Petrunija ist 32 Jahre alt und in den Augen ihres Umfeldes gescheitert. Im Kampf um Glück fordert sie die Männerwelt und die Kirche heraus.

Petrunija ist 32 Jahre alt und in den Augen ihres Umfeldes gescheitert. Im Kampf um Glück fordert sie die Männerwelt und die Kirche heraus.

Das Kreuz mit der Frau

Anhand einer bizarr-komischen Geschichte thematisiert die Berlinale mit dem Film „God exists, her name is Petrunija" den Kampf um mehr Frauenrechte in der Kirche. Schön, dass das Filmfestival sich dem Thema widmet – doch so richtig überzeugen kann der Wettbewerbsbeitrag am Ende nicht. Eine Rezension von Anna Lutz

Petrunija (Zorica Nusheva) ist 32 Jahre alt, laut ihrem Umfeld zu dick und zu hässlich, arbeitslose Historikerin und ohne Partner, geschweige denn Kinder. Allein das ist ein Affront für ihre traditionelle mazedonisch-orthodoxe Mutter, mit der sie sich immer wieder handgreifliche Auseinandersetzungen liefert. Und dann geschieht da noch die Sache mit dem Kreuz.

Einmal im Jahr springen junge Männer aus der Region in den Fluss, um einem Holzkreuz hinterherzuschwimmen, das der Priester zuvor geweiht und von einer Brücke hinab in das eiskalte Wasser geworfen hat. Wer das Kreuz als erstes ergreift und an Land bringt, dem soll es das ganze Jahr lang Glück bringen. Als Petrunija die Zeremonie zufällig beobachtet, entscheidet sie sich, mitzumischen. Sie springt ins Wasser und kommt allen Männern zuvor, indem sie das Kreuz findet.

Männerhass und Frauenglück

Die Männer versuchen, es ihr zu entreißen, doch Petrunija flüchtet sich mit dem Kreuz in ihr Elternhaus, während sie draußen von dem wütenden Mob gesucht wird. Auch die Lokalpresse hat den Skandal beobachtet und bemüht sich um Stellungnahmen und Bilder der Protagonisten. Denn Frauen, das steht für die Orthodoxen der Region fest, haben kein Recht, an dem Kreuz-Ritual teilzunehmen. Anders gesagt: Das Glück, das das Kreuz bringen soll, gebührt nur den Männern.

Petrunija hat sich gegen die männlichen Schwimmer durchgesetzt – doch die gönnen ihr das Kreuz nicht

Petrunija hat sich gegen die männlichen Schwimmer durchgesetzt – doch die gönnen ihr das Kreuz nicht

Nicht lange, und das Fernsehen berichtet über Petrunijas Aktion, die Polizei sucht nach ihr und ihre Mutter droht damit, sie zu verstoßen, wenn sie das Kreuz nicht zurückgibt. Als die Polizei sie schließlich zu Hause findet, ist auch sie ratlos: Was sollen die Beamten nun tun mit dieser Frau, die keine Straftat begangen hat, aber von nahezu jedermann (und -frau) gehasst wird, weil sie das Recht auf Glück auch für sich reklamiert?

Teona Strugar Mitevskas Film, der am Sonntag auf der Berlinale Weltpremiere feierte, ist ein Schrei nach mehr Frauenrechten in der Kirche. Die Regisseurin prangert deutlich an, dass das orthodoxe Christentum Männern in vielen Fragen den Vorrang gibt – ein Vorwurf, den mindestens auch Katholiken und manche Freikirchler auf sich beziehen könnten. Nebenbei stellen die Macher die Frage danach, woher die Regeln der Kirchen eigentlich kommen: Aus der Tradition oder tatsächlich von Gott? Und welchem von beiden geben Christen den Vorrang?

Mit Gewalt und Lüge Gottes Willen tun

Das wird deutlich, wenn der orthodoxe Priester sogar bereit zur Lüge ist, um Petrunija anklagen zu können. Nach einer Unterredung mit dem Polizeichef gibt er an, die Frau habe ihm das Kreuz gestohlen. Denn dafür, dass sie mit den Traditionen der Kirche gebrochen hat, soll sie bestraft werden. Es wird auch klar, als der wütende Mob, der zuvor noch bereitwillig am christlichen Schauspiel teilgenommen hat und an das glückbringende Kreuz glaubt, Petrunija angreift und zu verletzen versucht. Die Zehn Gebote und die Nächstenliebe, so wird klar, zählen für die Gläubigen in der mazedonischen Provinz weniger als die korrekte Durchführung eines von der Kirche frei erfundenen Rituals. Die immer wieder im Film auftauchenden asexuell anmutenden Schaufensterpuppen klagen zudem Geschlechterstereotype an, unter denen auch Petrunija leidet.

Priester auf Abwegen? In der Polizeistation unterhalten sich Beschuldigte und Geistlicher

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„God exists, her name is Petrunija" ist ein netter Versuch, die Geschichte vom Kampf um mehr Frauenrechte in der Kirche neu zu erzählen. Dabei erscheint Petrunija als die einzige Person im ganzen Film, die nicht selbst nach klassischen Stereotypen gestrickt ist: Da ist der fromme, aber auch scheinheilige Priester. Die gewalttätige Frauen verachtende Männerhorde. Die strengreligiöse Mutter und der schwache, meinungsarme Vater. Die überarbeitete und geschiedene Reporterin, die sich mit ihrem Ex-Mann darum streitet, wer die Kinder abzuholen hat. Das alles ist eine Zeitlang interessant und aufgrund der Überzeichnung durchaus humorig – langweilt aber auch schnell. Spätestens nach der ersten Stunde verliert der Film leider gehörig an Fahrt, die Botschaft scheint übermittelt und die Geschichte von Petrunija auserzählt. Die Fragen aber, die der Film stellt, sind aktuell und müssen weiter diskutiert werden. Gerne nicht nur von Berlinale-Besuchern, sondern auch von den Kirchen selbst. „Petrunija“ ist damit der zweite Film des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs, der ausdrücklich Kirchenkritik übt. Preisverdächtig ist bisher eher keine der beiden Produktionen.

Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija, Teona Strugar Mitevska, 2019, 100 Minuten

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