Wie Journalisten über bestimmte Themen berichten, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen sie mit Anfeindungen gemacht haben

Wie Journalisten über bestimmte Themen berichten, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen sie mit Anfeindungen gemacht haben

Journalisten-Schelte hat Folgen für Berichterstattung

Auf Journalisten zu schimpfen ist heute dank digitaler Plattformen wie Facebook und Online-Kommentarspalten so leicht wie nie zuvor. Studien zeigen: Journalisten, die so etwas erleben, reagieren in ihrer Berichterstattung darauf – mit gegensätzlichen Strategien.

In Kommentarspalten von Online-Medien oder auf Facebook ist es einfach, sich über Journalisten aufzuregen. Auch verbale Attacken, Beleidigungen bis hin zu sogenannten Shitstorms sind keine Seltenheit. „Das beeinflusst auch die Produktion von Nachrichten“, erklärte die Forscherin Senja Post von der Universität Zürich bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaft und Publizistik. Gemeinsam mit ihrem Mainzer Kollegen Hans Mathias Kepplinger untersuchte sie, wie Journalisten auf solche öffentlichen Anfeindungen reagieren.

In ihrer Studie gehen sie davon aus, dass Journalisten beim Schreiben eines Beitrags schon an die mögliche Reaktion des Publikums denken. Diese vermutete Wirkung ihrer Berichterstattung kann sie also bei ihrer Arbeit beeinflussen – je nach dem, welche Erfahrungen sie vorher mit Anfeindungen gemacht haben. Die Forscher unterscheiden dabei zwei Strategien: Die Journalisten könnten einerseits einlenken und sich selbst zensieren, um keine weiteren negativen Reaktionen abzubekommen; oder sie könnten sich durch Attacken des Publikums eher angestachelt fühlen, dagegenzuhalten oder sogar mit ihrer Berichterstattung zu provozieren.

Selbstkritik ja, aber keine Zensur

Post und Kepplinger haben dazu über 400 Journalisten befragt, die für Printmedien und zum Teil für Online-Medien schreiben. Die meisten Angriffe erlebten die Befragten, wenn sie über die Migrationskrise oder über die AfD berichteten, erklärte Kepplinger. Seine Kollegin und er stellten fest: Wer Angriffe des Publikums emotional negativ wahrnahm, neigte später eher zum Einlenken.

Empfand ein Journalist die Anfeindung eher als positiv – etwa weil er sich dadurch in seinem Mut und seiner Objektivität bestätigt fühlte oder weil die Aufregung für mehr Klicks auf der Webseite sorgte –, beharrte er eher auf seiner Position und wollte eher dagegenhalten. Diese Strategie wählten die Journalisten auch, je schwerwiegender sie die Angriffe gegen sich wahrnahmen – als einen Weg, ihren Ruf und ihr Ansehen zu retten und zu rechtfertigen.

Zensieren sich Journalisten selbst, wenn sie aufgrund von Kritik und Anfeindung einlenken? Nein, sagen Post und Kepplinger. Denn am stärksten lehnten die Befragten die Aussage ab „Ich verwende vorsichtigere Formulierungen“. Hingegen gab es die meiste Zustimmung dazu, selbstkritischer zu werden. Die Wissenschaftler machten aber auch deutlich: Es gibt Journalisten, die als Reaktion auf Anfeindungen provozieren wollen. „Das dürfte Konflikte anheizen und zur vieldiskutierten Polarisierung der Gesellschaft beitragen.“

Von: Jonathan Steinert

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