Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Holocaust-Gedenken: Wenn die Worte fehlen

Jürgen Mette kennt Israel durch viele Reisen, liebt das Land sowie die Menschen darin und die Geschichte Gottes mit beiden. In der Kolumne von Jürgen Mette fragt der Autor nach den Konsequenzen aus der Rede von Bundespräsident Steinmeier in Yad Vashem.

Heilige Momente

Bei Studienreisen habe ich immer die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht. Warum zieht es mich immer wieder an den Ort der Erinnerung an die Schoa zurück, wo das brutalste Verbrechen der Menschheitsgeschichte dokumentiert ist? Warum vermeide ich es, dort Deutsch zu sprechen? Warum wollen Worte an diesem Ort nicht so leicht über meine Lippen? Warum weine ich stattdessen schweigend in mich hinein, wenn ich in der „Halle der Namen“ oder in der „Kindergedenkstätte“ stehe? Nach dem Besuch dort kämpften einige aus der Reisegruppe mit den Tränen. Andere ließen ihnen freien Lauf. Etliche schwiegen in ratloser Fassungslosigkeit. Sie fanden für das Unfassbare keine Worte.

Diese Augenblicke, wo niemand redet, wo keiner Worte findet, wo auch nach Stunden keine Plauderei aufkommt, das sind heilige Momente.

Kein deutsches Wort für das Grauen

Für die ideologisch verblendete und mit deutscher Gründlichkeit fabrikmäßig betriebene Vernichtung von sechs Millionen Juden hat die deutsche Sprache keinen eigenen Begriff. Kein Wort, das das unfassbare Leid angemessen ausdrücken könnte. Der aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments stammende hebräische Begriff „ola (kalil)“ – „das, was ganz im Rauch aufsteigt“, hat sich seit der Ausstrahlung des amerikanischen Fernsehfilms „Holocaust“ im Jahr 1979 dann auch in Deutschland verbreitet. Man kann das Wort mit „Ganzopfer“ oder „Brandopfer“ wiedergeben.

Das Wort „Schoa“ ist im Staat Israel der offizielle Begriff und wird im Neuhebräischen exklusiv zur Bezeichnung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden unter dem Nationalsozialismus verwendet.

Danke, Herr Bundespräsident!

Wie soll ein deutsches Staatsoberhaupt die Abgründe der Massenvernichtung von Millionen Juden in zehn Minuten einer Rede in Worte kleiden? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat dies 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Ausschwitz in Yad Vashem in tief bewegenden Worten zum Ausdruck gebracht. In der Sprache der Juden und in Englisch. Nicht in der Sprache der Maschinisten des Massenmordes. Danke, Herr Bundespräsident, für Ihren demütigen Auftritt in Jerusalem!

Der Bundespräsident habe „zu viele große Worte“ gewählt, erklärte der Historiker Michael Wolffsohn gegenüber der Passauer Neuen Presse. „Es sind zudem die immer gleichen Worte, also deren Inflationierung. Damit werden sie wertlos. Kein Wunder, dass kaum noch jemand zuhört.“ Aber: Soll der Bundespräsident den anwesenden Holocaustüberlebenden am Ort des Gedenkens stumm ins Gesicht schweigen? Und wie geht es Ihnen nach Ihren Vorträgen?

Es hat nicht lange gedauert, bis der Bundespräsident für seine Rede auch von der Jungen Freiheit abgestraft wurde. Die Rede sei „billig und bösartig“ gewesen, erklärte das fragwürdige Presseorgan. Eine Frechheit. Wieder bin ich sprachlos.

Kritik an seiner Rede möge Steinmeier weise stehen lassen, sich nicht in der gleichen schrägen Tonlage seiner Kritiker verteidigen. Der Bundespräsident muss sich aber der Frage stellen, ob sich die von ihm gewählten Worte im politischen Alltag als belastbar erweisen. Zum Beispiel im Abstimmungsverhalten bei UN-Resolutionen, die Israel betreffen. Ob den Worten nun die Taten folgen? Ich wünsche es ihm. Und uns. Und Israel.

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