Bei den islam- und EU-skeptischen Demonstrationen von Pegida sind auch Christen dabei. Sind sie deshalb politisch „rechts“?

Bei den islam- und EU-skeptischen Demonstrationen von Pegida sind auch Christen dabei. Sind sie deshalb politisch „rechts“?

Sind konservative Christen „rechts“?

Im Buch „Die Angstprediger“ will Autorin Liane Bednarz eine Unterwanderung der Kirchen durch „rechte Christen“ nachweisen. Die pro-Redakteure Jonathan Steinert und Moritz Breckner haben es gelesen – und kommen zu ganz unterschiedlichen Bewertungen.

Eine hilfreiche Analyse

Von Jonathan Steinert

Sind konservative Christen „rechts“? Thematische Überschneidungen zwischen konservativen Christen und der politischen Rechten sind nicht zu leugnen. Das zeigt sich an den Debatten, ob Christen AfD wählen oder bei Pegida mitmachen sollten. Familienbild, Islam, Medienskepsis, Kirchenkritik, Gender Mainstreaming – Themen, an denen sich konservative, fromme Christen zuweilen aufreiben und die auch die politisch Rechte besetzt.

Die Juristin und Publizistin Liane Bednarz führt diese Nähe in ihrem Buch „Die Angstprediger“ auf ein Dilemma zurück, „in dem man sich befindet, wenn man an den Wahrheitsanspruch des Christentums glaubt. Denn damit geht oft einher, diesen auf die politische Sphäre zu übertragen.“ Verständlich, dass Christen Gottes Gebote auch der Gesellschaft vermitteln wollen, meint Bednarz. „Das Ganze kippt jedoch, wenn man dabei die pluralistische Demokratie infrage stellt und glaubt, ‚Widerstand‘ leisten zu müssen, weil die gesellschaftliche und/oder politische Mehrheit anderen Maximen als den eigenen folgt.“ Eine wichtige Beobachtung, kann dieser Moment doch als Schwelle zur Radikalität gesehen werden. „Politreligiös“ nennt die Autorin das. Auch für die Abwehrhaltung mancher Christen gegenüber dem Islam sieht Bednarz darin eine mögliche Erklärung. Die Angst vor Synkretismus, Religionsvermischung, fördere die Skepsis gegenüber Flüchtlingen – und mache anfällig für rechtes Gedankengut.

Sachlich bleiben

Dass die Grenzen zwischen konservativ und rechts, Sympathisant und Anhänger, programmatischer Ausrichtung und inhaltlicher Nähe fließend sind, wird in dem Buch schnell deutlich. Dass es diese Graubereiche gibt, betont die Autorin – die sich selbst als konservative Christin versteht – an mehreren Stellen. Zwar leidet ihre eigene Argumentation teilweise unter dieser Unschärfe. Aber sie liefert auch Kriterien dafür, wo diese Trennlinie zu ziehen sei: „dort, wo sachliche Kritik in undifferenzierte Ablehnung übergeht“ und „hysterischen Tönen und Desinformationen Platz macht“.

So gibt es mit Blick auf die Schöpfungsordnung aus christlich-konservativer Sicht laut Bednarz nachvollziehbare Kritik etwa an Gender Mainstreaming oder der „Ehe für alle“ – während in rechten Kreisen diese Themen eher im Zusammenhang mit völkischen Ideen und Männlichkeitsidealen angegriffen werden. Nur: Statt sachlich darüber zu diskutieren rühre man Homo-Ehe, „Frühsexualisierung“, Gleichstellung von Mann und Frau zusammen „in einem großen Brei namens ‚Gender-Wahn‘“.

„Fromme“ Positionen hinterfragen

Die Abgrenzung zwischen dem „Fremden“ und dem „Eigenen“, undifferenzierte Sympathie für Autokraten wie Wladimir Putin als vermeintlichen Garanten christlicher Werte, der Kampf gegen den „Zeitgeist“ und gegen „politische Korrektheit“, die Sorge um das „christliche Abendland“, eine Rhetorik des Verfalls, Skepsis gegenüber der EU, der Vergleich der Bundesrepublik mit einer Diktatur – Bednarz zeigt zahlreiche Beispiele rechter rhetorischer Muster und Feindbilder auf. Christen, die diesen etwas abgewinnen, sollten sich hinterfragen, was genau ihre Motivation dafür ist und wie sie es mit der Liebe Jesu zusammenbringen, die – wie Bednarz richtig schreibt – allen Menschen gilt.

Eine Schwäche des Buches liegt darin, dass Bednarz kaum auf eigene Gespräche mit „rechten Christen“ zurückgreift. Sie bezieht sich fast ausschließlich auf öffentliche Äußerungen, Blog- und Zeitungsbeiträge. Der direkte Austausch, das offene Nachfragen bei denen, über die die Autorin schreibt, würde ihren Thesen mehr Halt und der Analyse mehr Tiefe geben.

Trotz mancher Mängel bei der Auswahl der Quellen und in der Argumentation: Bednarz liefert eine erhellende Analyse dessen, was neurechte Rhetorik kennzeichnet und warum diese Muster auch im „christlich-konservativen Milieu“ zu finden sind. Sie plädiert ausdrücklich dafür, konservative und fromme Positionen in der gesellschaftlichen Debatte „auszuhalten“, aber die Grenze zu rechtem Gedankengut, das dem christlichen Menschenbild widerspricht, klar aufzuzeigen. Bednarz ist dabei redlich um Differenzierung und Klarheit bemüht, sofern das auf einem Feld mit viel Grau, fließenden Grenzen und unscharfen Begriffen möglich ist. Daher ist ihr Buch ein hilfreicher Beitrag in einer Debatte, die zu oft reflexhaft und pauschalisierend geführt wird.

Stigmatisierung mit dürftigen Belegen

Von Moritz Breckner

Für dieses Buch wurde kein Rechercheaufwand gescheut, das muss man der Autorin lassen. In mutmaßlich vielen anstrengenden Stunden hat Liane Bednarz die sozialen Netzwerke durchforstet, auf der Suche nach Likes, Shares und Worten, die einen Kandidaten als rechts dis- und damit für ihr Buch qualifizieren. Und die Mühe hat sich gelohnt: Der evangelische Pfarrer Philip Kiril Prinz von Preußen etwa hat Beiträge des Online-Magazins Epoch Times geteilt, das Bednarz als „schrill rechtspopulistisch“ aufgefallen war. Aber immerhin: Als sich die damalige Bundessprecherin der „Christen in der AfD“, Anette Schultner, von der „Patriotischen Plattform“ der AfD distanzierte, drückte Kiril auf „Gefällt mir“.

So geht das in „Die Angstprediger“ in einem fort. Dass viele Christen rechte Tendenzen haben, macht Bednarz zum Beispiel an folgendem Indiz fest: „Viele“ Christen hätten den – unbestreitbar rechten und vulgären – türkischen Schriftsteller Akif Pirinçci in den sozialen Medien mit seinem Vornamen angesprochen „und suggerierten damit eine gewisse Vertrautheit“. Anders als Frau Bednarz, die wahrscheinlich auch auf Facebook Menschen mit „Sehr geehrter Herr“ anredet, hat sich demnach auch die „Gender-Kritikerin“ Birgit Kelle diesen Fauxpas geleistet, schlimmer noch: Mit „lieber Akif“ habe Kelle den Autoren einmal in einer Facebook-Diskussion angesprochen, „und zwar in einer Situation, in der man von einer Frau, die ihr Christentum so stark betont, wie sie das tut, wirklich anderes erwartet hätte“.

Dass Menschen vor allem an den persönlichen Erwartungen von Frau Bednarz scheitern – im Klartext: Hier und da anderer Meinung sind als sie selbst – das wird beim Lesen mehr als deutlich. Und da ist keine Kleinigkeit zu klein, um nicht von der Autorin als schweres Problem gelistet zu werden: Als das evangelische Magazin idea Spektrum zwei Autoren zum pro und kontra zur Frage „Ist die Angst vor Überfremdung unchristlich?“ bat, war schon die Überschrift problematisch, weil „Überfremdung“ nicht in Anführungszeichen gesetzt war und somit „salonfähig“ gemacht wurde. Ein Fehler, der Bednarz selbstverständlich nicht passiert: Die Sorge vieler Eltern vor einer „Frühsexualisierung“ ihrer Kinder setzt sie ordentlich in Anführungszeichen um zu zeigen, dass diese Sorge ganz und gar unberechtigt ist.

Der Leiter der evangelischen Nachrichtenagentur idea, Matthias Pankau, hat auch einmal etwas schlimmes getan: er nannte Bednarz einst in einem Kommentar „linke Publizistin“. Das kann die Autorin, die sich selbst als „liberal konservativ“ bezeichnet, nicht unkommentiert lassen: Pankau habe eine „holzschnittartige, ja groteske Sichtweise“ an den Tag gelegt.

Auch die Evangelische Allianz wird beurteilt

Dass solche Begebenheiten in „Die Angstprediger“ Raum einnehmen, offenbart, dass die Autorin klare Feindbilder pflegt. Eine starke Meinung kann man durchaus haben, doch die Stigmatisierung teils noch legitimer Meinungen und ihrer Vertreter als „rechts“ ist es nicht. Überhaupt schadet Bednarz der Definition von tatsächlich abzulehnender rechter Ideologie, wenn sie etwa schon Kritik an der EU-Bürokratie als Indiz für rechtes Denken wertet. Allen Ernstes nimmt sie sich Zeit, um zu erklären, dass die Verordnung der EU zur Gurkenkrümmung bereits seit 2009 nicht mehr gilt, um damit zu zeigen, dass es Quatsch sei, die EU auf solche Verordnungen zu reduzieren.

Als wäre all das nicht genug, arbeitet sich Bednarz auch noch an der Deutschen Evangelischen Allianz ab. Dass deren Akteure theologisch konservativ ausgerichtet sind, heiße noch lange nicht, dass sie politisch rechtes Gedankengut vertreten oder mit Medien oder Akteuren der Neuen Rechten in Verbindung stehen, schreibt sie treffend. Das gelte sowohl für Michael Diener als auch Ulrich Parzany. Anders jedoch sehe es beim Generalsekretär der Allianz, Hartmut Steeb aus. Steeb habe nämlich gesagt, dass „die Political Correctness gern zum Instrument gegen christliche Positionen gemacht“ werde. Außerdem habe er der Zeitung Junge Freiheit Interviews gegeben, und Der Spiegel habe ihn einst gedanklich in der Nähe von Pegida verortet. Der Mann soll also irgendwie verdächtig sein, bleibt beim Leser haften.

Nein, dieses Buch ist keine hilfreiche Analyse. Es ist persönlich und interessengeleitet, es stellt legitime Meinungen in die rechte Ecke und ist obendrein schwammig: „viele“ Christen, „viele Katholiken“ seien in irgendeiner Form „anfällig“ für irgendwelche Meinungen, die vielleicht tatsächlich auch von der AfD vertreten werden, aber eben auch von vielen anderen. Die Belege sind dürftig und finden sich meistens in der Presse oder den sozialen Medien.

Deshalb ist auch der Untertitel des Buchs, „Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirche unterwandern“, aus der Luft gegriffen. Er suggeriert, dass eine organisierte Gruppe von „Rechten“ die Kontrolle in Kirche und Gesellschaft an sich reißen könnte und kurz vor der Machtergreifung steht. Eine These, die die Autorin so nicht belegt – und die nicht zu halten ist angesichts der linksliberalen Deutungshoheit in vielen evangelischen Landeskirchen und mindestens bei der Flüchtlingsfrage auch in vielen Freikirchen und der Katholischen Kirche sowie in den Medien. Die wahre „Angstpredigerin“ scheint die Autorin selbst zu sein.

Liane Bednarz: „Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“, Dromer, 256 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 9783426277621

Liane Bednarz: „Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“, Dromer, 256 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 9783426277621

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