Tariq (rechts) versucht Jan ins Gewissen zu reden, sich nicht von den Salafisten einspannen zu lassen

Tariq (rechts) versucht Jan ins Gewissen zu reden, sich nicht von den Salafisten einspannen zu lassen

Auf der Seite der neuen Brüder

Die eigene Orientierungslosigkeit treibt einen jungen Mann in die Hände des Islamischen Staats (IS). Warum er das tut und was er dort erlebt, beleuchtet der Film „Brüder“, den die ARD am 22. November um 20:15 Uhr zeigt. Eine Rezension von Johannes Weil

Der Physikstudent Jan, gespielt von Edin Hasanovic, genießt das Leben in vollen Zügen: Frauen, Alkohol, Drogen und Zocken. Doch trotzdem herrscht bei ihm eine gewisse Orientierungslosigkeit. Die Familie ist zerrüttet. Da hilft es auch nichts, dass er gerade Geld seines verstorbenen Großvaters geerbt hat.

Mitten in dieses Spannungsfeld hinein wird er vor einem Flüchtlingsheim von einem Moslem angesprochen, der sich als Helfer von Kriegsopfern in Syrien ausgibt. Das Ganze bringt ihn zum Nachdenken. Er stellt sich Fragen, warum er sich in seinem Umfeld so fremd fühlt, wer er ist und wo er hingehört.

Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein

Er findet im Islam Heimat und Orientierung, schließt sich einer salafistischen Gruppe an. Seine neuen Freunde räumen Zweifel und Radikalisierungs-Bedenken aus dem Weg. Sein Freund Tariq (Erof Afsin) kann nicht verstehen, dass Jan sich ausgerechnet den Salafisten anschließt. Aber Jan will von Tariqs Vorbehalten nichts hören, er ist ganz und gar auf der Seite seiner neuen Brüder.

Jan hat das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Er konvertiert zum Islam. In Straßeneinsätzen wirbt er für den Islam, erlebt dabei auch Widerstände. Es kommt zu körperlichen Auseinandersetzungen, weil die Passanten den Hass im Herzen und den Zorn der Salafisten nicht nachvollziehen können. Er zieht selbst in den Dschihad, weil er kein „Diener des Drecksystems“ sein möchte.

Was er dort erlebt, ist an Grausamkeit nicht zu überbieten. Jan schwört seinen Anführern absoluten Gehorsam, den islamischen Staat aufzubauen und zu verteidigen. Er durchläuft eine gnadenlose Ausbildung und wird dafür mit einer muslimischen Jungfrau belohnt. Er muss mit ansehen, wie jungen Frauen die Kehlen aufgeschlitzt werden und wie er und seine Mitstreiter (nicht) mit dem Gesehenen umgehen können.

Nicht immer die richtige Entscheidung getroffen

Vor allem dieser Teil des Films ist nichts für Zartbesaitete. Die IS-Kämpfer richten erbarmungslos hin oder schauen dabei zu. Nach einer gewissen Zeit kommt Jan zurück nach Deutschland. Sein Umfeld hofft, dass er geläutert ist, doch wirkliche Reue sieht anders aus. Während Tariq mit Hilfe der Polizei immer noch um seinen Freund kämpft, hat dieser schon ganz andere Pläne.

Der zweiteilige Film bietet nicht nur 180 Minuten spannende Unterhaltung, sondern könnte ein Musterbeispiel dafür sein, wie desorientiere junge Menschen Aufnahme bei radikalen Kräften finden. Am Ende haben viele Beteiligte Blut an ihren Händen und nicht immer die richtige Entscheidung getroffen.

Von: Johannes Weil

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