Jürgen Mette würdigt in seiner Kolumne den ehemaligen Gnadauer Präses Michael Diener

Jürgen Mette würdigt in seiner Kolumne den ehemaligen Gnadauer Präses Michael Diener

Michael Dieners Abschied: Kämpfer für theologische Mündigkeit

Nach dem Ende der Amtszeit Michael Dieners als Präses des Gnadauer Verbandes wirft sein Weggefährte Jürgen Mette einen Blick auf das Wirken des pietistischen Theologen.

Als ich diesen Namen zum ersten Mal hörte, dachte ich, welch ein schöner Nachname. Diener! Und dann noch für einen Pfarrer. Ein Mann von überragender Statur trägt den Namen Diener. Da war die Assoziation zum Rat Jesu an seine karrierebewussten Jünger nahe liegend: „Wer der größte unter euch sein möchte, der sei euer aller Diener!“ Und dann kam er als pfälzischer Pietist und Kirchenmann in das Lager, das man heute evangelikal nennt. Er wurde zum hauptamtlichen Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes gewählt. Ein Präses ist einer, der vor etwas sitzt. Einer, der einer Interessengemeinschaft vorsteht und sie anführt, ertüchtigt und in Schutz nimmt. Einer, der „Kurs hält in stürmischer Zeit“– so lautete der Titel seiner Doktorarbeit über einen seiner Vorgänger, einen, der nicht über den Sturm lamentiert, sondern die Segel richtig setzte.

Damals bestand der „Sturm“ im Raum der Gemeinschaftsbewegung in der Frage, wie wir die „Innerkirchlichkeit“ der Landeskirchlichen Gemeinschaften gestalten. Die einen wollten weg von der Kirche, die anderen sahen darin den Sündenfall schlechthin. Auf diesem, von seinem Vorgänger Christoph Morgner vorbereiteten Boden, konnte er unbekümmert kultivieren, jäten, pflanzen, säen und ernten. In dieser Phase hat Michael Diener mit seinem weiten Herz viel Vertrauen gewonnen.

Mit überwältigender Mehrheit zum Allianzvorsitzenden gewählt

Er hat als Mann der Kirche den Gemeinschaftsgemeinden auf dem Weg zur mündigen Gemeinde alle erdenkliche Unterstützung gegeben. Auch mit seiner Berufung in den Vorstand von Willow Creek Deutschland wurden seine Qualitäten erlebbar. Er suchte das Verbindende! Er hörte zu, ließ sich anstecken von den Fragen der Ratsuchenden, für die er sich bis in die Nachtstunden Zeit nahm. Seine Nahbarkeit, sein echtes und brüderliches „Du“ war schnell vereinbart. Und er war ein enorm fleißiger Facebooker. Das war sein Kommunikationsmittel, Freunden und Feinden Gutes zu wünschen. Ein Vernetzer und Verbinder, einer, der um Klarheit und Wahrheit gerungen hat.

Da war es naheliegend, Michael Diener zum Vorsitzenden der Evangelischen Allianz in Deutschland zu wählen. Auch hier war er der Richtige zum richtigen Augenblick am richtigen Ort. Nach starken Jahren unter dem eloquenten Journalisten Jürgen Werth, war der Zeitpunkt gekommen, wieder einen Theologen zu wählen. Das geschah mit überwältigender Mehrheit bei nur einer Gegenstimme. Von diesem Augenblick formierte sich aus der konservativen Ecke langsam aber stetig eine Missgunst gegenüber dem Allianzvorsitzenden, besonders wegen seiner Berufung in hohe EKD-Ämter. Das gab es früher nicht und das soll es auch heute nicht geben. So habe ich die Stimmung jedenfalls wahrgenommen. Ich verdanke Michael Diener eine gründliche Revision meines Kirchenverständnisses. Ich konnte kaum noch glauben, dass Gott in dieser Kirche handelt. Bis ich eines Tages ausgestiegen bin, aus dem Chor der stets empörten zornigen Männer.

Störung unseres scheinbaren Friedens

Er war und ist ein Hoffnungsträger und mutiges Beispiel an Weite ohne Angst und ein Kämpfer für theologische Mündigkeit für viele jüngere Leute. Er hat die wunden Themen der Evangelikalen aufgedeckt. Dabei hat er beileibe nicht alles richtig gemacht. Aber wer könnte das von sich selbst behaupten.

Ein Mann, der von der Gnade gelebt hat und darum Gnade gewähren konnte: Michael Dieners Herz für die Geschundenen und Verachteten gab keine Ruhe. Mit sicherem Gespür macht er ein sorgfältig versiegeltes Fass nach dem anderen auf, lässt Sauerstoff rein – und schon brodeln, gären und zischen Themen aus den Fässern, von denen wir dachten, wir hätten sie im Keller evangelikaler Theologie bestens konserviert, zum Beispiel vom Umgang mit Menschen gleichgeschlechtlicher Lebensentwürfe. Damit hat Diener einen völlig kontaminierten Boden betreten. Und das war ihm bewusst. Es ging ihm nicht um Gefährdung des Hausfriedens, sondern um betroffene Menschen, deren Eltern sich in Grund und Boden schämen und die sich in evangelikalen Gemeinden bestenfalls geduldet fühlen. Frei nach der Melodie: Ja – aber! Oder als es um das EKD-Rettungsschiff ging. Was musste er sich zu diesem Thema nicht alles anhören.

Michael Diener hat unseren scheinbaren Frieden gestört. Und das ist nicht das Ende, sondern die Zukunft der Jesus-Leute.

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