Die Pariser Newcomerin Galatéa Bellugi spielt eindringlich die 19-jährige Anna, die eine Marienerscheinung in einem französischen Dorf hat

Die Pariser Newcomerin Galatéa Bellugi spielt eindringlich die 19-jährige Anna, die eine Marienerscheinung in einem französischen Dorf hat

Eine detektivisch auseinander genommene Marienerscheinung

Marienerscheinungen sind eine dubiose Angelegenheit. Aber der französische Regisseur Xavier Giannoli hat in seinem Film „Die Erscheinung“ mit einem detektivisch arbeitenden Journalisten eine gute Weise gefunden, das Phänomen zu untersuchen. Eine Filmkritik von Michael Müller

Der Vatikan lädt den französischen Journalisten Jacques Mayano (Vincent Lindon) nach Rom ein. Er soll Teil einer Prüfungskommission werden, die eine Marienerscheinung in einem Dorf im Südosten Frankreichs untersucht. Eigentlich ist das Sicht- und Nachprüfbare die Welt des Journalisten. Gerade ist er aus einem blutigen Einsatz im Irak heimgekehrt, wo er einen guten Freund und Kollegen verloren hat. Aber er lässt sich auf den Fall der 18-jährigen Anna (Galatéa Bellugi) ein. Vor zwei Jahren hatte die Novizin gleich mehrere Erscheinungen im Wald. Als Reliquie tauchte dann ein blutverschmiertes Tuch auf, das die Heilige Jungfrau dagelassen haben soll. Ein Kirchenbau ist an der Fundstelle geplant. Das Dorf Carbarat hat sich zum belebten Pilgerort entwickelt, in das Menschen aus aller Welt strömen.

In Frankreich wächst, wenn man die Filmindustrie des Landes beobachtet, die auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, das Interesse an Filmen, die sich mit den Themen Glaube, Christentum und Kirche auseinandersetzen. Vornehmlich passiert das kritisch. Das wichtigste deutsche Filmfestival, die Berlinale, hat für den kommenden Februar bereits die Premiere des François-Ozon-Films „Gelobt sei Gott“ vermeldet. Darin geht es um drei Männer, die in ihrer Jugend von ihrem Priester in Lyon missbraucht wurden und ihm jetzt das Handwerk legen wollen. Aber vergangenen Februar lief auf dem selben Berliner Festival auch das Drama „La priére“ (Das Gebet), das völlig unironisch und zunehmend zärtlich die Beziehung eines heroinsüchtigen Jungen zu seinem Glauben schildert. In einer katholischen Gemeinschaft wird er von ehemaligen Süchtigen aufgenommen und beim Entzug begleitet. Dem Werk ist leider bislang ein deutscher Kinostart verwehrt geblieben. Der am 13. Dezember bei uns in den Kinos gestartete Film „Die Erscheinung“ wiederum steht eher positiv zum Thema Glauben. Auch wenn er seine Geschichte mit einem sehr kritischen Blick auf das Phänomen der Marienerscheinung beginnt.

Die Kommission der Katholischen Kirche befragt Anna nach ihren Erlebnissen

Die Kommission der Katholischen Kirche befragt Anna nach ihren Erlebnissen

Wie untersucht man überhaupt eine Marienerscheinung?

Der Journalist Jacques – herrlich stoisch und nur scheinbar unspektakulär von Vincent Lindon gespielt – sagt im Vatikan auf die Frage, wie er zum Glauben stehe, dass er die Erstkommunion erhalten hat. Einen Rest Spiritualität habe er sich bewahrt, auch wenn er das nicht in Worten ausdrücken kann und auf keinen Fall mit der Kirche in Verbindung bringen will. Wie ein guter Detektiv macht er sich an den Fall der Marienerscheinung und untersucht die Biografie der jungen Seherin Anna. Auch wenn man den Reliquienkult der Katholischen Kirche ablehnt und Marienerscheinungen für Humbug hält, übt die Untersuchungskommission der Kirche eine gewisse Faszination aus: Wie ist diese Kommission zusammengesetzt? Nach welchen Kriterien prüfen die Experten, ob das stimmt, was Anna erzählt? Welche Charaktereigenschaften und Haltungen berücksichtigen sie positiv in ihrem Bericht? Wie und worauf wird eine Reliquie wie das gefundene Tuch untersucht? Und was bedeutet das endgültige Fazit für die Katholische Kirche?

Schnell entwickelt der Film einen gewissen Sog, weil sowohl der Journalist als auch die Zuschauer ahnen, dass etwas mit Anna nicht stimmt. Die 18-Jährige, die ohne Eltern aufwuchs und ihre Pflegefamilie verlassen musste, wirkt nicht wie eine Schauspielerin oder Lügnerin, die sich Geschichten aus Geltungssucht ausdenkt. Gleichzeitig ist aber auch unübersehbar, dass sie der Kommission und dem Journalisten etwas verheimlicht. Vor der Erscheinung war sie eine einfache Novizin im ortsansässigen Kloster. Jetzt wird sie von Menschen aus der ganzen Welt gebeten, sie zu segnen. „Ich höre die Schreie der Welt“, soll die Heilige Maria zu ihr bei der Erscheinung gesagt haben. Sie habe Anna aufgefordert, den Menschen zu helfen.

Journalist Jacques (Vincent Lindon) hadert mit sich selbst bei der Recherche

Journalist Jacques (Vincent Lindon) hadert mit sich selbst bei der Recherche

Ein in sich ruhender Film

Der Film „Die Erscheinung“ hinterfragt die Industrie, die sich an ein solches Phänomen anhängt. Fernsehsender wollen Exklusiv-Interviews mit Anna. Es werden Livestreams gestartet und kleine Anna-Statuen verkauft. Die Männer, die dabei die Fäden im Hintergrund ziehen, schildert der Film zwiespältig und taucht sie in dunkles Licht. Aber um diesen Industrie-Aspekt und die mögliche Scharlatanerie geht es dem französischen Regisseur Xavier Giannoli nicht hauptsächlich.

Die Konzentration liegt in diesem in sich ruhenden Film, der trotz seiner über zweistündigen Laufzeit einen sehr angenehmen Erzählrhythmus hat, auf einem alternden Mann in der Krise. Jacques hat wortwörtlich Blut an seiner Kameralinse, als er aus dem Irak nach Frankreich heimkehrt. Ein chronisches Pfeifen in seinem Ohr begleitet ihn auf der Suche nach der Wahrheit. Wobei ihm sehr schnell der Vatikan als Auftraggeber egal wird und es ihm dabei um sein eigenes Seelenwohl und sein Verhältnis zu Gott geht. Seine Beziehung zu Anna, die unter dem Druck der Verantwortung und der Last ihres Geheimnisses kaputt zu gehen droht, trägt die Geschichte. Auf eine Weise helfen sich beide gegenseitig, die eigene wahre Identität zu finden. Der Film löst auf, was es mit Anna und ihrer Erscheinung auf sich hat. Trotzdem bietet das Ende dahingehend keine große Erkenntnis, sondern zutiefst menschliche Gefühle als Erklärung an.

„Die Erscheinung“, Regie: Xavier Giannoli, 137 Minuten, ab 12 Jahren freigegeben, seit dem 13. Dezember in den deutschen Kinos.

Von: Michael Müller

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