„Messiah“ läuft seit dem 1. Januar 2020 auf Netflix

„Messiah“ läuft seit dem 1. Januar 2020 auf Netflix

„Messiah“: Von Nutzern geliebt, von Kritikern gehasst

In der Netflix-Serie „Messiah“ geht es um einen wunderwirkenden Revoluzzer, der die Weltordnung bedroht. Ist das wirklich Jesus? Eine Rezension von Nicolai Franz

In Damaskus taucht plötzlich ein langhaariger Mann im gelben Hemd auf. Er predigt, die Menschen sollten sich nicht ängstigen, Gott habe alles in der Hand. Die Massen bleiben ungläubig. Bis ein Sturm die syrische Stadt einen ganzen Monat lang in Sand und Staub einhüllt und den Terroristen damit den Nachschub abschneidet. Die Terrorgruppe Islamischer Staat zieht sich zurück, Damaskus ist frei. Für die Menschen in der syrischen Hauptstadt ist das der Beweis: Der Prediger ist „Al-Masih“, der Messias!

Wirklich? Tatsächlich bleibt in „Messiah“ unklar, wer „Al-Masih“ eigentlich ist. Er zieht mit hunderten Jüngern durch die Wüste an die israelische Grenze. Er taucht mal in Tel Aviv, mal in Amman und dann in Texas auf. Er rettet eine pubertierende Jugendliche vor einem Tornado, läuft vor dem Lincoln Memorial über das Wasser, zieht mehrfach eine Gefolgschaft ahnungsloser Jünger hinter sich her. Und vor allem weiß er verblüffend viel, selbst intimste Geheimnisse von Mossad- und CIA-Agenten scheint er wie selbstverständlich zu kennen.

Die haben es nämlich auf ihn abgesehen. Sie fürchten, dass er Unruhe und Chaos stiften will. Deswegen jagen sie ihn um die halbe Welt. „Al-Masih“, der „Messias“ – eine Gefahr für die öffentliche Ordnung?

Platt, aber unterhaltsam

Beachtlich ist, wie „Messiah“ es dabei schafft, Gegensätze zu vereinen, sowohl geografische, als auch kulturelle und religiöse. Denn „Al-Masih“ ist nicht eindeutig der Jesus Christus, der auf die Erde zurückkehrt, er ist auch nicht der Isa des Koran, sondern eine Mischung daraus – plus allem Möglichen, was Menschen sich über eine endzeitliche Retterfigur ausdenken können.

Trotz dieses ungewöhnlichen Ansatzes hat „Messiah“ vor allem im Storytelling große Schwächen. Gleichzeitig hat die Serie auf anderen Ebenen viel zu bieten: Schauspieler, Drehbuch-Idee, Kameraführung, Spezialeffekte. Das führt beim Publikum zu einer interessanten Polarisierung zwischen professionellen Kritikern und Konsumenten. Nirgends wird das so deutlich wie auf dem Filmbewertungsportal „Rotten Tomatoes“. Dort gibt es neben einem zusammengefassten Kritiker-Ranking auch eine gesonderte Bewertung durch Nutzer. In den meisten Fällen liegen die beiden Werte nicht sonderlich weit auseinander. Ganz anders bei „Messiah“: Während die Serie bei den Kritikern nur zu 41 Prozent gefiel, kam sie bei den Konsumenten auf satte 89 Prozent.

Doch offenbar ist das, was die Profis an „Messiah“ kritisieren, gerade das, was die Massen – zumindest in den USA – gerade so schätzen: Die Handlung, die dermaßen platt erzählt wird, dass es bisweilen weh tut. Viel zu häufig meint man schon am Beginn einer Szene ihren Ausgang zu kennen. Und liegt damit richtig. Trotz einer äußerst ungewöhnlichen Story bietet „Messiah“ wenig wirklich Überraschendes, wie beispielsweise Al-Masih einen verletzten Hund nicht etwa heilt, sondern mit einem Gewehr von seinen Leiden erlöst. Doch solche Szenen bleiben die große Ausnahme. Stattdessen gerät die Geschichte größtenteils zu einer Sammlung von Klischees und verliert sich in allzu vielen Nebenschauplätzen, die die Handlung nicht voranbringen. Raum für Subtilität fehlt vollkommen.

Wer das gut ertragen kann und Interesse an ungewöhnlichen Erzählstoffen hat, wird mit „Messiah“ durchaus gut unterhalten. Tiefe geistliche Erkenntnisse sollte allerdings niemand erwarten. Im „faith based“, also religiös offenen, amerikanischen Publikum kommt die Serie trotzdem an. Fraglich ist, ob dies auch für das hiesige Streaming-Volk gilt.

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