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Legionäre Christi: Wenn der Hass aufhört

Die verblüffende Dokumentation „The Best Thing You Can Do with Your Life“ erzählt sehr persönlich vom Leben bei den Legionären Christi. Regisseurin Zita Erffa glaubte, ihren Bruder für immer an die konservative Ordensgemeinschaft verloren zu haben. Eine Filmkritik von Michael Müller
Von PRO
Unterricht bei den Legionären Christi in der amerikanischen Kleinstadt Cheshire

Foto: HFF

Unterricht bei den Legionären Christi in der amerikanischen Kleinstadt Cheshire

Nur einmal im Jahr darf die Familie László besuchen. Ihre persönlichen Briefe werden von seinen Vorgesetzten gelesen. Die Regisseurin Zita Erffa zeigt auf ein Gruppenfoto der Legionäre Christi, auf dem auch ihr Bruder zu sehen ist. Mit dem Mauszeiger fährt sie über die einzelnen Gesichter um ihn herum und sagt: „Ihn hasse ich, und ihn hasse ich auch.“ Erffa fordert den Zuschauer in der Dokumentation „The Best Thing You Can Do with Your Life“ auf, den Gründer der konservativen katholischen Ordensgemeinschaft, Marcial Maciel, zu googeln. Der habe Geld veruntreut und sei in sexuellen Missbrauch verwickelt gewesen. Wer jetzt aber einen Film sucht, der die Legionäre Christi als unterdrückende und ausbeutende Institution schildert, ist hier falsch.

Warum die sehr persönliche und intime Dokumentation „The Best Thing You Can Do With Your Life“, die ihre Weltpremiere auf der Berlinale feierte, so für sich einnimmt, liegt auch an einem frühen Geständnis der Regisseurin: Sie mag es eigentlich nicht, wenn Menschen etwa ihre Großmütter dafür ausschlachten, um Filme zu drehen. Das eigene Leben als Material zu betrachten, ist Erffa zuwider. Aber irgendwie musste sie diesen Film über ihren Bruder machen, der vor acht Jahren zu den Legionären Christi gegangen ist. Ganz ehrlich sagt sie an einer Stelle, dass es ihr beim Filmprojekt vor allem um sie selbst geht, weil sie damals so enttäuscht von seiner Entscheidung war, nach Connecticut in die amerikanische Kleinstadt Cheshire zu ziehen. Vielleicht mache sie diese persönliche Geschichte auch, weil sie ein Thema für ihr Filmstudium in München suche. Wer aber die Dokumentation schaut, merkt, dass das weder eine Abrechnung mit den Legionären Christi noch mit ihrem Bruder ist.

Im Ferienlager bei den Legionären

Zum einen setzt sich die Regisseurin selbst mit der eigenen Familiengeschichte auseinander. Alte Homevideo-Aufnahmen und unzählige Familien-Fotoalben hat sie für die Dokumentation zusammengestellt. Sie erzählt von ihren Eltern, die ständig die Wohnorte wechselten (Namibia, Pakistan, Indonesien, Deutschland), so dass die Kinder überall und nirgends auf der Welt zuhause waren. Sie erzählt von den Ferienlagern der Legionäre Christi, die den Geschwistern immer sehr viel Spaß gebracht haben. Gleichzeitig schworen sie sich, niemals selbst dorthin gehen zu wollen. Die 31-jährige Regisseurin, die in Bangkok geboren wurde und in Jakarta Abitur machte, hatte sich wenigstens gewünscht, dass ihr Bruder zu den liberaleren Jesuiten gegangen wäre.

Dokumentationen sind nie objektiv. Jeder Protagonist, jede Szene, jeder Schnitt und jeder Ton ist eine Wertung des Regisseurs. Erffa gaukelt keine Neutralität vor: Sie will eigentlich zeigen, dass dieses Leben nicht gut für ihren Bruder ist. Das seien Menschen, bei denen Frauen nicht die gleichen Rechte eingeräumt bekämen, bei denen Minderheiten wie Homosexuelle diskriminiert würden, bei denen man keine Geheimnisse haben dürfe. Aber je länger die Dokumentation läuft, umso mehr knüpft Erffa an ihre eigenen christlichen Wurzeln aus ihrer Kindheit an. Als sie László erzählt, er habe bei Nachbarn als kleiner Bub einen eigenen Gottesdienst abgehalten, kontert er scherzend: „Und du warst damals Päpstin – du wolltest immer ein höheres Amt haben als ich.“

Lust am Entdecken

Geradezu liebevoll zeigt sie das Alltagsleben der Legionäre: Wie sie Wäsche zusammenlegen, über Filmabende an Feiertagen reden, jeder seine persönliche Serviette im Schrank liegen hat, die Jüngeren gegen die Älteren das alljährliche Fußballspiel feiern, sich dabei christliche Fangesänge ausdenken und zusammen in der Küche albern. Es ist keiner dieser viel zu häufig vorkommenden Filme, die eine Arbeitshypothese beschließen, für die sie sich dann die passenden Stimmen und Szenen zusammensuchen, bis es hinhaut. Hier geht eine Filmemacherin mit offenen Augen auf Spurensuche.

Erffa stellt im Laufe der Dreharbeiten fest, dass es László, den für sie schon verdrängten und totgeglaubten Bruder, bei den Legionären gut geht. Mehr noch: Dass er im Beten und im Dienst für Gott seine Bestimmung gefunden hat, die ihn völlig ausfüllt. Da spricht ein sehr reflektierter junger Mann vor der Kamera, der sich seinen kindlichen Charme, vor allem im Umgang mit seiner älteren Schwester, bewahrt hat. Er hat aber auch eine Gemeinschaft gefunden, die ihn trägt. Ein Film wie „The Best Thing You Can Do in Your Life“ ist so wertvoll, weil er sich trotz einer kritischen Grundhaltung als Dokumentation die Lust am Entdecken bewahrt hat.

Von: Michael Müller

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