Beginnt am 10. Februar, erregt aber bereits jetzt die Gemüter: „Big Brother“

Beginnt am 10. Februar, erregt aber bereits jetzt die Gemüter: „Big Brother“

75 Jahre nach Auschwitz: Sat.1 hat nichts verstanden

Am 10. Februar startet die Jubiläumsstaffel von „Big Brother“. Zuschauer können beim TV-Event aktiv über die Teilnehmer abstimmen und die Kandidaten bewerten. In der zugehörigen Videokampagne zeigt Sat.1 auf eindrucksvolle Weise, nichts aus der deutschen Geschichte gelernt zu haben. Ein Kommentar von Martin Schlorke

Nach fünf Jahren Abstinenz und 20 Jahre nach der ersten Staffel strahlt der Sender Sat.1 eine neue Staffel „Big Brother“ aus. Im Unterschied zu den letzten Jahren werden keine Prominenten unter den Teilnehmern sein. Ab dem 10. Februar leben wieder fremde Menschen gemeinsam in einem Haus zusammen und werden rund um die Uhr von Kameras gefilmt. An und für sich bedarf das keiner besonderen Betrachtung. Das Format erfreut sich seit jeher einer gewissen Beliebtheit, auch wenn der intellektuelle Wert eher fraglich ist – aber geschenkt. Schließlich kann jeder einfach abends vorm Fernseher zum nächsten Programm schalten.

Die Art und Weise, wie Sat.1 die neue Staffel bewirbt, ist jedoch an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten. Im Werbevideo des Senders heißt es: „Jeder Mensch hat einen Wert – Wie viel ein Mensch wert ist, bestimmst du.“ An anderer Stelle heißt es: „Was macht Menschen wertvoll – Auftreten, Erfolg, Aussehen oder ganz was anderes? Du entscheidest!“ Ja, Sie haben richtig gelesen. Was für eine absurde Vorstellung. Sat.1 verletzt die Würde des Menschen, indem suggeriert wird, dass Menschen unterschiedlich wertvoll sind und dass andere diesen Wert bestimmen können.

Diese Annahme ist ebenso widersinnig wie der damit einhergehende Gedanke, dass Dinge außerhalb der eigenen Person zu einem gesteigerten Wert führen könnten. Das steht nicht nur im Widerspruch zur Bibel und zum christlichen Glauben, sondern widerspricht auch dem „heiligsten“ nichtreligiösen Text der Menschen: der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dort heißt es im ersten Artikel: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Auch das Grundgesetz betont: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Oder wie es Samuel Koch kürzlich formulierte: „Ich bin wertvoll – einfach, weil ich bin.“

Als wäre es nicht schon pietätlos genug, den individuellen Wert eines Menschen mit der Stimmabgabe der Zuschauer bemessen zu wollen, hat Sat.1 dazu noch eine „besondere“ Abstimmungsform ausgewählt: gelbe Sterne.

Ein Schlag ins Gesicht der Holocaust-Überlebenden

Gerade noch hat die Weltgemeinschaft an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren und an die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus erinnert, da trampelt Sat.1 wie ein Elefant im Porzellanladen durch die deutsche Erinnerungskultur. Menschen mit gelben Sternen bewerten – das haben zuletzt die Nazis in Form von Judensternen gemacht.

Ja, Sat.1 verwendet keine Davidssterne, und ja, auf großen Verkaufsportalen im Internet werden Produkte auch mit gelben Sternen bewertet. Allerdings handelt es sich dabei um Zahnbürsten, Hosen oder Elektrogeräte, nicht um Menschen. Wie müssen sich Juden in Deutschland, noch dazu Überlebende des Holocausts, fühlen, wenn sie solche Bilder auf Plakaten und im Fernsehen sehen? Mit der Bewertung eines Menschen als „unwert“ gaben sich die Nazis selbst das Recht, deren Leben auszulöschen, das traf Juden, Menschen mit Behinderung und viele mehr.

Das „Nie wieder“ von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gilt auch fürs Unterhaltungsfernsehen.

„Folge dem Führer“

Während des 30-Sekunden-Clips läuft im Hintergrund die Liedzeile des gleichnamigen Liedes „Follow the Leader“ (deutsch: Folge dem Führer) – in Dauerschleife. Schlimmer wäre an dieser Stelle wohl nur das „Horst-Wessel-Lied“ gewesen, das im Nationalsozialismus erst das Kampflied der SA war und später zur Hymne der NSDAP avancierte. Eigentlich geht es im Lied „Follow the Leader“ der Band „Cosby“ darum, keine Marionetten der Gesellschaft zu sein und selbstbestimmt zu leben. Sat.1 reißt diesen Satz des Liedes jedoch völlig aus seinem Kontext. Im Zusammenhang mit dem Wert eines Menschen und den gelben Sternen fällt es schwer, keinen Antisemitismus zu erkennen.

Gegenüber t-online versucht sich Sat.1 zu rechtfertigen. Die Vorwürfe seien „absurd“. Jegliches antisemitische Gedankengut habe beim Sender keinen Platz. Eine Bewertung von Menschen finde tagtäglich statt – offline und online auf den sozialen Netzwerken.

Das ist weder eine Entschuldigung, noch eine nachvollziehbare Erklärung für die Aussagen das Werbevideos. Ob ein Mensch wertvoll ist oder nicht, hängt nicht von der Bewertung andere ab – auch wenn das Sat.1 behauptet. Ein Mensch ist wertvoll, weil er Mensch ist, ein Ebenbild Gottes, mit unveräußerlicher Würde. Die Christliche Medieninitiative pro hat daher beim Werberat und bei der Landesmedienanstalt Beschwerde eingereicht.

Von: Martin Schlorke

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