auf einer Bühne nicht ausgesprochen werden dürfe“. Zwar dürfe man bestimmte Aussagen „empörend“ finden, etwa den Vorwurf, Deutschland sei „Mittäter des Völkermordes“. Natürlich sei das eine falsche Anschuldigung. Dennoch müsse man akzeptieren, dass solche Auffassungen geäußert würden: „Das gehört zu Kunst- und Meinungsfreiheit.“

Als er sich für diesen Beitrag mit der Interviewerin in der Bildungsstätte zu Kaffee und Gespräch hingesetzt hat, sagt er Ähnliches: „Wir leben in Zeiten, in denen alle mit Empörung und Skandalisierung reagieren.“ Er aber will es anders machen. „Vorurteilen begegne ich ständig“, sagte er. Etwa dem vom „reichen Juden“. „Ich bin robust, es kratzt nicht an meiner Identität. Das alles aber bietet Anlass zum Gespräch.“ Wie zuletzt in einer Essener Schulklasse. Ein Schüler habe ihn gefragt, warum alle Juden so „finanziell stabil“ seien. „Man kann da direkt Antisemitismus schreien. Oder man kann darüber sprechen. Ich wähle Zweites und erziehe auch meine Kinder so.“ Für ihn sind Halbwissen und Vorurteile eine Begleiterscheinung einer multikulturellen Gesellschaft. „Man muss deshalb nicht immer direkt gekränkt sein, es gibt produktivere Wege, damit umzugehen.“

(…)

Im Jahr 2001 kam Mendel aus Israel nach München.„Da hatte ich das Gefühl, anders zu sein. Auch, weil ich die Sprache nicht konnte.“ Heute lacht er über die erste Erfahrung, die er mit dem Nichtverstehen von Gepflogen- und deutschen Besonderheiten macht. Er fährt vom Flughafen mit der U-Bahn nach München hinein und verpasst die richtige Station zum Aussteigen. So fährt er, ohne dass es jemand merkt, bis ins Depot mit. Die Türen der Bahn lassen sich nicht mehr öffnen, das Licht geht aus. Kurzfristig ist er im Abteil gefangen, bis er dann doch noch aussteigen kann. „Es war mein erstes Mal in einer U-Bahn“, sagt er und lacht.

Schließlich schafft er es bis zu seinem Wohnheim, wo er sich fortan ein Stockwerk, gemeinsame Duschen und eine Küche mit 40 anderen Studierenden teilt. Der erste Deutsche, den er dort kennenlernt, heißt Ahmed und studiert Elektrotechnik an der TU München. Seine Eltern kommen aus dem Iran. So verfliegt das Gefühl der Fremdheit dann doch schnell. Die Männer besuchen kurze Zeit später gemeinsam das Oktoberfest. Mendel findet das bis heute überaus lustig: „Der einzige Deutsche, den ich kannte, mit dem Namen Ahmed, hat mich über die Wiesn geführt.“ 

Es ist nicht nur seine erste Begegnung mit Maßkrügen, sondern auch mit der deutschen Migrationsgesellschaft. Die Studentenschaft in München ist auch sonst sehr international, und Mendel genießt es schon bald, aus dem „Druckkessel Israel“ heraus zu sein, politisch und persönlich. Außerdem ist er durch sein Stipendium finanziell unabhängig, kann essen gehen und neben dem Lernen auch das Leben genießen.

„Ich war euphorisch“, fasst er zusammen. Zunächst studiert er Geschichte, später promoviert er in Frankfurt. Er beginnt, bei dem renommierten und jüngst verstorbenen Pädagogen Micha Brumlik zu arbeiten, und baut sich nach und nach auch in Frankfurt ein Leben auf. Dort wohnt er bis heute. „Dass ich nach Deutschland gekommen bin, war ein Stück weit Eskapismus. Ich wollte mein Leben genießen.“

Politik und eine jüdisch-muslimische Ehe

Doch wer Meron Mendel ein bisschen kennenlernt, dem muss klar sein: Das blieb nicht so. In Frankfurt wird er auch neu politisch, beteiligt sich in jüngerer Zeit unter anderem an Demonstrationen gegen die Regierung Benjamin Netanjahus in Israel auf dem Frankfurter Opernplatz. Schon 2010 wird er Leiter der Bildungsstätte Anne Frank. Dort lernt er auch seine heutige Ehefrau Saba-Nur Cheema kennen, eine deutsche Politologin mit muslimisch-pakistanischem Familienhintergrund. 

Als die beiden sich schließlich dazu entscheiden, zu heiraten, fallen die Reaktionen der Familien zunächst harsch aus. Zwar beschreibt Mendel beide Seiten als tolerant, Cheemas eher religiös, seine unreligiös. „Aber die Toleranz hat eine klare Grenze, und die liegt da, wo der Schwiegersohn oder die Schwiegertochter jeweils entweder muslimisch oder jüdisch ist.“

So machen beide Seiten der Familie keine Freudensprünge, als die Nachricht von der gemeinsamen Zukunft kommt. Cheemas Eltern halten es zuerst für einen Witz. Eine Tante sagt damals zur Mutter: „Versuch, an das Positive zu denken, deine Tochter wird nie finanzielle Schwierigkeiten haben.“ Da ist es wieder, das Vorurteil vom reichen Juden, und Mendel kontert wie gewohnt gelassen: „Sie wusste wohl nicht, was ein Kibbuz ist und dass ich da herkomme.“ Als er seine Familie informiert, ist erst mal Stille in der Leitung, „und das lag nicht an einem Funkloch“.

Foto: adeo
„In jedem Menschen begegnet uns eine Welt“ erscheint am 29. Juni

Bei einem Besuch kurze Zeit später in Israel liegt das Thema wie eine schwere Wolke über dem Treffen. Seine Mutter sagt: „Das werden wir niemals akzeptieren.“ Sein Vater fragt: „Was würden deine Großeltern sagen?“ Die Antwort klingt wieder wie ein Witz und zeigt vor allem die absurde Lage, in der das junge Paar sich befindet: „Einer der beiden hätte sofort einen Herzinfarkt bekommen, weil er Muslime gehasst hat. Der andere aber hatte viele muslimische Freunde. Dafür würde er sich hundertmal im Grab herumdrehen, wenn er wüsste, dass ich eine Deutsche heirate“, sagt Mendel und fügt hinzu: „Unsere Kombination ist wirklich speziell.“

Dennoch, die erste Reaktion der Familien ist schnell überwunden. Ein Jahr später kommen seine Eltern nach Frankfurt, man lernt sich kennen und tatsächlich lieben. Mendels Vater, ein Hobbymaler, bringt ein Bild der Wüste mit, im Hause der Cheemas essen sie gemeinsam traditionelle Gerichte. Heute ist das Verhältnis „warm und herzlich“, spätestens, seit das Paar Kinder hat. 

Den heutigen muslimisch-jüdischen Alltag der Familie in Frankfurt beschreibt Mendel als „viel unspektakulärer, als man sich das vorstellt“. Die Erwachsenen sprechen Deutsch, er spricht mit den Kindern Hebräisch, sie mit den Kindern Urdu. Sie feiern die Feste beider Religionen. „Ob wir Eid al-Fitr oder Chanukka feiern, ist für unseren 4-Jährigen übrigens unerheblich, Hauptsache, es gibt etwas Süßes“, sagt Mendel. Mit den Großeltern mütterlicherseits gehen die Kinder in die Moschee.

Mendel selbst besucht nicht regelmäßig die Synagoge. In der Kita gibt es außerdem einen Weihnachtsbaum. Erst letztens seien sie zu Besuch in Israel gewesen, und der Kleine habe die ganze Zeit Rolf Zuckowskis „Die Weihnachtsbäckerei“ gesungen. „Es wäre für mich traurig, wenn die Kinder sich irgendwann nicht mehr mit den jüdischen Traditionen identifizieren würden. Aber ich empfinde die christlichen und muslimischen nicht als Konkurrenz. Die Kinder werden ihren eigenen Weg finden.“ Mendel ist vor allem wichtig, dass sie ihre Entscheidungen nicht in Unkenntnis treffen. 

Die innerfamiliäre Vielfalt nutzt das Paar Mendel-Cheema dazu, eben dieser Unkenntnis gesellschaftlicherseits zu begegnen. Seit dem Jahr 2021 verfassen sie regelmäßig gemeinsam in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine Kolumne mit dem Titel „Muslimisch-Jüdisches Abendbrot“.

Die Texte sind derweil auch als Buch erschienen. Es geht um den Alltag religiös gemischter Paare. Wie feiert man die Feste? Wie erklärt man die interkulturelle Liebe der Familie? Welche Schule besuchen die Kinder, und welchen Friedhof wählt man für sich aus? Alltagsthemen, die für viele relevant sind. So sind Mendel und Cheema nun auch zum Ratgeber für viele geworden.

„Ich wirke auf manche irgendwie nicht koscher.“

Meron Mendel

Schwule Muslime wenden sich an sie und fragen, wie sie mit ihrer Community umgehen sollen. Israelische Eltern erkundigen sich, wie sie der Tatsache begegnen können, dass ihr Kind sich im Ausland in eine Muslima verliebt hat. Die Fragen kommen per Mail oder auf Veranstaltungen. Cheema und Mendel sind öffentliche Personen, jetzt auch mit ihrer Beziehung. „Das ist uns keine Last“, sagt Mendel deutlich. „Eine Last sollten lieber die spüren, die sich empören.“ 

Und derer gibt es viele, auch in Bezug auf Mendel selbst. Immer wieder erleben er und auch seine Frau, wie sie von Veranstaltungen ausgeladen werden. So lud etwa die Jüdische Gemeinde in Karlsruhe Mendel im Jahr 2024 zunächst als Redner ein, entschied sich nach Protesten dann aber doch dagegen. Mendel sei ein Antisemit und Israelhasser, hieß es aus den Reihen der Gemeinde. Am Ende trat die Vorsitzende zurück, weil sie Mendel nicht ausladen wollte. „Ich wirke auf manche irgendwie nicht koscher“, sagt Mendel. „Aber ich und meine Frau, wir sehen uns nicht als Opfer, es ist einfach ein Zeichen dafür, wie diese Kämpfe in den Communitys geführt werden.“

Und dann kommt ein Satz, der über Mendels ganzem Leben stehen könnte: „Das Gesetz wurde noch nicht verabschiedet, das man mich nicht kritisieren darf. Aber ich äußere mich immer entsprechend meines inneren Kompasses. Dafür bin ich auch bereit, einen Preis zu bezahlen.“ Diese Überzeugung, so macht er klar, leitet er auch aus seinem Jüdischsein ab. Freiheit zu wählen statt Sklaverei, sei für ihn ein jüdischer Grundsatz. Rebellisch zu sein.

Und es gebe keine andere Tradition, die so sehr durch Debatte geprägt ist wie das Judentum. Machloket nennt sich diese Idee auf Hebräisch, die Mendel so beschreibt: „Das Wichtigste ist nicht das Ergebnis eines Streits und wer am Ende recht hat, sondern die Debatte selbst.“ Und was bedeutet Jüdisch zu sein für ihn ganz persönlich? „Das ist, als würde man mich fragen, was es für mich bedeutet, dass ich zwei Hände habe. Es ist einfach ein Teil von mir. Es prägt meinen Blick auf die Geschichte, auf Israel und auf aktuelle Politik. Es ist für mich auch eine starke Motivation, politisch zu sein. Damit einher gehen klare moralische Grundsätze. Mein ganzes Menschsein ist mit dem Gefühl, jüdisch zu sein, verbunden.“

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