Die „Altar Boyz“ wollen auf dem letzten Konzert ihrer „Sensation Christ-Tour" die Seelen der Zuschauer retten – natürlich nur im Musical

Die „Altar Boyz“ wollen auf dem letzten Konzert ihrer „Sensation Christ-Tour" die Seelen der Zuschauer retten – natürlich nur im Musical

Und Gott schuf die Boygroup

Ein Musical in Berlin nimmt derzeit nicht nur Boygroups, sondern auch die christliche Musikszene auf die Schippe. „Altar Boyz" erzählt die Geschichte von fünf jungen Katholiken, die mit starken Stimmen und noch stärkerem Hüftschwung ihre Fans bekehren wollen. pro hat sich das Stück angesehen. Eine Rezension von Anna Lutz

Sie sind jung, können singen, sehen gut aus – und wollen die ganze Welt zum christlichen Glauben bekehren. Das sind die „Altar Boyz“. Eine Boygroup, die mit christlichen Liedtexten, eingängigen Melodien, jeder Menge Anglizismen und eindrücklichem Hüftschwung nicht nur die Herzen der Frauen gewinnt, sondern selbige auch für Jesus Christus zugänglich machen will. Ihre „Sensation-Christ-Tour“ läuft erfolgreich, ihre Konzerte sind ausverkauft, ihre Gebete, die sie auch auf der Bühne sprechen, zeigen offenbar Wirkung. Mark, Juan, Matthew, Luke und Abraham predigen Enthaltsamkeit, Kirchentreue und blindes Vertrauen in Gott – und das Publikum ist begeistert.

Vielleicht ist das Erstaunlichste am Musical „Altar Boyz", in dem sich oben Genanntes abspielt und das derzeit in der „Bar jeder Vernunft“ in Berlin läuft, dass es tatsächlich wahr sein könnte. Die große Zeit der Boygroups – die 90er Jahre – ist zwar vorbei. Doch hübsche Gesichter kombiniert mit eingängiger Musik verfehlen wohl in keinem Jahrzehnt des medialen Zeitalters ihr Ziel. Und dass die christliche Musikszene in den USA – aber durchaus auch in Deutschland – Stars und Sternchen hervorbringen kann, zeigen nicht nur amerikanische Bands wie Kutless, Switchfoot oder Casting Crowns, sondern auch deutsche Musikcombos und -interpreten wie die Outbreakband, Samuel Harfst oder Tobias Hundt. Sogar ausgewiesene Lobpreis-Gruppen wie Hillsong United oder Jesus Culture füllen weltweit Konzerthallen, laden die Zuhörer zum gemeinsamen Gebet ein und predigen den christlichen Glauben.

Bunt pulsierende Kreuze und knallenge Lackjeans

Boygroups und christliche Musik, oder gar die Kombination aus beidem, kann man mögen oder nicht. So oder so ist es wohl kaum verwunderlich, dass sich ein Musical diesen Phänomenen widmet und sie dabei auch ordentlich auf die Schippe nimmt. Das Bühnenstück „Altar Boyz" hat eine amerikanische Vorlage und liegt nun erstmals in deutscher Adaption vor. Dass die christliche Musikszene hierzulande bei weitem nicht so groß ist wie in Amerika, tut dem Erfolg des Stücks keinen Abbruch. Am Donnerstag, dem dritten Aufführungstag, kommen die Zuschauer zum Teil sogar thematisch passend herausgeputzt in die Bar. Ein Mann am Nebentisch trägt ein T-Shirt mit einem elektronisch pulsierenden bunten Kreuz in Brusthöhe – offenbar mit An- und Aussschalter, denn während der Vorführung bleibt es dunkel.

Auf der Bühne tanzen sich derzweil die fünf jungen Musiker, von denen vier nach Evangelisten benannt sind und einer nach dem biblischen Stammvater Abraham, durch ihre mehr oder weniger frommen Lieder: „Wir sind die Altar Boyz, wir jagen Satan in die Flucht", heißt es da, während Beine in engen Lackhosen zappeln und nackte Arme in die Luft gereckt werden. „Mach dich bereit, Alter, du wirst heut' befreit", lautet ein anderer Liedtext, oder „Komm, sprich ein Gebet für Jesus!" „Ich bin katholisch, man o man, lang lebe der Vatikan", klingt es durch den Raum. Zwischen den Songs, die das Publikum klatschend und gröhlend begleitet, erzählen die „Altar Boyz“ von ihrem bisherigen Tournee-Erfolg: 220.000 gerettete Seelen. Bei der Zählung hilft der Soulsensor DX – 12 („von Sony!"). Er kommt auch an diesem Abend zum Einsatz und die Zuschauer dürfen beobachten, wie die Zahl der unter ihnen durch Sündeneingeständnis Geretteten von Lied zu Lied steigt und die Zahl der Verlorenen sinkt.

„Möget ihr eure Lenden in Kunstleder gürten“

Auch die Geschichte der Band erfahren die Zuschauer. Vier von ihnen trafen sich in einer katholischen Kirche. Abraham stieß zufällig dazu und ist nicht umsonst nach einer Person des Alten Testaments benannt. Denn er ist Jude. Nach anfänglichen Fragen, ob man ihn denn in eine christliche Band aufnehmen könne, sind die Zweifel schnell ausgeräumt, als er sich erstens als grandioser Texter herausstellt und sich zweitens Gott selbst zu Wort meldet: „Möget ihr eure Lenden in Kunstleder gürten", sagt er mit tiefer Stimme aus dem Off zu den Fünfen. Eine Berufung der besonderen Art.

Jesus folgt ihnen auf Instagram – das singen Mark (Martin Mulders), Juan (Daniel Tejeda), Abraham (Tom Schimon), Luke (Christopher Bolam) und Matthew (Tobias Bieri): die Altar Boyz

Jesus folgt ihnen auf Instagram – das singen Mark (Martin Mulders), Juan (Daniel Tejeda), Abraham (Tom Schimon), Luke (Christopher Bolam) und Matthew (Tobias Bieri): die Altar Boyz

„Altar Boyz" ist eine Persiflage auf Boygroups und die christliche Musikszene. Da bleiben althergebrachte Klischees nicht aus: Einer der fünf ist augenscheinlich schwul, ein anderer hat ein Alkoholproblem, der Frontmann feiert sich vor allem selbst, auch wenn er von Gott singt. Dabei wird die Comedy aber nie zur groben Kritik am christlichen Glauben. Das Stück will eine Würdigung des Phänomens Boygroup sein – und so fühlt der Zuschauer trotz allen Kitsches und aller Übertreibung mit den Protagonisten, wenn sie sich am Ende ihren eigenen Schwächen stellen müssen – und darf sogar im Takt zum Happy End klatschen.

Ganz nebenbei und ohne zu beleidigen spricht das Stück von Regisseur Michael Heller tatsächliche Probleme der christlichen Szene an: Was etwa geschieht, wenn Gott nicht mehr alle Gebete erhört und sich Christen existenziellen Lebensfragen stellen müssen? Singen sie dann weiter begeistert von ihrem Gott? Was, wenn sie ihre eigenen Sünden plötzlich schmerzlich erkennen? Die Frage betrifft Musiker, aber auch in der Öffentlichkeit stehende Pastoren. Wie predigt man Gott im Angesicht des eigenen Leids und der eigenen Unzulänglichkeit glaubhaft? Solcherlei Fragen stellt das Musical in der „Bar jeder Vernunft“ federleicht. Nach der Vorstellung klingen dann weniger die angesprochenen Probleme und eher die eingängigen Melodien der „Altar Boyz" in den Ohren der Gäste nach. So soll es nach dem Auftritt einer Boygroup auch sein.

„Altar Boyz – Am achten Tag schuf Gott die Boygroup“ läuft bis Sonntag, 20. Januar, in der Bar jeder Vernunft und dann wieder vom 21. bis 24. März.

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