Der iranische Musiker Shahin Najafi in seiner Wahlheimat Köln

Der iranische Musiker Shahin Najafi in seiner Wahlheimat Köln

„Warum können wir mit Mohammed keinen Spaß machen?“

Der Iraner Shahin Najafi wird aufgrund seiner System- und Islamkritik politisch verfolgt. In der sehenswerten Dokumentation „Wenn Gott schläft“ zeigt der WDR den inneren Kampf des Protagonisten zwischen Mut und Angst. Eine Rezension von Martina Blatt

In seinem Geburtsland wird der iranische Musiker und Dichter Shahin Najafi mit dem Tod bedroht – deswegen muss er von dort fliehen. Auslöser dafür ist ein Lied über einen vor 1.000 Jahren verstorbenen Imam. In dem Song „Naghi“ prangert er etwa soziale und ökonomische Lebensverhältnisse in der Islamischen Republik an. In der Dokumentation „Wenn Gott schläft – Eine Liebesgeschichte in Zeiten der Angst“ über den Künstleralltag Najafis, die der WDR am Mittwoch ausstrahlt, schwelt diese Bedrohungslage stets mit. Und der Film zeigt eindringlich, welche Bereiche seines Lebens davon beeinflusst sind – auch wenn der Sänger damit verbundene Angst nicht zulassen will. Islamische Geistliche sprachen mehrere Fatwas gegen ihn aus, die mit einem Aufruf zum Mord gleichzusetzen sind. Damit lebt er nicht nur im Iran, sondern weltweit in Gefahr.

„Ich sage immer: Ich habe keine Probleme mit dem Islam. Der Islam hat mit uns Probleme“, sagt Najafi in dem Film von Till Schauder. Der Musiker bezeichnet sich heute als Agnostiker. Früher war er gläubiger Muslim, rezitierte Koranverse. Er dachte sogar daran, islamischer Geistlicher zu werden. Doch seine Zeit beim Militär in seiner Heimat veränderte ihn, er erklärt, er sah das „richtige Leben“. Und das sei brutal, etwa wie gegen Demonstranten vorgegangen werde. So verlor er seinen Glauben, schildert er in der Dokumentation. Er begann, in Texten das System im Iran und Religion zu kritisieren. Najafi musste fliehen, kam 2005 in die Türkei und schließlich nach Deutschland, wo er auch heute noch undercover lebt.

Religion soll Macht verlieren

Während einer Autofahrt mit Bandkollegen schildert Najafi seine Sichtweise, wie unterschiedlich mit religiösen Figuren in der Kunst umgegangen wird: „Es ist Quatsch, wenn wir sagen, wir müssen Respekt haben vor dem Islam. Warum können wir mit […] Jesus Spaß machen, aber nicht mit Mohammed? Es muss zwischen Regierung und Religion getrennt werden.“ Die Religion solle zudem „machtlos werden“. Einer Religion ordnet sich Najafi nicht zu.

Auch in Europa sind Auftritte von Najafi immer wieder mit Sicherheitsvorkehrungen und Polizeischutz verbunden. Das Publikum erlebt in der Dokumentation mit, wie sich vor einem Konzert in Köln die Lage zuspitzt, weil es eine erneute Drohung gab. Bandkollegen springen ab, Najafis Freunde und seine Freundin raten ihm, das Konzert abzusagen. Er bringe damit auch andere Menschen in Gefahr. Doch in seinem Kopf hat sich festgesetzt, dass er dieses Konzert spielen muss. „Wir sind im Kampf und du hast nur zwei Möglichkeiten: Entweder du akzeptierst, dass Kämpfen nötig ist, oder es ist nicht nötig.“ Ob dies Kampfgeist, Leichtsinn und gar Egoismus ist, darf der Zuschauer selbst entscheiden. Seine Angehörigen wollen wissen, ob er jemandem etwas beweisen will. „Du musst zeigen, dass dir alles egal ist, und dein Gefühl verstecken, weil dieses Gefühl dich schwach macht.“ Und das helfe ihm nicht.

Shahin Najafi bei einem Konzert in Deutschland

Shahin Najafi bei einem Konzert in Deutschland

In ein paar Szenen des Films zeigt sich der Künstler verletzlich und gibt einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt. Diese werten den Film auf, weil sie zeigen, wie es sich auf Najafi auswirkt, so viele Jahre unter Bedrohung – sei sie konkret oder abstrakt – Musik zu veröffentlichen und Konzerte zu geben. Es ist Kunst, die er seiner Meinung nach machen muss, die ihm aber im Äußersten das Leben kosten kann.

Der Systemkritiker und die Enkelin des ehemaligen Premiers

Die Dokumentation erzählt auch die Liebesgeschichte von Najafi und der Iranerin Leili Bazarghan, die er vor ein paar Jahren in Los Angeles kennenlernte. Sie stammt aus einer konservativen Familie, ihr Großvater war der erste Premierminister im Iran nach der Revolution, heißt es im Film. Sie komme aus der „oberen Schicht“, er aus der „Unterschicht“. Beide dachten, dass diese Beziehung nicht möglich sei. Aber sie wurden ein Paar. „Eine Familie, die Muslime sind und konservativ. Und jetzt seine Tochter mit jemandem zusammen, der Anarchist ist“, fasst Najafi ihre Historie in einen Satz.

Najafi nimmt Kontakt auf und schreibt an den Vater seiner Freundin. Später im Film sagt sie: „Ich habe einen Brief von meinem Vater erhalten. Darin sagt er, dass es für ihn unvereinbar ist, in einer Beziehung mit jemandem zu sein, der nicht an Gott glaubt.“ Den Künstler stört, dass der Vater in dem Brief vor allem über Gott spricht und fragt: „Wenn du an Gott glaubst und wenn dein Gott so mächtig ist, woran hast du so Zweifel?“

„Das ist unnötig, wenn ich sage, Gott existiert nicht“

Der Zuschauer begleitet das Paar auch bei einem Besuch des Kölner Doms. Najafi und seine Freundin sitzen andächtig auf einer Kirchenbank, sie legt ihren Kopf auf seine Schulter, betrachten die Kerzen und den sakralen Raum. Darüber hört man aus dem Off die Stimme des Künstlers: „Nietzsche hat gesagt: Gott ist tot - symbolisch.“ Doch Najafi möchte Gott nicht einfach ablehnen. „Das ist unnötig, wenn ich sage, Gott existiert nicht. Ich brauche ihn. Für mich existiert Gott, aber er schläft.“ Der Künstler sieht keine Auswirkung von Gottes Handeln auf der Welt.

Es sind viele Alltagssituationen, die die Doku „Wenn Gott schläft – Eine Liebesgeschichte in Zeiten der Angst“ zeigt. Und doch sind sie alles andere als alltäglich. Besonders das Zusammenfinden von Najafi und seiner Partnerin geben der Geschichte einen Hauch von „Romeo und Julia“, eine Liebesgeschichte, die nicht sein darf. Nicht nur für politisch und künstlerisch Interessierte bietet die Dokumentation sehenswerte Einblicke. Sie klärt auf, das politische Verfolgung nicht an einer Landesgrenzen Halt macht.

„Wenn Gott schläft – Eine Liebesgeschichte in Zeiten der Angst“: Mittwoch, 6. Februar, 23.25 bis 0.40 Uhr, WDR, sowie ab sofort und bis 13. Februar in der WDR-Mediathek

Interview des Christlichen Medienmagazins pro mit Shahin Najafi

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