Winfried Kretschmann bereitet sich auf das Ende seines politischen Lebens vor – und spricht dabei ungewöhnlich offen über Alter, Tod und Glauben. In einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte der scheidende baden-württembergische Ministerpräsident: „Meine Sommer sind gezählt, und ich muss mich jetzt, mal pathetisch gesagt, ja eher auf den Tod vorbereiten.“
„Der Glaube macht mich frei“
Auf die Frage, wie ihn sein christlicher Glaube durch seine beruflichen Jahre getragen habe, sagte der Katholik: „Erst einmal macht mich der Glaube frei.“ Der Glaube befreie ihn „von tiefen Ängsten, auch vor Versagensängsten“.
Als Politiker könne man immer scheitern, „und zwar richtig“, sagte Kretschmann. „Aber dann weiß ich, dass ich vor Gott nicht scheitere.“ Dieser Glaube habe „etwas Befreiendes“. Kretschmann formulierte es so: „Man hat die Gewissheit, man stürzt nicht in den Abgrund; wenn man politisch scheitert, scheitert man noch lange nicht als Mensch.“
Mit dem Alter habe sich sein Blick auf den Glauben verändert. „Wenn man älter wird, beschäftigt man sich mehr mit Gott als mit Kirchenstrukturen“, sagte Kretschmann. Außerdem sei ihm spät bewusst geworden, wie oft in Gottesdiensten Gott gedankt werde. Seine Schlussfolgerung: „Ohne eine Grunddankbarkeit kann man einfach nicht zufrieden sein, das ist völlig unmöglich.“
Kretschmann äußerte sich auch dazu, warum viele Menschen ihren Glauben verlieren. „Der Mensch ist ein hermeneutisches Wesen“, sagte er, er selbst habe sich bei liturgischen Texten immer gerne die Frage gestellt, was er nun dazu sagen solle. Viele Menschen ließen sich nicht darauf ein, sondern blieben irgendwann stehen. „Doch seinen Kinderglauben zu bewahren, klappt natürlich auch nicht, und dann verlieren sie den Glauben.“
Der Glaube müsse Sinn machen, sagte Kretschmann. „Das ist den Kirchen aber etwas verloren gegangen – in einer Welt, wo der Glaube oder die Religion nur noch eine Option ist.“
Keine Angst vor dem Tod
Gefragt, ob er Angst vor dem weiteren Altern oder vor dem Tod habe, antwortete der scheidende Ministerpräsident: „Als Christ habe ich keine Angst vor dem Tod. Wer an Gott glaubt und an die Hoffnung der Auferstehung, der kann dem Tod ins Gesicht schauen, ohne wegzugucken.“
Winfried Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg und der erste grüne Regierungschef eines deutschen Bundeslandes. Der 1948 geborene Politiker ist katholisch, war früher Lehrer und gehörte 1979/80 zu den Mitgründern der Grünen. Am 13. Mai endet seine Amtszeit.